Zwangsarbeit: DDR-Opferberbände fordern Entschädigung von Bahn

Viele westliche Unternehmen profitierten von Zwangsarbeit in der DDR. Jetzt kommen neue Einzelheiten über Strafen, Unfälle und schlechte Ernährung der Häftlinge ans Licht. Die politischen Gefangenen traf die Schufterei besonders hart.

Die Zwangsarbeit von Häftlingen in der DDR war offenbar weiter verbreitet als bislang angenommen. Eine von Opferverbänden in Auftrag gegebene Studie ergab, "dass die Zwangsarbeit in der DDR von Anfang an als zentral gesteuertes System der wirtschaftlichen Ausbeutung von Strafgefangenen angelegt war". Die vom Möbelkonzern Ikea finanzierte Studie wird am 16. Juni in Berlin vorgestellt, wie die Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) mit. Inzwischen gibt es erste Entschädigungsforderungen an die Deutsche Bahn und an den Energiekonzern Vattenfall.

Kennzeichen der DDR-Zwangsarbeit seien "schwerste Bestrafungen bei Verweigerung der Arbeit, eine hohe Unfallquote und schlechte Ernährung" gewesen, teilte der Dachverband der Opferverbände am Samstag auf seiner Internetseite mit. Im Vordergrund habe gestanden, ein Maximum an Profit aus den Strafgefangenen herauszuholen. Besonders hart habe es dabei die politischen Gefangenen getroffen.

"Die Entschädigung muss kommen"

Der Vorsitzende der Union der Opferverbände, Rainer Wagner, fordert deshalb von der Deutschen Bahn AG wegen des Einsatzes von Strafgefangenen bei der Reichsbahn der DDR Entschädigungen. Der "Berliner Zeitung" (Wochenendausgabe) sagte Wagner, die Deutsche Bahn dürfe sich nicht wegducken. "Die Entschädigung muss kommen." Die Deutsche Bahn AG sei hundertprozentig in der Verantwortung. Die Reichsbahn in der DDR habe von der Zwangsarbeit mit am stärksten profitiert.

Der Vorsitzende des Rates der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Markus Meckel, widersprach dieser Forderung, weil nicht nur politische, sondern "Häftlinge insgesamt" betroffen gewesen seien. "Das ist kein zusätzliches und besonderes Unrecht", erklärte Meckel der Zeitung. Deshalb sehe er "keine unmittelbare Regresspflicht vonseiten der Deutschen Bahn".

Laut UOKG-Studie soll die Reichsbahn in der DDR zwischen 1951 und 1989 regelmäßig Kontingente von Zwangsarbeitern erhalten haben. Jährlich seien rund 1.200 bis 1.500 Strafgefangene eingesetzt und zu schweren Arbeiten im Gleisbau oder bei der Verschrottung von Waggons gezwungen worden, berichtet die Zeitung. Das Bundesverkehrsministerium äußerte sich zunächst nicht und verwies auf die noch Vorstellung der Studie am 16. Juni. Autor der Studie "Das System der Zwangsarbeit in der SED-Diktatur. Die wirtschaftliche und politische Dimension" ist der Politikwissenschaftler Christian Sachse.

Auch Vattenfall soll zahlen

Nach einem Bericht der "Bild"-Zeitung (Samstagsausgabe) mussten politische Häftlinge in der DDR unter schwersten Bedingungen auch im Braunkohle-Tagebau arbeiten. Dabei bezieht sich der Zeitungsbericht ebenfalls auf die Studie. Autor Sachse erklärte gegenüber der Zeitung, "Inhaftierte waren im Braunkohletagebau in der Lausitz und in Bitterfeld eingesetzt". Auch Arbeitserziehungskommandos mit jungen Menschen seien bis zum Ende der DDR in den Braunkohletagebau geschickt worden.

Der Wissenschaftler forderte den Energieversorger Vattenfall, der heute unter anderem in der Lausitz mehrere Tagebaue betreibt, zu Entschädigungen auf. "Vattenfall muss die Häftlingsarbeit in den Braunkohlegebieten Ostdeutschlands aufarbeiten. Ich sehe Vattenfall in der moralischen Verantwortung eine finanzielle Entschädigung für die Häftlinge zu leisten", wird Sachse zitiert. Vattenfall äußerte sich zunächst nicht.

Bereits Anfang des Jahres erschien eine Studie zu DDR-Zwangsarbeit unter dem Titel "Knastware für den Klassenfeind" bei der Stasi-Unterlagenbehörde. Neben Möbeln und anderen von Häftlingen hergestellten Waren sollen demnach zeitweise auch Blutkonserven der Häftlinge in den Westen verkauft worden sein.