TV-Tipp: "Kein einfacher Mord"

Fernsehen vor gelbem Hintergrund
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1. April, ARD, 20.15 Uhr:
TV-Tipp: "Kein einfacher Mord"
Der Titel klingt nach Krimi, aber "Kein einfacher Mord" ist vor allem ein Drama, selbst wenn ein Delikt als Handlungsauslöser fungiert: Paul beobachtet seine Frau Nina durchs Fenster beim Seitensprung mit Hockeytrainer Viktor.

Als der Sexpartner gewalttätig wird, schlägt er die Scheibe ein, um ihr zu helfen. Diesen Moment der Ablenkung nutzt sie, um Viktor von hinten mit einer seiner Trophäen auf den Kopf zu schlagen. Weil der Tathergang auf die Polizei wie ein Mord aus Eifersucht wirken würde, macht sich das Ehepaar aus dem Staub; die Tatwaffe deponiert Paul später in einem Mülleimer. Selbstredend landet sie schließlich auf dem Schreibtisch der zuständigen Ermittlerin (Barbara Philipp), und natürlich wird die Kommissarin alsbald auch bei Nina und Paul vorstellig, schließlich ist Nina kurz vor der Tat mit Viktor gesehen worden. 

Das verhängnisvolle Ereignis bildet jedoch nur die halbe Geschichte, denn das Drehbuch von Stefan Rogall, der unter anderem viele Vorlagen für heitere "Wilsberg"-Episoden geliefert hat, bietet dem zentralen Paar vorzügliches Spielmaterial, das Felix Klare und Laura Tonke weidlich nutzen. Klare wählt jenseits der "Tatort"-Beiträge aus Stuttgart ohnehin gern Rollen, die ihm eine gewisse Abgründigkeit garantieren: Männer, die auf den ersten Blick freundlich wirken, wie zuvor in der Netflix-Serie "Totenfrau" (2023), die aber oft auch andere Seiten offenbaren, etwa in der vortrefflichen ARD-Serie "Schneller als die Angst" (2022). In "Kein einfacher Mord" (TV-Premiere war 2023) hält er die männliche Hauptfigur geschickt in der Schwebe: Kurze Seitenblicke genügen, um offen zu lassen, ob Paul tatsächlich aus Liebe oder nicht doch aus purer Berechnung handelt. 

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Vom handelsüblichen Krimi unterscheidet sich der Film nicht zuletzt durch den Unterbau. Ein kurzer Prolog zeigt das Paar auf dem Zenit seiner Beziehung: Paul ist ein angesehener Chirurg, gerade haben Nina und er mit dem kleinen Sohn ihr Traumhaus bezogen. Anschließend ist offenbar irgendwas furchtbar schiefgegangen. Paul hat seine Approbation verloren und tingelt jetzt als Vertreter für medizinische Bandagen durch Norddeutschland, Nina arbeitet als Hilfskraft in einer Reinigung, sie hat bereits einen Termin beim Scheidungsanwalt, doch je stärker Kommissarin Märthesheimer und ihr Mitarbeiter Koschinski (Bernd-Christian Althoff) versuchen, die beiden in die Enge zu treiben, desto mehr schweißt die Vertuschung sie wieder zusammen. Der Reiz der Geschichte resultiert nicht zuletzt aus der Empathie des Publikums, weil jede Handlungswendung in die immer gleiche Frage mündet: Wie würde ich mich verhalten? 

Ähnlich vorzüglich wie die Leistung des Ensembles ist die Umsetzung durch Regisseur Sebastian Ko. Rogalls Drehbuch handelt im Grunde von der Brüchigkeit der Normalität: Es genügt, dass ein Pfeiler wegbricht, und schon stürzt das fragile Beziehungsgebilde in sich zusammen. Bildgestaltung (Andreas Köhler) und Musik (Sebastian Fillenberg) sorgen bereits zu Beginn dafür, dass sich diese Unsicherheit optisch und akustisch vermittelt. Dabei scheint zum Prolog alles in bester Ordnung zu sein; bis Pauls Chef (Rainer Furch) eine Erklärung für die Tabletten verlangt, die Paul haufenweise in seinem Spind gehortet hat. Später, als er in einer Apotheke auf ein Gespräch mit dem Besitzer wartet, genügt eine Kamerafahrt, um zu verdeutlichen, welchen Sog der offene Schrank mit den Medikamenten auf ihn ausübt. 

Ohnehin kommt Ko, dessen Krimis (etwa für die ZDF-"Ostfriesen"-Reihe oder "Helen Dorn") stets sehenswert sind, in vielen Momenten ohne Worte aus. Zwei Details belegen, wie sorgfältig Buch und Regie den Film konzipiert haben: Als sich Nina beim Öffnen einer Tomatendose ungeschickt anstellt, hat sie anschließend die gleichen "Blutspritzer" auf der Bluse wie nach der Tat; und von der Tonspur erklingt wie am Abend des Totschlags das Geräusch einer Nadel, die das Ende einer Schallplatte erreicht hat. Später, als sich das Ehepaar wieder näherkommt, unterlegt Ko die Bilder mit einer Instrumentalversion jenes Liedes, das Viktor gespielt hatte. Eine Schlüsselszene ist die getrennte Befragung im Polizeirevier, als Märthesheimer und Koschinski versuchen, Nina und Paul gegeneinander auszuspielen: Das Ehepaar sieht sich zwar, kann sich aber nur mit Blicken verständigen. Darin liegt ein weiterer Reiz des Films: Krimis werden in der Regel aus der Ermittlungsperspektive erzählt. Hier jedoch entsteht die Spannung aus der Frage, ob die beiden davonkommen; und zu welchem Preis.