Die Plastikkörbe sind gefüllt mit Paprika, Salat, Bananen und Apfelsinen. Ehrenamtliche Helfer und Helferinnen der Gießener Tafel flitzen zwischen den Regalen hin und her und legen Joghurt oder Schokolade dazu. Am Tresen warten Frauen mit ihren Kindern. Sie nehmen die Körbe entgegen und räumen die Lebensmittel in ihre Taschen und Rucksäcke.
4.500 Nutzer kommen zurzeit zur Gießener Tafel, um gespendete Lebensmittel abzuholen, die sonst vernichtet würden. Vor allem in Krisenzeiten werden Tafeln für viele Menschen zum Rettungsanker. "Alle Veränderungen in der Welt sind hier spürbar", sagt die Leiterin Anna Conrad. Corona, Ukrainekrieg, Energiekrise: Steigende Kosten bringen Menschen mit wenig Geld schnell in existenzielle Not.
Die Arbeit der Tafeln unterliegt einem stetigen Wandel. "Oberstes Credo" bleibe zwar, unverkäufliche Lebensmittel an bedürftige Menschen zu verteilen, sagt Anna Conrad. Aber die Gießener Tafel will Menschen nicht in Armut belassen, sondern Perspektiven eröffnen. "Wir versuchen in Gießen, uns mit den Entwicklungen mitzubewegen, nicht am Ist-Zustand festzuhalten." Deshalb biete die Einrichtung vieles, was nicht zur klassischen Tafel-Arbeit gehört.
In Gießen gibt es beispielsweise ein Obstfrühstück für Erstklässler, Materialtüten für Schüler mit Zeichenblock, Kleber und Geodreieck, Kinder-Schwimmkurse sowie eine Wunschbaum-Aktion zu Weihnachten. Außerdem besteht die Möglichkeit einer Sozialberatung. Nicht alle Tafeln könnten das stemmen, räumt Anna Conrad ein, "aber wir haben das für uns so entschieden".
Mittagstisch, Kaffeetrinken, Bringdienst
Um die Arbeit der hessischen Tafeln zu koordinieren, gründete sich 2016 ein Landesverband. Er feiert am 16. April in Wetzlar sein zehnjähriges Bestehen. 57 hessische Tafeln, und damit alle bis auf die Frankfurter, gehören der Dachorganisation an. Viele Tafeln seien älter als der Landesverband, verdeutlicht Vorstandsmitglied Katja Bernhard.
Katja Bernhard betont, dass jede Tafel ein eigenes Konzept fährt. "Wenn eine Tafel sagt, wir müssen einen Aufnahmestopp verhängen, ist das in Ordnung." Oft mangele es an Kapazitäten. Trotzdem unterstützten alle 57 Mitgliedstafeln ihre Kunden zusätzlich mit Hygieneartikeln. Einige bieten einen Mittagstisch an, manche liefern Waren an immobile Kunden nach Hause, helfen bei den Schularbeiten oder organisieren ein gemeinsames Kaffeetrinken. In Wetzlar und Hanau gibt es Kleiderläden. 21 Tafeln befinden sich in Trägerschaft der Diakonie oder der evangelischen Kirche.
Handel kalkuliert besser
Rund 110.000 Menschen suchten im vergangenen Jahr die hessischen Tafeln auf. In der Corona-Zeit schnellten die Zahlen in die Höhe, wie Bernhard berichtet, weil viele Menschen ihren Job verloren. Dann begann der Ukraine-Krieg und bei manchen Tafeln verdoppelten sich die Nutzerzahlen. Die Lebensmittelspenden von Supermärkten oder Bäckereien wachsen aber nicht mit. "Der Handel kalkuliert besser durch Künstliche Intelligenz. Die Lager werden optimiert."
Bei einer Umfrage des Landesverbands unter seinen Mitgliedern nannten im vergangenen November 46 Prozent die Lebensmittelverfügbarkeit "stark rückläufig". Fast ein Drittel musste einen Aufnahmestopp für Neukunden verfügen, bei der Hälfte der Tafeln bestanden Wartelisten. Positiv entwickelte sich die Zahl der Ehrenamtlichen: Sie stieg 2025 auf mehr als 6.500 Helfer, fast 1.000 mehr als ein Jahr zuvor.
Nicht starr werden - so lautet ein Prinzip der Gießener Tafel. Als Nächstes startet eine Kleiderkammer für Baby- und Kinderkleidung. Anna Conrad träumt von einer Zusammenarbeit mit örtlichen Landwirten. So könnten Kinder etwa nach der Kartoffelernte auf den Feldern die übrig gebliebenen Kartoffeln stoppeln.
Info: Jubiläumsveranstaltung am Donnerstag, 16. April, von 11 Uhr bis 15 Uhr in der Stadthalle in Wetzlar.



