Umfrage: Afghanen schöpfen Hoffnung - deutsches Ansehen sinkt

Umfrage: Afghanen schöpfen Hoffnung - deutsches Ansehen sinkt
Zu den Meldungen, die sonst aus Afghanistan kommen, scheint es nicht zu passen: Einer Umfrage zufolge sind die Afghanen deutlich optimistischer als noch vor einem Jahr.

Trotz anhaltender Gewalt, Armut und Korruption blicken die Menschen in Afghanistan erstmals seit Jahren wieder optimistisch in die Zukunft. Als Gründe für diesen Stimmungsumschwung macht eine am Montag in Köln veröffentlichte repräsentative Umfrage die Hoffnung auf stabilere politische Verhältnisse, eine Schwächung der Taliban und spürbare Verbesserungen im alltäglichen Leben aus.

Laut der Umfrage der ARD, der britischen BBC und des US-Senders ABC sehen 70 Prozent der Afghanen ihr Land auf dem richtigen Weg, 30 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Fast zwei Drittel der Befragten (61 Prozent) glauben, dass es ihre Kinder einmal besser haben werden. Verschlechtert hat sich dagegen die Lage im Norden des Landes, wo auch das Einsatzgebiet der Bundeswehr liegt. Hier hat Deutschland auch einen spürbaren Ansehensverlust erlitten, was unter anderem auf den Luftangriff auf zwei Tanklastzüge in Kundus mit zahlreichen zivilen Opfern zurückgeführt wird.

"Afghanen schenken anderen Entwicklungen Beachtung als wir"

"Im Moment scheint die Stimmung in Afghanistan besser zu sein als die Lage", resümierte WDR-Auslandschef Arnd Henze, der die Umfrage betreute. Als gravierend bezeichnete er indes die abweichenden Antworten im Nordosten Afghanistans. "Viele Verbesserungen des gesamten Landestrends kommen dort nicht an. Das sollte man sich genauer anschauen." So hätten vor einem Jahr noch 72 Prozent der Befragten in den nordöstlichen Provinzen die Sicherheitslage positiv eingeschätzt, heute seien es nur noch 43 Prozent.

Die Umfrage zeige auch, "dass die Afghanen ganz anderen Entwicklungen Beachtung schenken, als wir in Europa und den USA", sagte Henze. Während sich nach den Präsidentschaftswahlen die Aufmerksamkeit im Ausland vor allem die Wahlfälschungen konzentriert habe, seien die Afghanen vor allem erleichtert, dass ein drohendes Machtvakuum und die Gefahr eines Bürgerkrieges verhindert wurden. Drei von vier Befragten zeigten sich mit dem Wahlausgang zufrieden, genauso viele bescheinigten Präsident Hamid Karsai gute Arbeit und die Fähigkeit, Sicherheit und Stabilität im Lande zu verbessern.

Vor allem spürbare Verbesserungen in den alltäglichen Lebensbedingungen hätten zum Stimmungsumschwung beigetragen, heißt es weiter. Deutlich positiver als im Vorjahr bewerteten die Befragten etwa den Ausbau der Stromversorgung (Steigerung um 20 Prozentpunkte auf 39 Prozent), den Zugang zu Jobs und wirtschaftlichem Aufstieg (plus zwölf auf 41 Prozent) oder die Versorgung mit bezahlbaren Lebensmitteln (plus drei auf 66 Prozent). Verschlechtert hat sich dagegen die Bewertung der Bildungsmöglichkeiten (minus sechs auf 71 Prozent).

Entwicklungshilfe mit Kommunikationsdefizit

Die Verbesserungen im Alltag werden allerdings nicht mit der Arbeit der internationalen Entwicklungshilfeorganisationen in Verbindung gebracht. Nur jeder Vierte (28 Prozent) gibt an, persönlich von internationaler Hilfe profitiert zu haben. "Offenbar gelingt es der Entwicklungshilfe nicht immer, die Erfolge und Auswirkungen ihrer Arbeit zu kommunizieren", sagte Henze dem epd. Eine starke Präsenz ausländischer Hilfsorganisationen wünschen sich aber 75 Prozent der Afghanen.

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Vorsichtiger Optimismus zeigt sich laut Umfrage in der Einschätzung des militärischen Konflikts mit den Taliban. Sahen vor einem Jahr noch 43 Prozent der Afghanen eine Stärkung der Taliban, ist dieser Wert jetzt auf 30 Prozent gesunken, während eine Mehrheit von 40 Prozent die Aufständischen für geschwächt hält. Zwei Drittel der Befragten sieht inzwischen die Verantwortung für die anhaltende Gewalt im Lande bei den Taliban und El Kaida, während nur noch zehn Prozent die Schuld den USA und der NATO zuweisen.

Insgesamt ist die Haltung gegenüber den USA und der NATO noch immer sehr kritisch. Eine Mehrheit von rund 60 Prozent bescheinigt den Amerikanern und dem Verteidigungsbündnis, ihre Aufgaben schlecht zu erledigen. Die neue Strategie von US-Präsident Barack Obama, die internationalen Truppen befristet aufzustocken, befürworten aber 60 Prozent der Befragten.

Ansehensverlust für Deutschland

Deutschland hat laut Umfrage allerdings einen spürbaren Ansehensverlust erlitten. In den Einsatzgebieten der Bundeswehr in den Provinzen im Norden und Nordosten ist die Zahl der Menschen, die ein positives Bild der Deutschen haben, um elf Punkte auf 63 Prozent zurückgegangen, während sich die negative Einschätzung mehr als verdoppelt hat (plus 17 auf 31 Prozent). Diese Entwicklung führt Henze auf den Luftangriff auf die beiden Tanklastzüge in Kundus mit vielen zivilen Opfern zurück.

Als gute Nachricht bewertete der Journalist die "komplett veränderte" Einstellung der Befragten zu Anschlägen auf ausländische Truppen. Vor einem Jahr hielt noch jeder vierte solche Anschläge für gerechtfertigt, in der jüngsten Umfrage waren es nur noch acht Prozent, der niedrigste je gemessene Wert. Die Antworten auf diese Fragen zeigten, dass die Afghanen der Gewalt in ihrem Lande überdrüssig seien, sagte Henze.

Für die Umfrage wurden im Dezember 2009 den Angaben zufolge 1.554 repräsentativ ausgewählte Afghanen in allen 34 Provinzen des Landes zu rund 100 Fragen interviewt. Es war die fünfte gemeinsame Umfrage von ARD, BBC und ABC.

 

epd