Berlin nimmt Abschied von Rita Süssmuth

ökumenischen Gottesdienst in der St. Hedwigs-Kathedrale mit Foto von Rita Süßmuth
Kay Nietfeld/dpa
Beim ökumenischen Gottesdienst in der St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin-Mitte wurde der verstorbenen CDU-Politikerin und langjährigen Bundestagspräsidentin Rita Suessmuth gedacht.
"Politische Feministin"
Berlin nimmt Abschied von Rita Süssmuth
Ministerin, Bundestagspräsidentin, Kämpferin für Frauenrechte: Mit vielen Würdigungen hat das politische Berlin Abschied von Rita Süssmuth (CDU) genommen. Im Staatsakt erinnerte der Journalist Prantl dabei an Kämpfe, die bis heute andauern.

Mit einem Requiem und einem Trauerstaatsakt haben Vertreter der deutschen Verfassungsorgane und politische Weggefährten am Dienstag Abschied von der früheren Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth genommen. Repräsentanten aus Politik und Kirche würdigten den Einsatz der Anfang Februar verstorbenen CDU-Politikerin insbesondere für die Rechte von Frauen und hoben dabei ihre visionäre Kraft hervor. "Sie war ihrer Zeit in mancher Hinsicht voraus", sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) im Bundestag.

Der Journalist Heribert Prantl, der auf Wunsch Süssmuths im Staatsakt sprach, nutzte seine Rede, um an Süssmuths Eintreten für ein liberales Abtreibungsrecht zu erinnern. Süssmuth war am 1. Februar im Alter von 88 Jahren gestorben. Sie war von 1988 bis 1998 Bundestagspräsidentin, zuvor Bundesministerin für Familie, Gesundheit und Frauen. Merz nannte als Beispiele für Süssmuths vorwärtsgewandtes Denken ihr Beharren auf einer modernen Familienpolitik und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie ihren Umgang mit der Aids-Epidemie. In vielen Fragen habe die Geschichte Süssmuth recht gegeben, sagte Merz, der auch darauf verwies, dass sie für die Christdemokraten bisweilen auch "ziemlich unbequem" gewesen sei.

Prantl erinnert an Süssmuths Eintreten für liberales Abtreibungsrecht
Das bewies am Dienstag der langjährige leitende Journalist der "Süddeutschen Zeitung", Heribert Prantl, der Süssmuths Abweichen von der Parteilinie beim Thema Schwangerschaftsabbruch ins Zentrum seiner Rede stellte. "Zur Demokratie gehörte für sie das ständige Nachdenken, Mitreden und zivilisierte Streiten darüber, was das Beste für die Menschen ist", sagte Prantl. "Das zeigte sich, als sie ein liberales Abtreibungsrecht propagierte und gegen die Mehrheit ihrer eigenen Fraktion forderte", fügte er hinzu. Applaus gab es dafür im Bundestag nicht von allen.

1992 hatte Süssmuth einen entsprechenden Antrag von SPD, FDP und Grünen im Bundestag unterstützt. Prantl zitierte aus der damaligen Rede Süssmuths, in der sie dazu aufforderte, damit aufzuhören, "Frauen für nicht entscheidungsfähig, für nicht verantwortungsfähig zu halten". Die gläubige Katholikin Süssmuth habe sich damit damals auch "den Zorn der katholischen Bischöfe" zugezogen. Süssmuth habe "ihre eigene Überzeugung von der Christlichkeit" gehabt, sagte Prantl, der Süssmuth als "politische Feministin" bezeichnete.

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) sagte in ihrer Rede, die Selbstbestimmung von Frauen sei Süssmuths "roter Faden" gewesen. Klöckner erinnerte in diesem Zusammenhang an Süssmuths Einsatz für Parität in den Parlamenten. Dies sei für sie eine "demokratische Notwendigkeit" gewesen. Kämpferisch habe sich Süssmuth in einer "männergeprägten Politikwelt" bewegt. Deutsche Parlamente, auch der Bundestag, sind aktuell weiter mehrheitlich mit Männern besetzt.

Merkel und Lammert bei Trauergottesdienst

Am Dienstagvormittag hatte es auch einen katholischen Trauergottesdienst für Süssmuth gegeben. Prälat Karl Jüsten erinnerte dabei ebenfalls an Süssmuths Einsatz "bis zuletzt für Gleichberechtigung, besonders für Parität in den Parlamenten". Er würdigte die besondere Persönlichkeit Süssmuths. Vielleicht habe ein Grund dafür auch in ihrer tiefen Verwurzelung im christlichen Glauben gelegen, sagte er. Süssmuth engagierte sich auch im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken.

Zu Gottesdienst und Staatsakt kamen neben den Vertretern der Verfassungsorgane und von Religionsgemeinschaften, Ministerpräsidenten und Abgeordneten auch Altkanzlerin Angela Merkel (CDU) und Altkanzler Olaf Scholz (SPD). Die früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) und Wolfgang Thierse (SPD) hielten neben anderen aktuellen und früheren Mitgliedern des Parlamentspräsidiums die Fürbitten im Gottesdienst. Süssmuths Enkel hielten Dankesworte.