"Dürer würde heulen"

Fußgängerampel mit grünem Dürer-Hasen in der Äußeren Laufer Gasse in Nürnberg
epd-bild/Thomas Tjiang
Ein roter sitzender und ein grüner springender Hase zieren die Fußgängerampel in der Äußeren Laufer Gasse in Nürnberg.
Selfmade-Millionär oder Ausverkauf?
"Dürer würde heulen"
555 Jahre nach seiner Geburt läuft die Vermarktungsmaschinerie rund um Albrecht Dürer auf Hochtouren. Der Großmeister muss für Albrecht-Dürer-Pils, Original Nürnberger Dürer-Schokokugeln oder als Ampelhäschen seinen Motiven herhalten.

Seit Ende vergangenen Jahres sorgt der Feldhase, Albrecht Dürers wohl bekannteste Naturstudie, für mehr Verkehrssicherheit in der Nürnberger Innenstadt. Ein roter sitzender und ein grüner springender Hase zieren die Fußgängerampel in der Äußeren Laufer Gasse. Mit diesen Leuchtsignalen weist die Stadt sowohl auf den 555. Geburtstag des berühmtesten Sohns der Stadt in diesem Jahr als auch auf das Jahr 2028 hin. Dann jährt sich der Todestag des Malers und Kupferstechers zum 500. Mal. Am Ende dieses Dürerjahres verschwinden die Motive der Ampel.

Das jetzige Jubiläumsjahr ist für die Stadtführerin und Historikerin Susanne Rieger vom Nürnberger Testimon Verlag Grund genug, sich in zwei unterschiedlichen Rundgängen mit Tops und Flops in der Dürer-Rezeption zu beschäftigen. "Bis heute ist Dürer die Marke der Stadt Nürnberg - das ist einzigartig." In Museen schaffe es der Maler auch jetzt noch, Betrachter zum Innenhalten und Verstummen zu bringen. "Die Wirkung ist auch in der heutigen Zeit fantastisch."

Eine Tour von Rieger führt vom Hauptmarkt entlang des vom Meister ausgemalten großen Rathaussaals und dem Albrecht-Dürer-Denkmal zum Tiergärtnertorplatz. Dort findet sich die Hasenskulptur von Jürgen Goertz, eine Auftragsarbeit der Stadt zum 500. Geburtstag Dürers. Anders als dessen naturalistische Arbeit ist das Werk von Goertz eine überdimensionierte Bronzeskulptur. Mit weit aufgerissenem Auge scheint der Hase mit seinem Nachwuchs aus einem Holzverschlag zu quellen. Die Pfote mit kräftigen Krallen ruht auf einem menschlichen Fuß. Goertz' moderne Interpretation des Dürerhasen ist auf Lob und Kritik gestoßen und gilt als Klage über die Kommerzialisierung des berühmtesten Künstlers Nürnbergs.

Klaus Staeck malte den Dürer-Hasen zum Welttierschutztag 1987 gefangen in einem geschlossenen Holzblock, aus dem nur der Kopf und die Vorderpfoten herausschauen. 2003 installierte Ottmar Hörl 7.000 Dürer-Hasen in Grün als "Das große Hasenstück" in Anlehnung an Dürers Aquarell "Das große Rasenstück" auf dem Hauptmarkt. Als die Großskulptur aufgelöst wurde, konnten sich die Nürnbergerinnen und Nürnberger einen Rasenhasen als "Kulturbotschafter für die Dürer-Stadt Nürnberg" für 30 Euro sichern.

Von Alkohol bis Teddybären

Das Bewusstsein der Stadt für die Markenkraft Dürers begann bereits mit dem ersten Dürerjahr 1928. Damals wurde ein offizielles Logo mit Dürers Initialen geschaffen. In dem Jahr kam auch die erste Werbung für Albrecht-Dürer-Zeichenstifte von einem Nürnberger Stifthersteller heraus. Heute kenne die "Verkitschung" keine Grenzen mehr, beklagt Rieger. Zu den Flops zählt sie einen Dürer-Gin, Corona-Masken mit Dürer-Mund, Teddybären mit Dürer-Wams entsprechend seinem Selbstporträt, Lebkuchendosen oder Stofftaschen mit Dürer-Motiven in vielen Farben.

Der Vermarktungs-Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. In Anlehnung an die Mozartkugeln können Touristen auch Original Nürnberger Dürer-Kugeln kaufen, zum Albrecht-Dürer-Glühwein oder Pils greifen sowie einen Playmobil-Dürer mit Staffelei erstehen. "Dürer würde heulen", ist sich Rieger sicher - sie spricht von "Missbrauch".

Dürer, der Selfmade-Millionär

Andererseits gilt Albrecht Dürer selbst als erfolgreicher Unternehmer und wohl als erster Künstler, der von seinen Druckgrafiken leben konnte. Das städtische Museum Albrecht-Dürer-Haus widmet sich aktuell seinem "AD"-Monogramm als erstes erfolgreiches Markenlogo der Geschichte. Daher würdigt das Haus seinen Namenspatron als Selfmade-Millionär.

Rieger berichtet auch von sprunghaft angestiegenen Besucherzahlen, wenn Museen Dürer neu oder anders inszenieren, wie im Dürer-Haus nach der Renovierung zum zweiten Dürerjahr der Stadt Nürnberg 1971. So werde es auch 2028 in der Wiener Albertina sein, die dann unter anderem Dürers Locke und die betenden Hände, eigentlich eine Vorstudie für ein Altarbild, zeigen wollen.

Die Rezeptionsgeschichte mit weiteren Tops und Flops beleuchtet Rieger mit ihrer zweiten Tour, bei der unter anderem das Selbstbildnis im Pelzrock und eben die betenden Hände im Mittelpunkt stehen. Diese Tour führt zum Johannisfriedhof mit Dürers Grab vor den Toren der Altstadt.

Auch wenn viele Werke Dürers im Laufe der Jahrhunderte verloren gingen - bis heute gibt es noch etwa 90 Gemälde, 100 Kupferstiche, 300 Holzschnitte und etwa ebenso viele Buchillustrationen. "Dürer hätte sich über die anhaltende künstlerische Adaption gefreut", ist sich die Stadtführerin sicher.

Ob das auch für Toni Burghardts Spaniel-Hund in Anlehnung an den Pelzrock-Dürer gilt, ist unklar. Diese "freche Version" brachte dem Nürnberger Künstler Burghardt 1971 zahlreiche Drohbriefe ein. Diese und viele andere kleine Anekdoten an historischen Ereignissen, kunstgeschichtlichen Deutungen, Kitsch und Kommerz bündelt Rieger auf ihren abwechslungsreichen Touren.