Jogis Jungs und fairer Hugo: WM-Begleitprogramm der Kirche

WM-Andacht in einer Hamburger Kirche

epd-bild / Stephan Wallocha/

WM-Andacht in einer Hamburger Kirche

Jogis Jungs und fairer Hugo: WM-Begleitprogramm der Kirche
Von Sylt bis Kempten: Während der Fußball-WM laden viele evangelische Kirchengemeinden zum Public Viewing ein. Mit einer Fairplay-Aktion wirbt die Kirche zudem für gerechte Lebensbedingungen im Gastgeberland Brasilien.

Mit alkoholfreiem Bier stoßen die deutschen Nationalkicker in einem TV-Spot auf den nächsten Sieg an. Würde die Werbeszene mit Blick auf die WM neu gedreht, könnten Jogis Jungs auch mit fairem Hugo anstoßen: So heißt einer der Cocktails, den die evangelische Kirche für die langen Nächte vor dem Fernseher empfiehlt - alle Zutaten lassen sich selbst herstellen und  stammen aus gerechtem Handel. Das italienische Modegetränk mit Holundernote ist mit oder ohne Prosecco im Angebot.

Snackverkäuferinnen konnten sich durchsetzen

Die "FairÄnderBar", wo es die Drinks gibt, ist Teil der Aktion "Fair Play for Fair Life", mit der die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) und das Hilfswerk "Brot für die Welt" das am Donnerstag startende Weltturnier begleiten. In einer Broschüre finden Kirchengemeinden "Anreize und Informationen" für Veranstaltungen rund um die WM, sagt Stefan Kiefer vom EKD-Arbeitskreis Kirche und Sport. Dazu zählen Bausteine für einen Gottesdienst, ein Tippspiel sowie Informationen zur sozialen Lage im Gastgeberland Brasilien.

"Wir setzen uns für Schwache und Benachteiligte ein", sagte die Präsidentin von "Brot für die Welt", Cornelia Füllkrug-Weitzel. Viele Brasilianer empfänden die hohen Investitionen für die WM angesichts fehlender Mittel für Bildung, Gesundheit und Infrastruktur als ungerecht. Zurzeit gibt es viele Proteste in dem Land, die Anspannung ist hoch. "Wir nutzen die WM, um über unsere Projekte in Brasilien zu berichten", schildert die Sprecherin des Hilfswerks, Svenja Koch. "Es gibt sehr viele Gemeinden, die bei uns nachfragen. Das Interesse ist riesig."

"Wir wollen nicht als Spielverderber auftreten"

In dem Themenheft zu "Fair Play for Fair Life" (Gerechtes Spiel für ein gerechtes Leben) finden sich denn auch Informationen zu Projekten in Brasilien, etwa für Kinder und Jugendliche in schwierigen Situationen. Schon seit den 1950er Jahren engagiert sich "Brot für die Welt" in dem Land. Dass etwa der Protest gegen die Macher der Fußball-WM durchaus erfolgreich sein kann, berichtet Koch am Beispiel der Snackverkäuferinnen in den Stadien. Der Weltfußballverband Fifa wollte ihnen verbieten, während des Turniers ihre Acarajés zu verkaufen, frittierte Bohnenmaisbällchen. "Doch sie konnten sich durchsetzen", sagt Koch.

"Wir wollen nicht als Spielverderber auftreten", erläutert Kiefer die kirchliche WM-Initiative, "sondern auch zeigen, dass die Weltmeisterschaft Möglichkeiten für das Land bietet." Neben der Fairplay-Aktion machen viele evangelische Kirchengemeinden Angebote zum gemeinsamen Fußballschauen - mit Unterstützung der EKD. Sie übernimmt für 1.200 Gemeinden in ganz Deutschland die anfallenden Gema-Gebühren. So gibt es Public Viewing in den nächsten Wochen in zahllosen evangelischen Pfarrhäusern, Gemeindezentren, Kirchgärten, Jugendräumen.

Robert Marnitz freut sich schon sehr darauf. Der Pfarrer der Kirchengemeinde Cottbus-Süd rollt zum zweiten Mal nach der EM 2012 die Open-Air-Leinwand aus. "Es macht riesigen Spaß, es kommen auch unsere Nachbarn und viele Leute, die nicht zur Gemeinde gehören", sagt der 48-Jährige. Bei der Premiere waren sogar Menschen aus Bayern da, die auf der EKD-Internetseite von dem Angebot gelesen hatten. Von Gott ist nicht zu viel die Rede, "aber wir sagen schon, dass wir in unserem Geist zusammen sind". Das ist schon viel in einer Gegend mit zehn Prozent Christen.

Und dann ist da noch Rainer Chinnow. An dem Sylter Pfarrer kommt niemand vorbei, wenn es um evangelische Fußballbegeisterung geht. "Wir sind das Original", sagt der 52-jährige Geistliche lachend. In seiner Gemeinde in Wennigstedt-Braderup gibt es schon seit 1998 Public Viewing. Bis zu 250 Leute sitzen bei Turnieren vor der Leinwand. "Das hängt davon ab, wie weit die Deutschen kommen", sagt Chinnow. Für die Titeljagd ist er "guter Hoffnung". Wunschgegner fürs Finale? "Alle außer Italien, gegen die gewinnen wir nie." Der Geistliche erinnert sich gut an die Trauergottesdienste, die er nach den Niederlagen gegen die Südländer abhalten musste.