"Das ist nun mal meine Natur": die letzten Worte des Skorpions, bevor er ertrinkt. Der Frosch hatte sich wider besseres Wissen bereit erklärt, ihn über den Fluss zu bringen; nun sterben beide. Die Fabel bildet den Kern dieses Films: Es geht um die Frage, ob sich ein Mensch radikal ändern kann. Der vom Österreicher Umut Dağ packend inszenierte Auftakt weckt daran allerdings erhebliche Zweifel: Ein Mann hält einer Frau ein Messer an die Kehle. Ein SEK-Team stürmt das Gebäude und rettet sie; für eine weitere Person kommt jede Hilfe zu spät.
Der Täter wird mit nacktem Oberkörper abgeführt, auf seiner Brust steht "Savage" (wild, grausam), auf dem Rücken ist ein riesiger Skorpion zu erkennen. Später reicht das Drehbuch die Erklärung für die Tat nach: Der Mann war im Drogenrausch rasend vor Eifersucht. Die Frau war seine Freundin, der Tote ein gemeinsamer Freund. Acht Jahre später kommt das dritte Krimidrama aus der von ZDF und ORF gemeinsam produzierten Reihe "Im Schatten der Angst" mit Julia Koschitz als forensische Psychiaterin zum eigentlichen Thema.
Karla Eckhardt hat viel Zeit mit Anton Lisky verbracht. Sie ist überzeugt, dass seine Haftbedingungen gelockert werden können. Die Volksseele, repräsentiert von der Mutter des Mordopfers (Margarethe Ziesel), ist außer sich vor Zorn: Lisky hat ihr Leben zerstört, weil sie kurz nach dem Sohn auch den Mann verloren hat. Menschen können sich ändern, versichert die Ärztin, aber Helene Zenker glaubt das nicht: "Sagen Sie das auch den Eltern seines nächsten Opfers?"
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Damit ist klar, was passieren wird, aber zunächst muss der verurteilte Mörder noch einen letzten Test bestehen, um zu beweisen, dass er in der Tat reif ist für jene Anhörung, bei der ein Gremium beurteilen soll, ob aus dem Saulus ein Paulus geworden ist. Die Entscheidung ist positiv, auch dank des Gutachtens von Professor Kressmann (Jörg Schüttauf), den sehr beeindruckt, wie es der Kollegin gelungen ist, Liskys Panzer zu knacken.
Dass das Konstrukt des Drehbuchs funktioniert, ist maßgeblich das Verdienst von Stefan Gorski. Der Wiener verkörpert die beiden Seiten von Liskys Persönlichkeit gleichermaßen glaubwürdig: anfangs ein Unhold, später sanft wie ein Lamm. Der Mann arbeitet unter Aufsicht in einer Gärtnerei und lässt sich auch durch die ständigen Provokationen eines Kollegen nicht aus der Ruhe bringen; er erweckt tatsächlich den Eindruck, als würde er im Zweifelsfall eher die andere Wange hinhalten, als zurückzuschlagen.
Als dieser Kollege eines Abends zu Tode kommt und Lisky verschwindet, hat die Volksseele offenbar Recht behalten. Einzig Eckardt glaubt nach wie vor an seine Unschuld, obwohl sämtliche Indizien gegen ihn sprechen. Die zuständige LKA-Kommissarin Radek – Susi Stach hat diese Rolle auch schon im letzten Film der 2019 gestarteten Reihe sehr kernig verkörpert – war ohnehin zutiefst skeptisch.
Da Nils Morten-Osburg und Marie-Therese Thill die Handlung aus der Perspektive der Ärztin schildern, ist über weite Strecken völlig offen, ob Eckardt wirklich derart gründlich von Lisky getäuscht worden ist.
Sie schaut sich noch mal die Aufnahmen der diversen Gespräche an, aber die Videos bestätigen ihre Einschätzung. Gegen Ende des zweiten Aktes kommt es wie zu Beginn des Films zu einer weiteren finalen Konfrontation, und nun schlägt die Geschichte eine gänzlich andere und völlig überraschende Richtung ein. Die enorme Intensität der ersten Bilder wirkt auf einen Teil des Publikums möglicherweise abschreckend. Sie wecken aber auch – je nach Genre-Vorliebe – falsche Befürchtungen oder Erwartungen: Nach dem Prolog wandelt sich der vermeintliche Thriller zunächst zum Drama.
Das Vorzeichen ändert sich erst später wieder, als "Der Skorpion" zum Krimi wird, weil Eckhardt erkennt, dass sie selbst ermitteln muss, um die Unschuld ihres Patienten zu beweisen; aus Sicht von Kommissarin Radek ist der Fall hingegen klar. Eine weitere Ebene verleiht der Geschichte eine zusätzliche Relevanz. Für die "Hardliner", heißt es im Film, sei der vermeintliche Rückfall Liskys "ein gefundenes Fressen": Konservative Kräfte forderten ein Ende der "Streicheljustiz" und "null Toleranz für Straftäter".
Sehenswert ist Dags Film gerade auch darstellerisch. Die geifernde Mutter wirkt etwas überzogen, aber Jörg Schüttauf versieht den Psychiater Kressmann, für Eckhardt so etwas wie ein väterlicher Freund und Mentor, mit Zwischentönen, die er bloß andeutet; den Rest besorgt seine Aura. Dass sich die Mitwirkung des vierfachen Grimme-Preisträger nicht auf die Anhörung beschränkt, versteht sich ohnehin von selbst.


