TV-Tipp: "Der Saarland-Krimi: Bruder, Liebe, Tod"

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30. April, ARD, 20.15 Uhr
TV-Tipp: "Der Saarland-Krimi: Bruder, Liebe, Tod"
Ein Walkout nach Trauma, ein neues Leben mit Straftätern – und dann ein Mordfall, der alles neu aufmischt: "Bruder, Liebe, Tod" entfesselt einen neuen Donnerstagskrimi mit Tiefgang, Spannung und einem starken Ensemble.

Ein Polizist quittiert nach einem traumatischen Ereignis den Dienst und kümmert sich fortan als Sozialarbeiter um gestrauchelte Jugendliche, wird aber "rückfällig", als ein Schutzbefohlener in einen Mord verwickelt wird: Das ist die Handlung des Auftaktfilms zur im Januar gestarteten RTL-Reihe "Einsatz Seeler" mit Sebastian Ströbel. Der Titelheld hat die heruntergekommene elterliche Werft in ein Sozialprojekt umgewandelt.

Der "Saarland-Krimi" funktioniert nach exakt dem gleichen Muster: Bewährungshelfer Tayfun Can hat als Anlaufstelle für aus der Haft entlassene junge Leute auf einer Bergbaubrache das Gastro-Projekt "Kleine Freiheit" gegründet. Er lebt auch auf dem Gelände, in einem zur Wohnung umgebauten Schienenbus. Seeler hat die Polizei verlassen, als sein Halbbruder vor seinen Augen von einem Kollegen erschossen wurde, Can (Aram Arami) musste hilflos mit ansehen, wie ein junger Mann im Drogenrausch vom Dach in den Tod stürzte. Er kehrt außerdienstlich in seinen alten Beruf zurück, weil sein kleiner Bruder unter Mordverdacht steht.

Von den Parallelen abgesehen ist "Bruder, Liebe, Tod" ein sowohl inhaltlich wie auch optisch richtig guter Krimi. Die lange Zeit rätselhafte Handlung ist sowieso interessant, zumal auch noch ein veritabler Mafiakiller mitmischt, aber sehenswert ist dieser mögliche Pilotfilm einer neuen Donnerstagsreihe neben den ausnahmslos guten darstellerischen Leistungen vor allem wegen der ungewöhnlich aufwändig wirkenden Bildgestaltung. Der Film beginnt mit einer Verfolgungsjagd, die mit dem Todessturz endet; der Prolog entpuppt sich als Albtraum, den Can jede Nacht hat. Allerdings geht es umgehend im gleichen Tempo weiter: Ex-Kollegin Elisa Santori (Olga von Luckwald), mittlerweile Kriminalhauptkommissarin, leistet mitsamt ihrem Partner Hanno Berger (Stefan Gorski) Amtshilfe für die Bundespolizei, es geht um Schwarzgeld; die beiden observieren die Alten Markthallen.

Hier kommt es ebenfalls, begleitet von entsprechender Action-Musik (Michael Klubertanz), zu einer Verfolgungsjagd, die abrupt endet, als auch Elisa vom damaligen Trauma eingeholt wird. Als Berger einen Kühlraum durchsuchen will, erkennt sie dank ihrer Ausbildung beim Afghanistan-Einsatz das unverkennbare Klicken einer Sprengfalle und rettet ihm im letzten Moment das Leben.

 

Allein diese ersten fünf Minuten enthalten mehr Spannung und Dynamik als die meisten anderen Donnerstagskrimis über die volle Länge, und quasi nebenbei werden auch noch die wichtigsten Figuren eingeführt. Die Besetzung ist gleichfalls vortrefflich: Aram Arami erfreut regelmäßig als Trio-Mitglied der "Drei von der Müllabfuhr" (ARD), Stefan Gorski war zuletzt ganz famos als geläuterter Gewalttäter in dem ZDF-Thriller "Im Schatten der Angst: Der Skorpion" (2026), und dass Elisa ziemlich cool auftritt, liegt nicht nur an ihren halbitalienischen Wurzeln oder Olga von Luckwalds ausgesprochen eleganter Kleidung.

Dazu passt die außerordentliche frostige Begrüßung des Kollegen, dem sie nachträgt, dass er sich damals einfach aus dem Staub gemacht hat. Immerhin treffen sie ein Arrangement: Er befragt Leute, die gegenüber der Polizei "stumm wie ein Fisch" wären, wie es einmal heißt, sie hält seinen kleinen Bruder vorerst aus der Schusslinie. Momo (Doguhan Kabadayi) hatte sich nach einer Nacht im Club mit einem Typen geprügelt, der DJ Ruby (Sarah Mahita) sexuell belästigt haben soll. Kurz drauf hat jemand dem Mann eine Überdosis Ecstasy verabreicht. An seiner Leiche hat die Rechtsmedizinerin (Anne Mareen Rieckhoff) DNS-Spuren gefunden, die einem engen männlichen Verwandten Tayfuns gehören müssen.

Wie das alles miteinander zusammenhängt und in einen doppelt dramatischen Schluss mündet, weil sich schließlich rausstellt, dass der Prolog auf dem Dach nur die halbe Wahrheit offenbart hat, ist ziemlich clever und zudem überraschend eingefädelt, wobei natürlich auch der aktuelle Fall in ein Finale in luftiger Höhe mündet. Zu den Meriten von Drehbuchautor Mathias Schnelting zählen unter anderem diverse Folgen für "Helen Dorn", Regisseurin Janis Rebecca Rattenni hat gemeinsam mit Stammkameramann Victor Voß zuletzt unter anderem mit "Man stirbt nur zweimal" (2024) einen herausragend guten "Tatort" aus Münster gedreht. Ob der Saarländische Rundfunk die Reihe fortsetzt, ist wie immer eine Erfolgsfrage. Arami, Luckwald und Gorski sind jedenfalls ein Ensemble mit Potenzial, ebenso wie die markant besetzten Nebenfiguren (allen voran Cem Öztabakci) aus Cans Vergangenheit. Der wichtigste Drehort, das Schaubergwerk La Mine Wendel im Parc Explor Wendel (Petite-Rosselle), ist ohnehin faszinierend.