Lucia Maria Pereira: "Mit Respekt und Würde behandeln"

Obdachlosen-Helferin Lucia Maria Pereira

Foto: Niko Wald/Brot für die Welt

Lucia Maria Pereira setzt sich für Obdachlose, die sogenannten "Straßenbewohner" ein.

Lucia Maria Pereira: "Mit Respekt und Würde behandeln"
Foul am Zuckerhut - Was die WM 2014 in Brasilien für die Menschen vor Ort bedeutet
In unserer Serie "Foul am Zuckerhut" stellen wir in kurzen Artikeln Menschen vor, die von der Fußball-WM und ihren Auswirkungen betroffen sind, unmittelbar oder mittelbar. Und wir lassen sie zu Wort kommen. Sie berichten mit ihren Stimmen, was die WM für sie bedeutet. So wie Lucia Maria Pereira aus Salvador da Bahia. Sie wünscht sich mehr Respekt für Obdachlose.
Deutschland spricht 2019

Warum uns das 2013 wichtig war: Als wir einige Zeit vor der WM in der Redaktion zusammen saßen und überlegten, auf welche Art und Weise wir das weltweite Großereignis "FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft" bei uns auf evangelisch.de aufgreifen und begleiten wollen, sahen wir uns in der Zwickmühle: Auf der einen Seite wollten wir nicht die Spiel- und Spaßverderber sein, die die (für viele Menschen) "schönste Nebensache der Welt" mies machen. Auf der anderen Seite wollten wir die vielen Probleme und Kritikpunkte, die diese Großveranstaltung mit sich brachte - und auch die begleitenden Proteste - auf jeden Fall abbilden. Als dann die Idee aufkam, doch einfach die Menschen vor Ort in Brasilien selbst für sich sprechen zu lassen, war es nur noch ein kleiner (wenngleich aufwändiger) Schritt zu einem Blog oder einer Serie. Toll war es dann, wie sich immer mehr Menschen fanden, die von der Realität in Rio, Sao Paulo, Salvador und anderswo erzählen wollten. Das Ergebnis, die Artikelserie "Foul am Zuckerhut" schließlich war ein spannender Querschnitt von Menschen, die in unterschiedlichster Weise von der Fußball-WM betroffen waren. Für mich sehr aufschlussreiche Geschichten, vor allem aber auch oft sehr berührende...

- Claudius Grigat, Redakteur bei evangelisch.de


Menschenwürde und Weltmeisterschaft – für Lucia Maria Pereira sind das Gegensätze. Die nationale Koordinatorin der Bewegung der Straßenbewohner (RUA) lebte selbst lange Zeit in der Millionenstadt Salvador da Bahia auf der Straße. Großereignisse wie die WM sorgen bei Obdachlosen für Angst und Schrecken. Sie berichtet: "In allen WM-Städten wurden, genauso wie es vorher beim Confed-Cup passiert ist, die Obdachlosen mittels Zwangseinweisungen weggeschafft.“ Sie sagt das betont sachlich, aber es ist spürbar, wie gekränkt sie darüber ist, wie der Staat mit Menschen umgeht, die auf der Straße leben: "Das geschieht nicht, um für diese Personen zu sorgen, sondern um sie wegschaffen zu können, den vermeintlichen Dreck und die armen Menschen der Stadt zu verstecken, damit die Touristen ein aufgehübschtes Brasilien sehen.“

Die Obdachlosenzeitung von RUA

Die ungeschminkte Wahrheit muss ans Tageslicht. Dafür setzt sich RUA ein. Die Organisation gibt eine eigene kleine Zeitung heraus. Sie berät Obdachlose und macht sich für ihre Rechte stark. Politiker und Bürokraten weist sie immer wieder darauf hin, wenn sie Menschenrechte missachten. Bei RUA, einer Partnerorganisation des evangelischen Hilfswerks Brot für die Welt, geht es um viel mehr als Almosen. Wie passend, dass die Zentrale von RUA in einer ehemaligen Suppenküche in der Altstadt Salvadors angesiedelt ist. Mildtätige Gaben sind passé, erklärt Lucia Maria Pereira: "Ab dem Moment, an dem du einer Person nur eine Suppe und eine alte Decke gibst, hilfst du ihr nicht, aus dieser Situation herauszukommen. Was sie braucht, ist, mit Würde behandelt zu werden, als Mensch.“ Menschen hätten das Bedürfnis, ein Zuhause zu haben; die Straße sei nicht zum Wohnen gemacht. Die Koordinatorin von RUA sagt klar, was Obdachlosen zusteht: "Diese Menschen sollten ihr eigenes Zuhause haben, ihre Arbeit, Essen; sie wollen von ihrer Arbeit leben können.“

Das ist in der vorurteilsfreudigen Gesellschaft Brasilien eine Mammutaufgabe. Lucia Maria Pereira fasst es so zusammen: "Wir versuchen, eine Kultur zu verändern, damit die Menschen die Art und Weise, wie sie leben, nicht akzeptieren, sondern wirklich versuchen, Teil der Gesellschaft zu sein.“ Offizielle Stellen möchten das offenbar nicht: Vor dem Confed-Cup im vergangenen Jahr, der als Generalprobe für die Fußball-WM galt, siedelte die Stadtverwaltung nach Angaben von RUA allein in Salvador mindestens 600 Obdachlose gegen ihren Willen um. Sie wurden mit Zwang in eine ehemalige Nervenklinik gebracht. Dort mussten sie ohne angemessene Versorgung ausharren – es fehlte an Essen, Wasser und Hygiene. Einige schwangere Frauen brachten unter diesen fatalen Umständen sogar ihre Kinder zur Welt. Die RUA-Koordinatorin sagt verbittert: "Alle, absolut alle Rechte dieser Menschen wurden verletzt!“

Was sie den WM-Gästen mit auf den Weg gibt? Lucia Maria Pereira denkt nach, holt tief Luft, und legt los: "Die WM-Besucher aus Deutschland brauchen einen kritischen Blick. Brasilien ist nicht das, was unsere Regierung als Image verkauft. In Brasilien gibt es immer noch viel Armut, in Brasilien gibt es immer noch eine große soziale Ungleichheit.“ Sie bittet die Touristen, fair zu bleiben und sich nicht mit Allgemeinplätzen abspeisen zu lassen: "Die Brasilianerinnen sind nicht einfach Sexualobjekte, unsere Kinder sind keine bedauernswerten Wesen, die Straßenbevölkerung besteht nicht aus Armseligen und Dieben. Es ist wichtig, dass uns die WM-Besucher mit Respekt und Würde behandeln und nicht alles glauben, was über Brasilien da draußen erzählt wird."

Infos zur Serie
Die Fußball-WM 2014 in Brasilien wird begleitet von Protesten und Demonstrationen, von Polizeieinsätzen und den Sorgen der Bevölkerung. Das Geld, das Brasilien für die WM ausgibt, kommt den Falschen zugute, sagen die Kritiker. Wir lassen auf evangelisch.de Brasilianer zu Wort kommen, die ihre Sicht der Dinge zeigen.

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