Das allein wäre nicht weiter ungewöhnlich, aber diesmal sind die Umstände durchaus besonders: Ähnlich wie zuletzt in "Das Verlangen" tragen sich die Ermittlungen gewissermaßen auf einer Bühne zu. Der an Weihnachten ausgestrahlte "Tatort" aus München spielte im Theater, "Die Schöpfung" in der Oper. Hinter den Kulissen sind die Unterschiede zwar marginal – hier wie dort gibt es den Kostümfundus, die Werkstatt, das Maskenbild –, aber faszinierend sind die Einblicke gleichwohl.
Sichtbarster Unterschied zwischen den beiden Krimis ist allerdings besagte Baustelle. In Köln ist die Sanierung des Opernhauses ein ähnliches Dauerthema wie in Stuttgart der Umbau des Bahnhofs. Die Neueröffnung musste immer wieder verschoben werden, die Kosten stiegen in ungeahnte Höhen. Als Wolfgang Stauch sein Drehbuch schrieb, ging man bei der Produktionsfirma Bavaria davon aus, dass die Rückkehr zu Beginn der Dreharbeiten im spielfreien Sommer 2024 längst vollzogen sei. Da sich die Renovierungsarbeiten jedoch erneut verzögerten, musste kurzfristig umdisponiert werden.
Für den Film erweist sich das sogar als Glücksfall, denn auf diese Weise spielt "Die Schöpfung" nicht nur in der halbfertigen alten Oper, sondern auch in den auf der anderen Rheinseite gelegenen Interimsspielstätten. Der Titel bezieht sich auf das gleichnamige Oratorium von Joseph Haydn, mit dem die neue Spielzeit startet; die entsprechenden Proben bilden den reizvollen Hintergrund des Krimis. Der akustische Kontrast zum eigentlichen Thema könnte kaum größer sein: Der Schlüssel zur Lösung des Falls befindet sich in einer Rock-Oper mit dem etwas bizarren Titel "Das Schwein grunzt, als die Königin erschossen wird", aber das dämmert Ballauf und Schenk erst, als sie das Libretto entdecken, nachdem es einen zweiten Mord gegeben hat.
Das erste Opfer war die "Waffenmeisterin" des Hauses: Elli Zander war für die Requisiten zuständig. Ermordet wurde sie in ihrer Wohnung, entdeckt wird sie auf der Baustelle. Das Arrangement wirkt wie eine Aufbahrung, mit Wal und Schwein als Grabbeigaben. Mindestens genauso rätselhaft ist Ellis Bekleidung: Sie trägt das Kleid der Königin der Nacht aus der "Zauberflöte", und allem Anschein nach ist in diesem Kleid schon mal jemand erschossen worden. Opfer Nummer zwei, ebenfalls öffentlich zur Schau gestellt, ist der Schuhmacher. Willi Köpke war nebenberuflich Musiker mit eigener Death-Metal-Band, er ist auch der Komponist der Rock-Oper; schade, dass Aljoscha Stadelmann, Hauptdarsteller der ARD-Krimireihe "Harter Brocken", so rasch wieder aus dem Film verschwindet.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Der Rest ist übliche Ermittlungsarbeit, doch auch auf dieser Ebene unterscheidet sich Stauchs Drehbuch angenehm von den gewohnten "Wo waren Sie..."-Befragungen: Es war dem gerade beim Sonntagskrimi vielbeschäftigten Autor offenkundig ein hörbares Anliegen, nicht nur die Episodengäste, sondern auch das Duo Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär durch Dialoge zu erfreuen, die von der Routine abweichen. So darf sich Schenk zur Verblüffung des Kollegen, der ihn für einen Schlager-Fan hielt, als versierter Opernbesucher entpuppen.
Die Offenbarung ist zwar nach immerhin knapp dreißigjähriger Zusammenarbeit nicht gerade glaubwürdig, aber dank seiner fundierten Kenntnisse kann Schenk auf ganz anderer Augenhöhe mit den Beteiligten reden; von seiner Begeisterung, hinter die Kulissen schauen zu dürfen, ganz zu schweigen. Die besten Zeilen hat Stauch jedoch Stephan Grossmann vorbehalten, der zudem keinen Zweifel daran lässt, dass der Intendant des Hauses selbst eine Institution ist. Eine spezielle Rolle spielt auch Katja Bürkle: Eva Krüger ist maßgeblich an der Projektleitung "Wiedereinzug" beteiligt und kennt beide Bühnen wie ihre Westentasche. Die Elektrikerin macht keinen Hehl daraus, dass sie zwar die Oper liebt, aber "die Künstler weniger."
Torsten C. Fischer führt seit zwei 2005 ("Minenspiel") regelmäßig Regie beim "Tatort" aus Köln, in den letzten Jahren zumeist nach Drehbüchern von Stauch. Die Ergebnisse der Zusammenarbeit waren ausnahmslos mehr als sehenswert. Das gilt nicht zuletzt wegen der sorgfältigen Bildgestaltung (Kamera: Christoph Krauss) auch für "Die Schöpfung"; gerade die Lichtarbeit ist ganz vorzüglich. Der eigentliche Star ist dennoch die Story, die sich natürlich zu einer Jagd auf das Phantom der Oper entwickelt.


