Lieben bis zum Ende

Liebe bis zum Ende

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Lieben bis zum Ende
Kann eine Liebe ein Leben lang halten? Manche Paare scheinen so miteinander verbunden, dass sie sich selbst im Tod nicht trennen. Was erzählen uns diese Geschichten?
Deutschland spricht 2019

Michael DeNettis und seine Frau Olympia DeNittis kannten sich von Kindheit an und waren 67 Jahre verheiratet. Als Olympia im Alter von 94 Jahren stirbt, erzählen die Kinder der beiden ihrem Vater erst einmal nicht davon. Doch Michael scheint zu spüren, dass etwas nicht stimmt – und folgt seiner Frau nur einen Tag später.

Ob Zufall oder Fügung - die Geschichten von langverheirateten Paaren, die fast zeitgleich sterben, berühren und faszinieren immer wieder. Sobald darüber berichtet wird, reagieren Leser mit Sympathiebekundungen und Ergriffenheit. Ob bei Helen und Les Brown, die nach 75 gemeinsamen Ehejahren sterben, oder der Liebesgeschichte von Ruth und Harold Knapke: "Das ist wahre Liebe", kommentieren viele.

Ein Leben lang bis in den Tod miteinander vereint - ist das die ultimative romantische Vorstellung von Liebe? "Geschichten von Liebe, Treue und Verbundenheit beinhalten immer auch eine gewisse Romantik und stehen für Werte, die in unserem Alltag oft nicht mehr so vertreten sind und dadurch auch eine gewisse Sehnsucht ausdrücken", meint Axel Gerland, Psychotherapeut und Leiter des evangelischen Beratungszentrums beim Diakonischen Werk Hannover.

Liebe und Tod

Die Geschichten berühren vielleicht auch deswegen, weil sie von den zwei elementarsten Dingen erzählen - der Liebe und dem Tod. Die Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung und die Angst davor, alleine zurückzubleiben oder geliebte Menschen zurücklassen zu müssen, sind hier eng miteinander verknüpft.

Die berühmte Kinderbuchautorin Astrid Lindgren meinte dazu am Ende ihres Lebens: "Naja, wenn man so alt ist, muss einem klar sein, dass es bald abgeht, wie meine Schwestern und ich immer sagen. Aber ich habe keine Angst. Allerdings ist es sehr schmerzhaft, wenn gute Freunde gehen. Das hat meinen Geschwistern und mir schon Sorgen bereitet, als wir noch klein waren. Dass nicht die ganze Familie und alle, die man gern hat, gleichzeitig sterben!"

Zufall oder nicht?

Sind die Geschichten wie die von Michael und Olympia DeNittis Zufall? Oder können zwei Menschen tatsächlich so miteinander verbunden sein, dass sie sich auch im Tod nicht voneinander trennen können? Axel Gerland denkt zunächst an Zufall. "Aber mit den gemeinsamen Lebensgeschichten ist auch ein gemeinsamer Lebenssinn verbunden", sagt der Psychotherapeut. "Wenn dann einer geht, hat das natürlich Auswirkungen. Wie weit diese gesundheitlich sind, können wir nur vermuten, aber es ist verständlich, dass durch solche Schicksalsschläge auch der Lebenswille des Zurückbleibenden betroffen ist."

Dass der Lebensmut versagt, wenn der Abschied naht, und die Angst vor der Trennung überwiegt, kann auch zu drastischen Reaktionen führen. Der französische Sozialphilosoph André Gorz und seine schwerkranke Frau Dorine nahmen sich 2007 gemeinsam das Leben, weil sie ohne einander nicht sein wollten. "Du bist gerade 82 geworden. Du bist immer noch schön und begehrenswert. Wir leben seit 58 Jahren zusammen und ich liebe Dich mehr als je zuvor. Erst kürzlich habe ich mich erneut in dich verliebt", schrieb Gorz in seinem letzen Buch "Brief an D.", das eine Liebeserklärung an seine Frau ist.

Dass Liebe ein Leben lang lebendig bleiben kann, ist möglich. "Kommunikation ist dabei ganz wichtig - miteinander zu reden und zu handeln und gemeinsame Erfahrungen zu sammeln. Dadurch steht Verbundenheit und Zweisamkeit", sagt Gerland. Doch je älter man wird, desto bewusster wird vielen, dass die verbleibende Zeit endlich ist.

Dem Leben einen Sinn geben

Die Angst vor dem Alleinsein im Alter ist weitverbreitet. Doch wie kann man damit umgehen, dass die Zeit, die einem bleibt und die man zusammen mit geliebten Menschen hat, begrenzt ist? "Es ist immer schwieriger für denjenigen, der zurückbleibt", so Gerland. "Umso wichtiger ist es, dass man Unterstützung durch Freunde, Angehörige und nahe Menschen hat, die einem das Gefühl geben können, das man weiter geschätzt und gebraucht wird." Das Gefühl von Übrigbleiben kann also in der Geborgenheit bei anderen Menschen aufgehoben werden.

Gleichzeitig ist es auch wichtig eine Lebensbilanz ziehen zu können und eine gewisse Erfüllung erlebt zu haben - ob familiär, beruflich oder auf andere Weise. "Menschen können eher loslassen, wenn sie zurückblicken und sehen, dass sie etwas vollbracht haben", meint Axel Gerland dazu. Wenn man dem Leben also selber einen Sinn geben kann, wenn man Dankbarkeit für das gelebte Leben und vielleicht auch für die gemeinsame Zeit mit einem geliebten Menschen fühlt, kann das dem Abschied ein wenig den Schrecken nehmen.

Dass das möglich ist, erzählt Astrid Lindgren in ihrem autobiografischen Buch "Das entschwundene Land". Sie schreibt darin über die außergewöhnliche tiefe Liebe ihrer Eltern, die in Schweden sogar zur Liebesgeschichte des Jahrtausends gewählt wurde. Nach über fünfzig Jahren Ehe stirbt ihre Mutter Hanna Ericsson - der Vater Samuel August lebt noch acht weitere Jahre. Lindgren über ihren Vater: "Er hatte ein wunderliches Vertrauen in das Leben, eine Lebensfreude und die tröstliche Gewissheit eines künftigen Lebens und deshalb konnte nicht einmal Hannas Tod ihn zerbrechen."

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