Die Initiative "Christen bei Daimler & Benz" hat mehr als 1.800 Mitglieder. Über 50 Gebetskreise umfasst das überkonfessionelle Netzwerk innerhalb von Mercedes-Benz und Daimler Truck weltweit, die meisten davon im Großraum Stuttgart. "Work and pray every day" lautet deren Motto. Ora et labora - in der Firma als dem Platz, an den sich die Christ:innen von Gott gestellt sehen.
Es ist ein Trend: Gläubige rechnen mit Gottes Kraft am Arbeitsplatz, treffen sich zum Gebet in ihren Unternehmen und vernetzen sich.
"Bereits 1978 hat es erste Gebetstreffen bei Daimler gegeben", weiß Helmut Keller, der das Netzwerk initiierte. Der promovierte Entwicklungsingenieur entdeckte nach seinem Eintritt in die Firma Daimler 1987, dass es in seiner Waiblinger Versuchsabteilung gleich vier Kollegen gab, die wie er den Glauben an Jesus Christus auch im Alltag leben wollten. Man traf sich in der Mittagspause, um sich auszutauschen und gemeinsam zu beten - für Kollegen und Chefs, für gute Entscheidungen in der Firma, für Menschen im Arbeitsumfeld und auch für das, was sie persönlich gerade umtrieb.
Online beten oder in Präsenz
Gebetet wird auch bei Audi in Ingolstadt, bei BMW in München oder bei Siemens in Erlangen. "Um Hilfe, dass Gott frühzeitig Fehler aufzeigt. Dass gute Lösungen gefunden werden. Oder auch für das Geschäft von Kunden", nennt der dortige Systemmanager Bernd Keidel als Beispiele.
Was im Schwäbischen die jährlichen "Christentreffen unterm Stern" mit über 600 Teilnehmern sind, gibt es in kleinerem Rahmen bereits seit 1994 in der Metropolregion Nürnberg - am Buß- und Bettag als Reaktion auf dessen offizielle Abschaffung. Als viele Firmen sich im Zuge der Ausweitung der Märkte Richtung Osten als "Global player" verstanden, nannte sich das Netzwerk aus etwa 20 Gebetskreisen "Global prayer", wie Keidel als einer der Sprecher erläutert. Neben Siemens-Gruppen gehören auch betende Menschen beispielsweise im Erlanger Fraunhofer-Institut oder bei der Evangelischen Bank in Kassel dazu.
Bei Daimler seien Größe, Art und Ablauf der einzelnen Gebetskreise durchaus unterschiedlich, sagt Netzwerk-Gründer Keller. Doch das Anliegen, für das Unternehmen und die damit verbundenen Menschen zu beten, eint alle. Ob über Mittag im Besprechungsraum oder auch mal draußen bei einem Spaziergang, ob frühmorgens vor Arbeitsbeginn in Präsenz oder virtuell nach Arbeitsschluss - Möglichkeiten gibt es viele. Auch standortübergreifende Kreise gibt es online, etwa für Teilzeit-Mitarbeitende, für Daimler-Rentner oder Führungskräfte, die bei schwierigen Entscheidungen oft einsam seien.
Beten für den cholerischen Chef
Dass er auch in Krisenzeiten Zuversicht ausstrahlt, darauf wurde Jakob Josua Moses, der als diplomierter Technologiemanager bei Mercedes-Benz im Bereich des autonomen Fahrens tätig ist, schon mehrfach angesprochen. Mit dem Beten in der Firma hat er gute Erfahrung gemacht: "Wir hatten in Sindelfingen eine schwierige Situation mit einem äußerst cholerischen Chef, der selbst Probleme hatte. Ein halbes Jahr haben wir regelmäßig gemeinsam für ihn gebetet. Dann war er auf einmal wie umgedreht und sagte: ‚Ihr reagiert immer so ruhig - woher kommt das?‘"
Moses, der aramäisch-orthodoxe Wurzeln hat, möchte als Spiritual Leader gemeinsam mit anderen Christen schlicht zu einem guten Betriebsklima und wertschätzenden Miteinander beitragen. Dazu, sagt er, hilft die Kraft des Gebets.


