Bittere Realität: Zwangsverheiratung von Kindern

Die 14-jaehrige Kenianerin Nawi (li.) und Toby Schmutzler bei den Dreharbeiten zum Film "Nawi - Dear future me".
epd-bild/FilmCrew Media
Schauspielerin Michelle Lemuya Ikeny als "Nawi" mit Co-Regisseur und Toby Schmutzler während der Dreharbeiten in Kenia 2023.
Film über Kinderehen in Kenia
Bittere Realität: Zwangsverheiratung von Kindern
Der deutsch-kenianische Spielfilm "Nawi" erzählt die Geschichte eines Mädchens, das zwangsverheiratet werden soll. Auch abseits vom Filmset engagieren sich Kenianer:innen und Deutsche, um Kinder vor Zwangsheiraten zu bewahren.

Die 14-jährige Kenianerin Nawi hat im gleichnamigen Kinofilm große Zukunftsträume. Mit dem besten Prüfungsergebnis der gesamten Turkana-Region im Nordwesten Kenias, scheint ihr der Weg auf die Highschool in der Hauptstadt Nairobi offenzustehen. Doch es kommt anders. Sie soll mit einem deutlich älteren Mann verheiratet werden. 

Die Regie von "Nawi - Dear future me" wurden im Team geführt, mit den kenianischen Regisseurinnen Apuu Mourine Munyes und Vallentine Chelluget und den deutschen Regisseuren und Brüdern Toby und Kevin Schmutzler. Der Film hat mehr als 20 internationale Preise gewonnen und war 2025 der kenianische Kandidat für den Auslands-Oscar. Am 5. März startet er in den deutschen Kinos.

Einer der Produzenten ist Prinz Ludwig von Bayern, 1982 geboren und Ur-Ur-Enkel des letzten bayerischen Königs. Der Jurist engagiert sich seit Jahren mit verschiedenen Hilfsprojekten in Kenia. Als einer der Vorstände der Stiftung Hilfsverein Nymphenburg begann er ab 2011 nach Ostafrika zu reisen. Inspiriert hatte ihn unter anderem sein Onkel Franz Joseph, der als Missionsbenediktiner Anfang der 1980er-Jahre nach Kenia gegangen war und dort eine Mönchsgemeinschaft aufgebaut hatte, wo er bis zu seinem Tod 2022 lebte.

Auch Prinz Ludwig lebte einige Jahre in Kenia. Mit dem Hilfsverein Nymphenburg baute er unter anderem mehrere Schulen. Doch für viele Schülerinnen und Schüler fehlten nach ihrem Abschluss Ausbildungsmöglichkeiten und Arbeitsplätze. 2015 gründete er deshalb zusammen mit mehreren Freunden die "Learning Lions", eine gemeinnützige Organisation, die jungen Erwachsenen kostenlose IT-Ausbildungen anbietet. 

Die drei Hauptdarsteller:innen aus"Nawi - Dear future me": Benson Ekare Ewesit, Michelle Lemuya Ikeny, Joel Liwan Dimoit mit Produzent Prinz Ludwig von Bayern (v.l.n.r.) auf dem Campus der "Lerning Lions" in Loropio, in Kenia (Foto vom 18.11.2025)

Jäher Absturz der Lebensträumen, nicht nur im Film

"Das Thema (Zwangsehe) kennen alle, die hier arbeiten, sehr gut", erzählt Prinz Ludwig von Bayern beim Besuch des Evangelischen Pressedienstes (epd) im November 2025 in Kenia. Oft seien die Mädchen um die 14 Jahre alt, wenn sie verheiratet würden, "wir hatten aber auch schon Fälle von neunjährigen Mädchen", berichtet er. Deren bisheriges Leben nehme ein abruptes Ende, sie gerieten in ein "sklavenartiges Dasein".

Unicef: Jedes Jahr zwölf Millionen Zwangsehen von Kindern weltweit

Das UN-Kinderhilfswerk Unicef schätzt, dass weltweit jedes Jahr etwa zwölf Millionen Mädchen in einem Alter unter 18 Jahren zwangsverheiratet werden. Sie hätten ein erhöhtes Risiko, Opfer häuslicher Gewalt zu werden, ihr mentales und körperliches Wohlbefinden sei stark gefährdet.

Am weitesten verbreitet seien Kinderehen in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und im südlichen Asien. Den höchsten Anteil von jungen Frauen, die vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet werden, gibt es in Niger (76 Prozent), in der Zentralafrikanischen Republik und im Tschad (beide 61 Prozent). Auch Jungen seien von Kinderehen betroffen, allerdings fünfmal seltener als Mädchen.

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Auch die Schauspielerin kennt Fälle 

Die Geschichte zum Film über "Nawi" stammt von der kenianischen Autorin Milcah Cherotich, die damit einen Wettbewerb gewann, den Ludwig von Bayern in der Region veranstaltet hatte. Die Rolle der Nawi wird von der heute 16-jährigen Michelle Lemuya Ikeny gespielt, die aus der Region stammt. Auch Ikeny hat während eines längeren Aufenthalts im Dorf ihrer Großeltern mitbekommen, wie immer wieder Mädchen plötzlich verschwanden, erzählt sie dem epd. In den traditionellen Dörfern bestimme der Vater, welche Kinder zur Schule gehen dürften und welche auf die Ziegen und Kühe aufpassten.

Wenn die Mädchen verheiratet würden, erhielten ihre Familien einen Brautpreis, der aus vielen Tieren bestehe, erzählt Michelle. Diese Brautpreiszahlungen gehören zur Tradition der Nomaden in der turkanischen Halbwüste, die auf ihr Vieh angewiesen sind und deren traditionelle Lebensweise durch immer längere Dürreperioden bedroht ist.

Eine Stimme für Mädchen

"Ich finde es wichtig, dass die Mädchen überhaupt erst einmal wissen, dass es andere Möglichkeiten für sie gibt, als nur Ehefrau und Mutter zu sein - und eine Stimme bekommen, um selbst für sich und ihr Leben zu sprechen", sagt Michelle. Der Film gebe ihnen diese Stimme und mache im ganzen Land auf das Problem der Zwangsverheiratung aufmerksam. Nachdem er in Kenia im Kino gelaufen sei, habe es viel positives Feedback gegeben.

Hilfsprojekte gegen Zwangsverheiratung

"Wir möchten die Mädchen hier vor Ort nicht nur kurzfristig, sondern wirklich für lange Zeit unterstützen", betont Ludwig von Bayern. Durch den Film "Nawi" habe sich ein internationales Unterstützer-Netzwerk gebildet, das Projekte gegen Zwangsverheiratung sowie für die Ausbildung von Mädchen und Frauen in Kenia und weltweit zusammenführe. Von deutscher Seite ist unter anderem das katholische Missionswerk missio aus München beteiligt.

Philipp Stangle arbeitet für das katholische Missionswerk Missio München und versucht Kinder vor Zwangsverheiratungen zu schützen.

Nach Angaben von missio München werden im Norden Kenias bis zu 40 Prozent der Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag verheiratet, landesweit ist es etwa jedes vierte. Armut sei ein großer Treiber für Zwangsheiraten von Kindern, so missio-Länderreferent Philipp Stangl gegenüber dem epd: "Alles, was wirtschaftlich nachteilig ist, etwa Dürren, führt zu mehr Zwangsverheiratung." Seitdem die Wirtschaft in dem afrikanischen Land schwächele, sei die Zahl der Hochzeiten von Minderjährigen wieder gestiegen.

Auch wenn Zwangsehen von Kindern offiziell in Kenia verboten seien, griffen die Gesetze dort oft nicht. "Der soziale Druck ist enorm hoch. In vielen Kulturen steigt das soziale Prestige, der gesellschaftliche Status, wenn man seine Töchter früh verheiratet."

Träume von Millionen Mädchen

Und die 14-jährige "Nawi" im Film? Auch wenn sie es nicht schafft, ihre Träume zu verwirklichen, bereitet sie zumindest die Grundlage dafür für ihre jüngere Schwester. "Ich habe mich immer gefragt, was mein Traum ist", sagt diese am Ende des Films. "Jetzt weiß ich es: Es geht nicht nur um mich. Sondern um Millionen Träume von Millionen Mädchen wie ich, mit Millionen Zukünften vor sich." Die jüngere Schwester trägt den Namen "Hope" – Hoffnung.