Abschied aus dem Parlament: Tränen für die Mitarbeiter

Abschied aus dem Parlament: Tränen für die Mitarbeiter
Bundestagsabgeordneter zu sein ist ein Amt auf Zeit. Die hessische SPD-Abgeordnete Nina Hauer verlor ihr Mandat bei der Wahl im Herbst 2009. Während für Schwarz-Gelb gerade die 100-Tage-Schonfrist vorüber ist, richtet sich ihre Aufmerksamkeit allmählich auf neue berufliche Optionen. Was am Abschied schwerfiel, wie es weitergeht und warum ihr Leben nie unpolitisch sein wird, erzählt Nina Hauer im Interview mit evangelisch.de.
17.02.2010
Die Fragen stellte Ulrich Pontes

evangelisch.de: Kürzlich haben alle über 100 Tage Regierung geredet – Sie sind jetzt ebenso lange zurück im normalen, unpolitischen Leben. Was war schwieriger: Damals hineinzufinden ins Amt als Bundestagsabgeordnete, oder jetzt wieder heraus?

Nina Hauer: Es war schwieriger hineinzufinden. Ich bin jetzt ja nicht im unpolitischen Leben, ich bin immer noch Vorsitzende der Wetterauer SPD. Da beteilige ich mich aktiv und habe auch Verantwortung. Ich interessiere mich fürs Berliner Tagesgeschehen, ich lese Zeitung, spreche mit ehemaligen Kollegen, habe hier in Berlin immer noch sehr viele persönliche Kontakte, durch die ich mitbekomme, was los ist. Es war leichter, als ich gedacht habe. Wir hatten viele Wochen lang zu tun, meine ehemaligen Mitarbeiter und ich, unsere beiden Büros abzubauen in Berlin und in Friedberg. Das Schlimmste dabei war, dass die eigenen Leute den Job verlieren. Das hat mich viele Tränen gekostet. Die haben im Wahlkampf für mich gearbeitet bis zum Umfallen - wenn die dann auf einmal zur Arbeitsagentur müssen, ist das ein ganz blödes Gefühl.

"Ich fange langsam an, mich beruflich zu orientieren"


evangelisch.de:
Und Sie selbst? Wie geht's bei Ihnen beruflich weiter?

Hauer: Ich habe die Zeit erst mal zum Abbauen genutzt und mich ab der Weihnachtszeit dann auf meine Familie konzentriert, ich habe zwei kleine Töchter. Jetzt fange ich langsam an, mich beruflich zu orientieren, führe viele Gespräche. Es braucht etwas Zeit, um darüber nachzudenken, wo ich hingehen will: Man kommt aus dem vollen Lauf, wir hatten ein anstrengendes Jahr mit Wahlkampf und dazu dem Untersuchungsausschuss zur Hypo Real Estate, in dem ich SPD-Obfrau war – da ist es ein Glücksfall, wenn man die Chance hat, erst mal ein wenig runterzukommen.

evangelisch.de: Also eine kreative Denkpause.

Hauer: Ja, und es tut mir gut. Mit 41 bin ich in einem Alter in dem ich woanders noch mal neu anfangen kann – das ist aufregend.

evangelisch.de: Wäre es eine Option, ganz aus dem Berufsleben auszusteigen?

Hauer: Das kann ich nicht, ich muss meine Kinder ja auch ernähren. Ich war immer berufstätige Mutter - beide Kinder sind während des Mandats geboren - und ich möchte das auch bleiben. Ich genieße es jetzt, Zeit zu haben, aber ich glaube, das ist auf Dauer weder für die Kinder noch für die Mama notwendig. Das heißt, ich muss und will mir einen Job suchen - das ist übrigens etwas, das viele Leute überrascht.

"Leute fragen mich, warum ich denn aufgehört hätte mit meiner Arbeit"


evangelisch.de:
Inwiefern?

Hauer: Als Abgeordneter erlebt man ja immer wieder, dass das Unverständnis über politische Prozesse sehr verbreitet ist - auch wenn man rausgeflogen ist. Es gibt Leute in meinem Wahlkreis die mich freundlich fragen, warum ich denn in Berlin jetzt aufgehört hätte mit meiner Arbeit. Und wenn ich dann sage: Ich habe bei der Wahl mein Direktmandat nicht gewonnen, und da ich auf der Liste nicht abgesichert war, bin ich draußen - dann sind die ganz erstaunt, dass auch Politiker ihren Job verlieren können. Oder ich höre Sachen wie: "Sie sind ja sowieso versorgt" oder "Dann kriegen Sie jetzt ja einen neuen Job". Nein, ich suche mir einen neuen Job!

evangelisch.de: Der Blick geht nur nach vorn? Kein Bedauern, Trauer, Wut über das Ausscheiden aus dem Bundestag?

Hauer: Nein, ich bin da ohne Groll oder Trauer. Ich genieße, dass ich trotzdem noch viel mitbekomme, aber gleichzeitig mehr Freiheiten habe. Das Abgeordnetendasein ist anstrengend, das ist mehr als ein Full-Time-Job.

evangelisch.de: Aber es gibt doch bestimmt etwas, dass Sie jetzt als Ex-Abgeordnete vermissen?

Hauer: Naja, bei vielen Debatten sind Sie als Bundestagsabgeordnete unmittelbar am Geschehen. Vor gut einer Woche hatte ich den Neujahrsempfang meiner Wetterauer SPD – darüber war ich heilfroh, weil ich dort endlich was zu diesen CDs mit den Steuerdaten sagen konnte! Vorher, als die Diskussion gerade hochkochte, war das nur in meinem privaten Umfeld möglich. Da fühlen Sie sich ein bisschen, als würde es gleich aus Ihnen rausplatzen. Auch Kollegen und die Arbeit vermisse ich, ich habe das gern gemacht, aber jetzt ist eben die Entscheidung getroffen, dass ich einen anderen Weg gehe.

Lebenserfahrung, Prüfungssituationen und schöne Erfolge


evangelisch.de: Welche Qualifikationen bringen Sie dafür mit?

Hauer: Ich habe vor meiner Zeit im Bundestag als Gymnasiallehrerin gearbeitet, habe dann während meiner Abgeordnetenzeit einen MBA (Master of Business Administration) gemacht weil mir bewusst wurde, dass man Abgeordneter nur auf Zeit ist.

evangelisch.de: Dieses Amt im Lebenslauf zu haben hilft bestimmt?

Hauer: Ja, ich merke, dass das Interesse weckt. Sie lernen als Abgeordneter wahnsinnig viel. Ich kenne das politische Geschäft, habe elf Jahre Finanzpolitik gemacht, wir haben diese Krise hautnah miterlebt im Parlament – das waren die aufreibendsten zwei Jahre in der ganzen Zeit. Das bringt viel, auch an Lebenserfahrung, im Umgang mit Menschen, an Prüfungssituationen, an Durststrecken und schwierigen Phasen und natürlich auch schöne Erfolge: Ich habe dreimal meinen Wahlkreis direkt gewonnen.

evangelisch.de: Ist die Rückkehr in die Politik eine Option?

Hauer: Ich will das nicht ausschließen, es gibt da ja noch andere interessante Aufgaben und ich habe das alles sehr gern gemacht. Aber auch jetzt bin ich ja noch politisch aktiv, jetzt eben als Ehrenamtliche. Sich an politischen und gesellschaftlichen Debatten zu beteiligen, das fand ich immer spannend, damit will ich auch nie aufhören.