So schließt "Spiritual Care" Lücken im Gesundheitssystem

Mundschutz und Holzkreuz liegen auf einer Tischplatte
Getty Images/iStockphoto/Kharoll Mendoza
Spiritualität wird im Studiengang "Spiritual Care" als wesentlicher Teil des Menschseins und des Heilungsprozesses verstanden.
Theologie trifft Medizin
So schließt "Spiritual Care" Lücken im Gesundheitssystem
Im modernen Gesundheitswesen wächst die Erkenntnis, dass sich Leid nicht nur in Laborwerten und Diagnosen ausdrückt, sondern auch in tiefen seelischen und spirituellen Fragen. Genau hier setzt der neue Masterstudiengang "Spiritual Care" an der Evangelischen-Theologischen Fakultät der Universität Münster an, den Dr. Sabine Joy Ihben-Bahl als Studiengangskoordinatorin begleitet. Aus ihren Erfahrungen in Seelsorge und Praxis weiß sie, wie sehr Patient:innen, Angehörige und auch Mitarbeitende eine qualifizierte Begleitung brauchen, die Körper, Psyche und Spiritualität zusammen denkt – und dafür zukünftige Fachkräfte eigens ausbildet.

evangelisch.de: Welche Erfahrungen oder Beobachtungen, auch aus dem Gesundheitswesen, haben bei Ihnen den Impuls ausgelöst, am Studiengang "Spiritual Care" mitzuwirken?

Sabine Joy Ihben-Bahl: Der Studiengang hat eine lange Vorgeschichte: Traugott Roser, der diesen Studiengang an der Evangelisch-Theologischen Fakultät in Münster entwickeln durfte, hatte bereits in München gemeinsam mit Eckhard Frick SJ, einem Mediziner und Jesuiten, eine Professur für Spiritual Care inne. Als evangelischer Pfarrer hat er in Kliniken und insbesondere im Bereich Palliativmedizin den hohen Wert einer Seelsorge erkannt, die in interprofessionellen Teams ihren Teil leisten kann und dabei patient:innenorientiert agiert.

Seitdem forscht er zu Seelsorge und Spiritual Care und ist international gut vernetzt. Deshalb weiß er auch um die Fortbildungsmaßnahmen und auch Studiengänge (wie in der Schweiz), die es ermöglichen, Menschen im ganzen Gesundheitsbereich mit neuesten Erkenntnissen und einer Offenheit für die Vielfalt menschlicher Lebenszugänge, Glaubens- und Wertvorstellungen so auszubilden, dass sie Menschen mit Beeinträchtigung und Krankheit, in Leid- und Krisensituationen wie auch ihre Angehörigen in ihren spirituellen Bedürfnissen begleiten können.

Zudem gilt: Seelsorge war und wird immer notwendig sein, Fragen nach Sinn und Trost werden immer gestellt werden, auch wenn es aufgrund des Personalmangels z.B. weniger kirchliche Seelsorgende geben wird. Außerdem sind viele Bereiche im Gesundheitsbereich noch gar nicht gut erschlossen, um den spirituellen Bedarf zu decken. Absolvent:innen unseres Studiengangs können ganz neue Wirkfelder erschließen.

Wie definieren Sie persönlich "Spiritual Care" im Spannungsfeld von Medizin, Pflege, Psychotherapie und Theologie, und worin unterscheidet sich dieses Verständnis von klassischer Klinikseelsorge oder kirchlicher Seelsorge?

Ihben-Bahl: Zunächst einmal wird Spiritual Care bei uns nicht so verstanden, dass es ein "Gegenprogramm" zu kirchlicher Seelsorge ist. Im Gegenteil: Wir arbeiten mit den christlich-seelsorglichen Traditionen und der Studiengang ist an einer konfessionellen Fakultät verankert. Darum wissen auch Interessierte und Studierende, wenn sie sich einschreiben, und lassen sich auf die Inhalte ein. Im Studium werden aber neben Lehrveranstaltungen zur Seelsorge, die auch andere Theologiestudierende belegen, eigene Seminare etc. zu Spiritual Care angeboten, die von Grund auf interdisziplinär sind, in denen mit Erkenntnissen unterschiedlicher Disziplinen gearbeitet wird.
 
Aktuell gibt es noch sehr wenig Studierende, die den jungen Studiengang gestartet haben, wie sind die ersten Erfahrungen? Gibt es schon Feedback?

Ihben-Bahl: Wir sprechen oft mit unseren Studierenden oder wir sehen sie in unseren Lehrveranstaltungen. Die Studierenden sind begeistert von vielen Seminaren, die auch von international etablierten Spiritual Care- und Spiritualitäts-Experten durchgeführt werden oder auch von Seelsorgenden mit viel Berufserfahrung. Unsere Studierenden aus dem Gesundheitsbereich müssen zudem theologische Veranstaltungen in unserer Fakultät belegen – und auch hier gibt es spannende Seminare hoch engagierter Dozierender. In solchen Seminaren haben sie auch Kontakt mit anderen Studierenden, die mit dem Ziel Pfarramt, Lehramt oder Sonderpädagogik bei uns studieren, was für eine das gesamte Seminar bereichernde Dynamik sorgt.

Wir wiederum sind begeistert von den Studierenden: Es sind hoch engagierte, kluge und sozial kompetente Menschen, die das Gesundheitssystem mit ihren Skills positiv gestalten können. Als Studienkoordinatorin merke ich immer wieder: Es ist viel Arbeit, aber es lohnt sich! Das geht schon bei der Beratung los: Es melden sich ganz unterschiedliche Menschen bei mir, die spüren, dass Spiritual Care M.A. DER Studiengang ist, auf den sie gewartet haben!    
 
Der Studiengang richtet sich sowohl an Personen aus Gesundheitsberufen als auch an theologisch Qualifizierte: Wie wirkt sich das im täglichen Lernen und der Gemeinschaft konkret im Studienalltag aus?
 
Ihben-Bahl: Alle Studierende haben gemeinsame Lehrveranstaltungen, insbesondere solche zu Spiritual Care und seinen Themen (z. B. "Krankheit und Gesundheit", "Tod und Sterben") wie auch gemeinsame Lehrveranstaltungen zu Praxis und Forschung. Allerdings gibt es auch Lehrveranstaltungen, die entweder Mediziner:innen, Pflegewissenschaftler:innen und Co. theologische Kompetenzen vermitteln oder umgekehrt Theolog:innen und Co. auf das Gesundheitssystem vorbereiten.

Dazu haben wir auch eine Kooperation mit der Medizinischen Fakultät Münster geschlossen und planen Veranstaltungen mit engagierten Mediziner:innen, die die Idee des Studiengangs von Beginn an unterstützt haben. Auch ein Pflegepraktikum muss zur Einschreibung absolviert sein, denn wir wollen, dass unsere Studierenden von der großen Leistung und den einzelnen Tätigkeiten der Pflegekräfte wissen, wenn sie mit ihnen auf Stationen für die Patient:innen zusammenarbeiten.   

"Das Thema Selbstreflexion und spirituelle Seelsorge wird bei uns großgeschrieben"

Im Curriculum spielen Praktikum und internationale Winterschool eine große Rolle: Welche Haltung und welche Kompetenzen sollen Studierende dort ganz praktisch einüben? Kommen die im regulären Berufsalltag oft zu kurz?

Ihben-Bahl: Das Thema Selbstreflexion und spirituelle Seelsorge wird bei uns großgeschrieben und es gibt genau dafür unterschiedliche Lehrformate. Im Praxissemester (das 3. Semester im Curriculum) wird in der Regel ein Kurs Klinische Seelsorgeausbildung (KSA) angeboten. Der Studiengang nimmt den Ansatz der pastoralpsychologischen Seelsorge auf, dass Praxiserfahrung, verbunden mit Selbsterfahrung und auch intensiver Gruppenreflexion wesentlich zur Seelsorge-Ausbildung gehören. Das Praxissemester ist dafür da, das inzwischen erworbene Wissen mit praktischer Erfahrung zu verbinden. Es gibt auch Lehrveranstaltungen, bei denen es z. B. um Anamnese-Techniken und Rituale geht. Ziel ist es, mit solchem "Handwerkszeug" umzugehen. 

Zur Forschung: Spiritual Care ist noch eine junge Forschungsdisziplin und – spätestens in ihrer Masterarbeit und vorbereitet durch Formate wie der internationalen Winterschool als Forschungsveranstaltung – werden unsere Studierenden lernen, wie sie u. a. auch empirisch das Feld beforschen können. 

"Auch die WHO hat die spirituelle Dimension als eine Dimension des Menschseins anerkannt"

In vielen Einrichtungen besteht ein hoher Bedarf an spiritueller Begleitung, gleichzeitig sind Ressourcen im kirchlichen und auch im medizinischen Bereich oft knapp: Wie kann "Spiritual Care" hier realistisch zu einer nachhaltigen Veränderung der Versorgungskultur beitragen?

Ihben-Bahl: Trotz der Not, die Sie beschreiben, ist bei vielen Akteur:innen in der Kirche und auch in den unterschiedlichen Einrichtungen des Gesundheitswesens das Bewusstsein vorhanden, dass spirituelle, seelsorgliche Begleitung etwas ist, das es geben muss – oder das Bewusstsein wächst sogar: Auch die WHO hat die spirituelle Dimension als eine Dimension des Menschseins anerkannt und neuere Studien, oftmals aus der Medizin, fordern die Implementierung spiritueller Versorgung – nicht zuletzt für schwerstkranke Patient:innen.

Unsere Studierenden selbst schärfen aber auch die Wahrnehmung für den Wert ihrer Arbeit, wenn sie in Krankenhäusern Praktika und Hospitationen absolvieren. Das Pflege- und medizinische Personal kann sehen, was Absolvent:innen eines Studiengangs für die Einrichtung leisten können, die theologisch und gesundheitsberuflich ausgebildet sind und in interprofessionellen Teams, bei (ethischen) Konfliktfällen etc. ihre Kompetenzen einsetzen können.
 
Der Studiengang versteht Spiritualität bewusst plural und religionssensibel: Wie bereiten Sie Studierende darauf vor, mit religiöser Vielfalt, Säkularität und möglichen Widerständen in Teams und Organisationen umzugehen?
 
Ihben-Bahl: Im Curriculum gibt es z.B. eine Vorlesung und ein Seminar, die sich mit nicht-christlichen Religionen beschäftigen. In Münster arbeiten ohnehin alle Theologien gut zusammen, Studierende können gerne an den theologischen Fakultäten und Zentren Seminare besuchen und an unserer Fakultät selbst haben wir eine starke Religionswissenschaft.

Ein Seminar im Studium fragt nach Spiritualität und der Messbarkeit spiritueller Bedürfnisse und ist dabei losgelöst von einer bestimmten Konfession. Dennoch sind wir der festen Überzeugung, dass es dem Bewusstsein der Vielfalt an Religionen und anderen Weltanschauungen und der spirituellen Begleitung aller Menschen nicht entgegenspricht, auch mit spezifischen, konfessionellen Lehrinhalten und Traditionen zu arbeiten.

"Wenn man intensiv bestimmte konfessionsspezifische Inhalte reflektiert, kann man sich dazu verhalten, positionieren und auch das Gegenüber ernst nehmen, das seine Existenz vielleicht ganz anders versteht"

Im Gegenteil: Wenn man intensiv bestimmte konfessionsspezifische Inhalte reflektiert, kann man sich dazu verhalten, positionieren und auch das Gegenüber ernst nehmen, das seine Existenz vielleicht ganz anders versteht. Zudem sind Religiosität und Glauben keineswegs auf dem Rückzug, sondern allgegenwärtig. Dafür sensibilisierte und hierin ausgebildete Menschen werden auch solche konkreten, religiösen oder sogar konfessionellen Bedürfnisse erkennen.

Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft blicken: Welche Rolle wünschen Sie sich für Absolventinnen und Absolventen von "Spiritual Care" im deutschen Gesundheitswesen, und woran würden Sie erkennen, dass der Studiengang wirklich Wirkung entfaltet hat? 

Ihben-Bahl: Unser Studiengang ist ein "Pionierstudiengang". Darauf sind wir zwar sehr stolz, aber wir wollen kein "Monopol" behaupten: Wir wollen ja, das spirituelle Begleitung und Versorgung von möglichst vielen gut ausgebildeten Akteur:innen im Gesundheitsbereich ausgeübt werden, dass auch das Pflegepersonal geschult wird und in spirituelle Versorgung finanziell investiert wird. Der hohe Wert von kirchlicher Seelsorge wird auf diese Weise hoffentlich stärker wahrgenommen.   
 
Habe ich etwas Wichtiges vergessen?

Ihben-Bahl: Der Studiengang startet immer zum Wintersemester.

Alle Infos zum Studiengang "Spiritual Care" gibt es hier.