Markus Lüpertz misst sich nur mit den Größten. Mehr als einmal sprach er von seiner eigenen Genialität. Maler wie Monet, Goya, Picasso, Da Vinci oder Michelangelo seien sein Maßstab, sagte der Düsseldorfer Künstler beispielsweise 2023 bei einer Veranstaltung im Wilhelm-Fabry-Museum in Hilden.
Er betrachtet sich selbst als Teil einer kunsthistorischen Ahnenreihe: "Ich hoffe, dass, wenn über diese Zeit geredet wird, auch über mich geredet wird." Entsprechend selbstbewusst tritt er öffentlich auf. Der Künstler mit dem gepflegten grauen Spitzbart trägt gern maßgeschneiderte Anzüge.
Accessoires wie Einstecktücher, goldene Krawattennadeln, auffällige Fingerringe und Gehstöcke mit kunstvoll verzierten Knäufen komplettieren sein Outfit. Sein Auftreten brachte ihm den Titel "Malerfürst" ein, den er aber selbst ablehnt.
Rausschmiss aus der Kunstakademie
Lüpertz, der am 25. April 85 Jahre alt wird, wollte nach eigener Aussage von klein auf Maler werden. Er kam 1941 im böhmischen Reichenberg (heute Liberec) zur Welt, 1948 siedelte seine Familie ins niederrheinische Rheydt um. Er besuchte die Werkkunstschule Krefeld, 1961 wurde er an der Düsseldorfer Kunstakademie angenommen, jedoch schon nach einem Semester wieder exmatrikuliert. Gründe waren nach seinen Worten eine Schlägerei, aber auch künstlerische Meinungsverschiedenheiten mit seinen Professoren.
Dennoch setzte er sich als freischaffender Künstler durch, bekam 1974 eine Professur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe und kehrte 25 Jahre nach seinem Rausschmiss als Professor an die Düsseldorfer Akademie zurück. Ab 1988 war er dort 20 Jahre lang Rektor.
Malerei als Mysterium
Lüpertz begann seine künstlerische Karriere im Berlin der 1960er Jahre, als die abstrakte Malerei die Kunstwelt dominierte. Ihr setzte er seine "dithyrambische" Malerei entgegen. Mit dem Begriff spielt er auf die ekstatischen Chorgesänge zu Ehren des griechischen Gottes des Rausches, Dionysos, in der Antike an.
In seinen frühen Gemälden, die dem Neoexpressionismus zugerechnet werden, stellt Lüpertz einfache, gegenständliche Formen in den Mittelpunkt, zum Beispiel Dachpfannen, Ähren oder Helme. Zugleich betont er aber, dass seine Bilder keine Realität abbilden. "Das ist das Geheimnis von Malerei: Dass sie immer ein Mysterium bleiben muss, dass sie die Phantasie des Betrachters nicht ausschaltet."
Umstrittene Skulpturen
Das Publikum fühlt sich allerdings oft provoziert. Vor allem Lüpertz‘ Skulpturen stoßen häufig auf Ablehnung. Seine 2005 in Salzburg aufgestellte einarmige Mozart-Skulptur etwa sorgte mit ihren groben weiblichen Kurven, den weit aufgerissenen Augen und dem weißen Gesicht für Empörung. Schon zwei Monate nach der Aufstellung wurde die Statue beschädigt. Auch Lüpertz‘ 2,70 Meter hohe Beethoven-Skulptur erregte 2014 in Bonn Anstoß. Zugleich stehen seine Plastiken aber auch im Bundeskanzleramt oder im Bundesgerichtshof. Vor zwei Jahren präsentierte er eine Gemäldeserie zum 75-jährigen Jubiläum des Grundgesetzes an dessen Geburtsstätte, dem Bonner Museum Koenig.
Streit um Kirchenfenster in Hannover
Lüpertz dehnt seine künstlerische Arbeit weit über die Grenzen der Leinwand und der Skulptur aus. In den vergangenen Jahren machte der zum Katholizismus konvertierte Künstler vor allem durch seine Kirchenfenster Schlagzeilen. Er entwarf Fenster für die Kölner Dominikanerkirche Sankt Andreas, die Lübecker Marienkirche, die Evangelische Marienkirche in Lippstadt oder zuletzt für den Naumburger Dom. Aufsehen erregte aber vor allem sein "Reformationsfenster" für die Hannoveraner Marktkirche. Das Fenster zeigt eine große weiße Figur, die den Reformator Martin Luther (1483-1546) darstellen soll, dazu Motive zur Reformation. Ins Auge fallen ein Gerippe und fünf dicke schwarze Fliegen, die das Böse und die Vergänglichkeit symbolisieren sollen.
Neben einem Rechtsstreit mit dem Erben des Kirchen-Architekten gab es Ärger um den Stifter des Fensters: Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD). Nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine 2022 waren die von Schröder eingeworbenen Gelder wegen dessen Nähe zum russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht mehr erwünscht. Lüpertz hingegen hielt an seiner Freundschaft zu Schröder fest. Am Ende flossen Schröders Spenden in einen Ukraine-Fonds. Das Fenster konnte 2023 mithilfe anderer Spender eingeweiht werden.
In Karlsruhe gestaltete er einen Zyklus zur Schöpfungsgeschichte an unterirdischen Bahn-Haltestellen. Große Museums-Ausstellungen hatte Lüpertz in den 2020er Jahren in Deutschland nicht mehr. Dafür wurde er 2022 im französischen Orléans und 2024/25 im südkoreanischen Daejeon mit Einzelausstellungen gewürdigt.
Lüpertz‘ Schaffenskraft scheint auch im Alter ungetrübt. Erst Ende März hatte seine Inszenierung von Richard Wagners Oper "Rheingold" Premiere, seine zweite Regiearbeit für das Staatstheater Meiningen in Thüringen. Er schuf dafür auch Bühnenbild und Kostüme. Lüpertz schreibt zudem Gedichte und tritt als Free-Jazz-Pianist auf.





