Findet man vom S-Bahnhof Heerstraße in Berlin den Weg in die Marienburger Allee 43, wird man dort in der Regel mit einer Tasse Tee oder Kaffee begrüßt. Denn das Haus der Bonhoeffers galt immer als gastfreundlich, und das soll es auch heute sein.
Tobias Korenke, Großneffe von Dietrich Bonhoeffer, schrieb dazu jüngst in der Berliner Kirchenzeitung: "Das Haus der Eltern Paula und Karl Bonhoeffer war der Mittelpunkt der Familie und des großen Freundeskreises. Hier wurde gearbeitet und musiziert, diskutiert und gestritten, gefeiert und getrauert, gelacht und geweint."
1951 wurde das Haus von der Landeskirche gekauft und es diente mehr als 40 Jahre lang als Studentenwohnheim. Erst 1987 wurde hier eine Erinnerungs- und Begegnungsstätte eingerichtet.
Verschwiegen und Verdrängt
"An dieser Geschichte kann abgelesen werden, wie über eine lange Zeit mit der Erinnerung an den kirchlichen Widerstand umgegangen wurde. Das hat mehr als eine Generation des Verschweigens und des Verdrängens gebraucht", erläutert Pfarrer i. R. Gottfried Brezger, Vorstandsvorsitzender des Vereins Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus.
Lange war nicht klar, was aus dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Bonhoeffer werden sollte. Ein Haus der Kirchlichen Hochschule, ein Retreat-Haus, ein Workshop-Haus für Kirchenreformen oder ein Museum? Heute habe das Haus von allem etwas, meint Gottfried Brezger.
Haus mit vielen Gesichtern
Vor allem lebe das Haus von seiner Authentizität. So komme beispielsweise jedes Jahr das Seminar einer lutherischen Hochschule aus Minneapolis für drei Tage zum Studium hierher. "Das ist ihnen so wichtig, dieser Geist dieses Hauses", weiß Brezger.
Andere kommen, weil sie etwas von Bonhoeffer gehört haben und nun mehr wissen wollen. "Eine Besucherin sagte, dass sie die Kalendersprüche von Bonhoeffer kenne. Weil die ihr so gut gefielen, wollte sie sich das Wohnhaus einmal anschauen. Auch das ist ein wunderbarer Anknüpfungspunkt", sagt Pfarrer i.R. Christian Zeiske, der die Besucher des Hauses mitbetreut.
Kampf gegen Antisemitismus
Dietrich Bonhoeffer, seinem Leben und seiner Theologie kann man hier nahekommen. Im großen Besucherraum sind Bild-Collagen aufgehängt, etwa von der zerstörten Synagoge in der Berliner Fasanenstraße. Dietrich Bonhoeffer hat sich schon früh für den Schutz von Juden eingesetzt. Berühmt ist sein Ausspruch: "Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen!"
Bonhoeffer könne nur begreifen, wer seine Vielfältigkeit kenne. Der deutsche Theologe hat 1930 am Union Theological Seminary in New York studiert. Noch heute werde dort die Diversität Bonhoeffers gerühmt. Das versuche man auch in Berlin darzustellen.
"Für die einen ist er ein ganz tiefer Theologe. Für die anderen ist er einer, der gegen die Ausgrenzung von Juden aufgetreten ist. Er war derjenige, der im Predigerseminar Finkenwalde die Spiritualität eingeübt hat. Wenn du weißt, dass du aus politischen Gründen den Kopf weit zum Fenster hinaushalten musst, dann müssen zwei hinten stehen, die dich an den Beinen festhalten. Und er war derjenige, der ganz klar gesagt hat, dass Christen nicht aufeinander schießen können. Denn sonst schießen sie auf Christus, der in ihrer Mitte steht. Das ist steile Theologie", erklärt Brezger.
Bonhoeffer ganz nahe
Besonders nahe können Besucher dem Menschen Bonhoeffer in seinem Studierzimmer unter dem Dach kommen. "Bonhoeffer war starker Zigarren-Raucher. Daher kommt der Brandfleck auf der Tischauflage", sagt Christian Zeiske. Und weiter: "Einige wollen sich dann genau dahin setzen, wo auch Bonhoeffer schon saß. Dann sind die ganz gerührt und lassen sich fotografieren."
Im Studierzimmer steht auch das Clavicord, auf dem der Theologe spielte, um sich zu entspannen. In den Wandregalen stehen zahlreiche Bücher. Das sind aber keine Originale. Die befinden sich heute in der Staatsbibliothek. Denn sie sind Zeugnisse des Widerstands gegen Hitler im Umkreis der Attentäter vom 20. Juli 1944.
Geheimbotschaften in Haft
"Bonhoeffer und Hans von Dohnanyi, sein Schwager, wussten, dass ihnen Verhaftung droht. Sie hatten für den Fall einer Haft vorher ein Kodierungssystem abgesprochen. So konnten sie sich absprechen. Wenn er eine Botschaft in diesem Buch versteckte, dann unterstrich der Absender beispielsweise den Namen des Buchautors. Die Kodierungen wurden nie entdeckt", erläutert Gottfried Brezger. Im April 1945 wurden Dohnanyi und Bonhoeffer hingerichtet. Dietrich Bonhoeffer wurde nur 39 Jahre alt.
Im letzten Jahr kamen über 2000 Besucher zum Bonhoeffer-Haus. Der Verein wünscht sich, dass künftig mehr Menschen kommen. Allerdings seien nicht alle Besucher dem Trägerverein des Erinnerungsortes wohlgesonnen. So habe es auch Besuch aus den USA gegeben, der bis heute in wenig angenehmer Erinnerung bleibt. Eric Metaxas schrieb 2010 ein Buch über den "Helden" Bonhoeffer, den Widerständler, der ein Vorbild für die weißen Amerikaner sein müsse, für Donald Trump und seine MAGA-Bewegung.
"Der saß hier am Tisch. Ich habe mit ihm gestritten, weil er aus Bonhoeffer einen Anti-Liberalen macht", erinnert sich Brezger. Aus Bonhoeffers Leben und Werk entnähmen Menschen wie Metaxas einzelne Stichworte und verdrehten dann völlig dessen eigentliche Anliegen und seine Theologie, die jeder Diskriminierung entgegenstehen. Das Berliner Bonhoeffer-Haus sei auch deshalb wichtig, weil es dem Missbrauch des deutschen Theologen etwas entgegensetze, sagt der Vereinsvorstandsvorsitzende Gottfried Brezger.


