Die 11-jährige Salome Buchholz steht im Probenraum und schaut konzentriert auf Kantor Robin Hlinka am Klavier. "Chorsänger-Stand!", ruft dieser in die Runde der Jugendlichen, die daraufhin ihre Füße für eine feste Position justieren. Der Jugendchor, die sogenannte Kurrende, ist Teil der Braunschweiger Domsingschule: Seit 50 Jahren eine der größten Einrichtungen für evangelische Kirchenmusik in Deutschland. Geprobt wird für das große Jubiläum Anfang Mai.
Für Salome, im schwarzen Harry-Potter-Kapuzenpullover, zählen die wöchentlichen Proben, seitdem sie fünf Jahre alt ist, zum Höhepunkt der Woche. Momentan studiert sie gemeinsam mit den anderen Schülern viele Stücke des englischen Komponisten und Dirigenten Sir John Rutter ein. Der 80-Jährige will selbst für einen Chortag zum Jubiläum nach Braunschweig kommen und dort dirigieren. "Das ist eine starke Leistung", sagt das Mädchen mit glänzenden Augen.
Domkantorin Elke Lindemann habe für diesen prominenten Besuch immer wieder in Großbritannien nachgefragt und schließlich die Zusage bekommen, erzählt sie lächelnd. Chöre aus der Region, aber auch aus ganz Deutschland, werden dafür am 3. Mai im Braunschweiger Dom gemeinsam singen. Insgesamt bilden dann 1.200 Sängerinnen und Sänger einen riesigen Chor.
Ehemalige kommen "nach Hause"
Lindemann, die selbst seit mehr als 26 Jahren Domsingschülerinnen und -schüler unterrichtet, hat auch Ehemalige angeschrieben. Viele werden zu den Jubiläumsfeierlichkeiten vom 1. bis 10. Mai nach Braunschweig reisen. Eine große Zahl der früheren Sängerinnen und Sänger hat sie von Kindesbeinen an begleitet, erzählt sie gerührt. "Für die meisten ist es wie ein Nachhausekommen." Oft fällt der Begriff der "zweiten Familie", wenn von der Domsingschule gesprochen wird. So auch bei Kathrin Owsiany-Paul, die in der Sonne vor dem Braunschweiger Dom sitzt.
Seitdem sie etwa sechs Jahre alt ist, singt sie hier, erzählt die 55-Jährige und ist damit eine der wenigen, die die ganze Geschichte der Domsingschule miterlebt hat. Gegründet wurde die Schule vom damaligen Kirchenmusikdirektor und Domkantor Helmut Kruse (1936-2009). Innerhalb kürzester Zeit versammelten sich mehrere hundert Kinder zu den Proben. Inzwischen zählen rund 400 Kinder und Jugendliche und 200 Erwachsene dazu. Heute singt Owsiany-Paul gemeinsam mit ihrem Mann im Domchor für Erwachsene.
Beim Singen abschalten
Zwar investiere sie viel Zeit und Energie in die Proben und Auftritte am Wochenende, räumt sie ein. Denn wer mitsingen möchte, verpflichte sich auch, verlässlich zu den Terminen zu erscheinen: "Aber wenn man ein Konzert geschafft hat, ist man stolz, egal ob man acht oder achtzig Jahre alt ist." Auch für die 18-jährige Moira Klein spielt die Domsingschule seit Jahren eine wichtige Rolle im Leben - insbesondere an Tagen, an denen ihr unzählige Dinge durch den Kopf gehen: Beim Singen könne die Abiturientin abschalten, sagt sie. "Das kann man gegen nichts eintauschen."
Viele Domsingschüler empfinden die Konzertreisen ins Ausland oder die Freizeiten als die Höhepunkte des Schullebens. Domkantorin Lindemann unterstreicht die Bedeutung dieser Reisen: Bei den Proben im Alltag bleibe oft keine Zeit, sich näher kennenzulernen. "Das gemeinsame Leben und Lernen verbindet." Moira Klein, die nach einem Konzert einfach fragte, ob sie mitsingen darf, findet außerdem bemerkenswert, dass die Schule ganz ohne Aufnahmeprüfung für jeden offen ist: "Egal, wo du herkommst, wenn du dabei sein möchtet, wirst du in eine Gemeinschaft aufgenommen und wirst so akzeptiert, wie du bist." Das sei heutzutage wirklich selten.
Tipp der Redaktion: Knapp 70 Kilometer entfernt von Braunschweig, startet auch das erste Mitsingfestival der Landeskirche. Unter dem Motto "Wer singt, blüht auf!" werden in weiten Teilen Niedersachsens bis 25. Mai 2026 voraussichtlich mehr als 30.000 Stimmen erklingen. Am Samstag, 2. Mai, 18 Uhr, sind alle Singbegeisterten und solche, die es werden wollen, zu einem 45-minütigen Mitsingprogramm eingeladen, das an 18 Orten zeitgleich gesungen wird. Das Programm endet mit mehreren regionalen Mitsingevents am Pfingstmontag, 25. Mai 2026.





