Huber: "Ich würde das Zukunftspapier heute anders schreiben"

Altbischof Wolfgang Huber wird 70 Jahre alt

Foto: epd/Rolf Zöllner

Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Berliner Bischof, Wolfgang Huber, in seinem Haus.

Als EKD-Ratsvorsitzender trieb Wolfgang Huber den Reformprozess der evangelischen Kirche voran. Jetzt zieht der Altbischof im Interview mit evangelisch.de eine Zwischenbilanz. Und übt Selbstkritik mit Blick auf das umstrittene Zukunftspapier "Kirche der Freiheit" von 2006.

Herr Professor Huber, welche Stellung hat die Kirche heute in der deutschen Gesellschaft?

Wolfgang Huber: Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde den beiden großen Kirchen eine öffentliche Sonderstellung zuerkannt; sie stand im Zusammenhang mit dem Versuch zu verarbeiten, was an Schuld und Versagen in der Nazizeit zu beklagen war. Diese Sonderstellung der Nachkriegsepoche ging schon in den sechziger Jahren zu Ende. Eine neue Periode begann mit der deutschen Einheit. Jetzt gibt es ein Ringen um den öffentlichen Raum. In den letzten fünf Jahren melden sich vermehrt Stimmen, die die Kirchen so weit wie möglich aus dem öffentlichen Raum zurückzudrängen versuchen.

Und die spannende Frage ist: Wie reagiert die evangelische Kirche auf diese Situation?

Huber: Nach meiner Meinung: Selbstbewusst. Aktiv. Verdeutlichend, warum sie ein Teil dieser Gesellschaft ist und nicht in irgendeinem Winkel existiert.

In Ihren eigenen Reden und Schriften tauchen immer wieder die Begriffe "Freiheit" und "Gnade" auf. Oft sprechen Sie von "Gottes befreiender Gnade". Wie würden Sie kirchendistanzierten Leuten erklären, was damit gemeint ist?

Huber: An Erfahrungen, die jeder Mensch an jedem Morgen machen kann. Die Erste: Es ist nicht selbstverständlich, dass ich nach der Nacht wieder aufwache. Ich habe mein Leben nicht selber in der Hand. Es kann mir an jedem Tag genommen werden; und es ist an jedem Tag ein mir anvertrautes Geschenk. Das ist die Erfahrung gnädigen Bewahrtseins. Und die Andere: Der Anfang eines neuen Tages enthält in sich die Chance, Fehler des Vortags nicht in den neuen Tag hineinzunehmen. In diesen zwei Grunderfahrungen des täglichen Lebens spiegelt sich etwas von dem, was wir die Gnade Gottes nennen.

"Die Strukturen sind kein Selbstzweck"

"Kirche der Freiheit" heißt das vieldiskutierte Impulspapier, mit dem die EKD 2006 unter Ihrer Leitung als Ratsvorsitzender einen breit angelegten Reformprozess beförderte. Wo stehen wir heute innerhalb dieses Prozesses?

Huber: Es ist eingetreten, was wir gewollt haben: Dieser Prozess hat Eingang gefunden in regionale Prozesse in den Gliedkirchen der EKD.

Und dort geht es dann zum Beispiel um die regionale Kooperation von Kirchengemeinden, um Profilbildungen, um Fusionen von Gemeinden, Kirchenbezirken und Landeskirchen?

Huber: Ja, darum auch. Aber die Strukturen sind kein Selbstzweck. Es wird immer problematisch, wenn die Meinung vertreten wird, Strukturentwicklungen – Zusammenschlüsse, Neudefinition von Grenzen  – seien in sich selbst Reformprozesse. Das ist ja nicht der Fall. Das Kriterium für diese veränderten Strukturen ist vielmehr, ob sie die Erfüllung der Aufgaben, wie sie sich heute stellen, besser ermöglichen.

Welche Aufgaben wären das?

Huber: Im Kern geht es darum, die Konzentration auf die Mitte des Verkündigungsauftrags der Kirche zu verbinden mit einer Öffnung nach außen und einer Orientierung hin zu den Menschen, denen diese Botschaft nicht mehr selbstverständlich ist. Es geht immer um diese Verbindung zwischen Konzentration und Weite. Das kann man dann in den verschiedenen Handlungsfeldern durchbuchstabieren.

Sind Sie im Nachhinein zufrieden mit Ihrem eigenen Beitrag zu diesem Reformprozess? Oder würden Sie heute manches anders angehen?

Huber: Ich war sehr engagiert und auch sehr begeistert von dem Prozess, der zu dem Papier "Kirche der Freiheit" geführt hat. Trotzdem würde ich natürlich heute versuchen, diesen Prozess noch stärker so zu organisieren, dass Partizipation auch beim Entstehen eines solchen Papiers ermöglicht wird – ohne den Prozess zu verlangsamen. Und ich würde wichtige Teile dieses Papiers heute anders schreiben.

An welche Teile denken Sie da?

Huber: Ich denke an die Teile, in denen es uns nicht gut genug gelungen ist, unsere neuen Vorschläge auf die Denkweisen und Einstellungen der kirchlich Beheimateten zu beziehen. Bei der Entfaltung unserer theologischen Grundüberlegungen dachten wir auch an Menschen, die nicht in der kirchlich-theologischen Sprache beheimatet sind. Das trug dazu bei, dass viele kirchliche Insider ein Defizit an theologischer Entfaltung des Kirchenverständnisses verspürten. Verbunden war das mit der Behauptung, wir hätten eine betriebswirtschaftliche Sprache verwendet. In unseren Augen war das ein Missverständnis; es erklärt sich im Nachhinein daraus, dass wir im Blick auf die Reformziele, die wir beschreiben wollten, den Mut zu quantitativen Angaben hatten. Das war für kirchliche Reformdiskussionen ungewohnt.

"Diese Polarisierungen in der Reaktion haben wir so nicht vorausgesehen. Das war bedauerlich"

Zum Beispiel wurde in dem Papier für die künftige Balance zwischen normalen Kirchengemeinden vor Ort, Profilgemeinden und anderen Gemeindeformen ein Verhältnis von jeweils einem Drittel vorgeschlagen.

Huber: Das hat einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, weil wir damit eine Delegitimierung der normalen Parochialgemeinden betrieben hätten. Da ging es erst einmal um die Verteidigung des Vertrauten. Es ist durch dieses Papier nicht so gut gelungen, wie es hätte gelingen müssen, die Pfarrerschaft als kirchlichen Schlüsselberuf zu motivieren, die angestrebte Reform zu ihrer eigenen Sache zu machen. Stattdessen verstanden manche Sprecher der Pfarrerschaft das als Infragestellung der Qualität ihrer pastoralen Arbeit. Es gab andere, die begeistert sagten: "Endlich ein Vorschlag, wohin es gehen kann!" Diese Polarisierungen in der Reaktion haben wir so nicht vorausgesehen. Das war bedauerlich. Heute würde ich versuchen, das anders zu machen.

Der Reformprozess – zumindest dessen struktureller Teil – ist jetzt angekommen an der Basis. Inzwischen fühlen sich dort viele engagierte Leute erschöpft und allmählich überfordert. Was würden Sie denen sagen?

Huber: Mein Rat ist immer, solche Strukturprozesse erstens möglichst zügig und zweitens möglichst weitsichtig zu gestalten, damit man nicht von einem Strukturprozess in den nächsten stolpert. Die großen Sitzungen und Debatten, die wir darüber führen, müssen in der Atmosphäre menschenfreundlich gestaltet sein, es muss auch was zu lachen geben. Sie können von Externen moderiert werden. Wir machen einen Zeitplan und wissen alle miteinander: Das beschäftigt uns nicht fünf Jahre.

Oft verkämpfen sich Menschen besonders stark, die mit den vorhandenen Strukturen schon lange Jahre verflochten sind. Damit solch ein Prozess nicht alle Beteiligten überanstrengt, sollten wir den Blick von weiter außen stärker präsent haben – den Blick der einfachen Kirchenmitglieder, die vor allem fragen: "Erlebe ich einen überzeugenden Gottesdienst? Erfahre ich gute Seelsorge? Gibt es einen guten, nachhaltigen Konfirmandenunterricht?"

Sie sagen, Strukturveränderungen sind kein Selbstzweck. Nach meiner Beobachtung kommt das aber an der Basis oft anders an. Kann es sein, dass wir erst einmal eine spirituelle Erneuerung bräuchten? Oder auch eine theologische Vertiefung des Reformprozesses?

Huber: Es kann sein, dass das nicht genügend ankommt, weil wir eine Form der kirchlichen Leitung haben, die stark auf gesetzliche Vorgaben und deren Umsetzung fixiert ist. Da wird eine staatsanaloge Struktur vererbt, die sich aus den Zeiten des landesherrlichen Kirchenregiments und seiner Verwaltungskirche erklärt. Wenn man sich die Tagesordnungen von kirchlichen Gremien anschaut, dann sind sie sehr stark von Strukturfragen – Kirchengesetze, Haushalt, Bau, Personal – geprägt. Da ist es schwer, Fragen des geistlichen Lebens, Überlegungen zur geistlichen Schwerpunktbildung ins Zentrum zu rücken.

"Wir sollten das, was wir als Kirche tun, so tun, dass es Ausstrahlung entwickelt und einladend wirkt"

Ihnen ist immer auch sehr wichtig gewesen, den biblischen Missionsauftrag für die gegenwärtige Situation in Deutschland wiederzuentdecken. Wie meinen Sie das?

Huber: Es geht mir nicht so sehr darum, zusätzliche Aktivitäten zu entfalten. Die Pointe ist vielmehr, die missionarische Dimension des Normalen zu entdecken. Wir sollten das, was wir als Kirche tun, so tun, dass es Ausstrahlung entwickelt und einladend wirkt. Dass es eine Willkommenskultur prägt und nicht eine Abschreckungskultur. Mir liegt sehr viel daran, dass wir diejenigen Ecken, in denen unsere Kirche Freudlosigkeit ausstrahlt, ausmisten und die Freude am gemeinsamen Leben aus dem Glauben als eine gewinnende Lebensform entwickeln.

Woher nehmen Sie für sich selbst diese Freude her? Was ist Ihre Kraftquelle im Alltag?

Huber: Meine Frau und ich beginnen jeden Tag damit, dass wir gemeinsam die Herrnhuter Losungen lesen und darüber nachdenken, was sie für die Erfahrungen des vergangenen oder die Pläne des neuen Tages bedeuten. Diese Zeit der Stille und Einkehr ist eine große Sache. Auch für uns evangelische Christen ist eine regelmäßige Form eigener Glaubenspraxis wichtig.