Bittere Schokolade

Spiel, Spaß, Spannung? Vor allem jetzt zur Adventszeit brummt das Geschäft mit der Schokolade. Doch fair geht es nicht immer zu. Daher fordern verschiedene Aktivisten: "Make Chocolate Fair!"

Foto: Inkota/Make Chocolate Fair

Spiel, Spaß, Spannung? Vor allem jetzt zur Adventszeit brummt das Geschäft mit der Schokolade. Doch fair geht es nicht immer zu. Daher fordern verschiedene Aktivisten: "Make Chocolate Fair!"

Bittere Schokolade
Lebkuchen, Dominosteine und Schoko-Nikoläuse – Adventszeit heißt auch: Schokoladenzeit. Doch unser Konsum hat gravierende Folgen für die Produzenten: Immer noch können die Kakaobauern von ihrer Arbeit kaum leben.
Deutschland spricht 2019

Dieses Jahr treten die Weihnachtsmänner in Streik: Kein Bock mehr auf unfaire Schokolade. Mit Aktionen wie dieser wollen die Organisatoren der Kampagne "Make Chocolate Fair" am 5. Dezember auf die schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen von Kakaobauern aufmerksam machen. Die Kampagne wird von mehreren europäischen NGOs getragen, aus Deutschland ist das Inkota Netzwerk federführend dabei. Kernstück ist eine Petition, die Unterschriften für fairere Bedingungen in der Schokoladenproduktion sammelt.

Etwa 5,5 Millionen Bauern auf der ganzen Welt produzieren die Hauptzutat für Schokolade und ernähren ihre Familien mit dem Anbau von Kakao. Der Großteil des Kakaos stammt aus Westafrika: In der Elfenbeinküste, in Ghana, Nigeria und Kamerun werden mehr als 70 Prozent des Kakaos weltweit angebaut, überwiegend auf kleinen Parzellen und mit Hilfe der Familie.

Sechs Prozent des Verkaufspreises für die Bauern

Der Anbau von Kakao rechnet sich für die Bauern kaum: Viele verdienen weniger als 1,25 US-Dollar am Tag und leben unterhalb der Armutsgrenze. Früher ging es ihnen einmal besser, erinnert sich die ghanaische Kakao-Aktivistin Afia Owusu vom Netzwerk African Cocoa Coalition, das sich für eine nachhaltigere und fairere Kakaoproduktion einsetzt: "Als ich klein war, waren es die Kakaobauern, die Geld hatten."Aber der Preis für Rohkakao hat sich in den letzten dreißig Jahren fast halbiert, und auch der Anteil, der beim Verkauf von verarbeiteten Produkten bei den Kakaobauern bleibt, ist stark gesunken: Während die Bauern 1980 noch 16 Prozent vom Verkaufspreis einer Tafel Schokolade bekamen, sind es mittlerweile nur noch 6 Prozent. Dafür streichen die Konzerne immer sattere Gewinne ein.

Arbeiterinnen trocknen Kakaobohnen in Ghana
Mit den sinkenden Weltmarktpreisen haben sich die Arbeitsbedingungen verschlechtert. Die Arbeit ist oft gesundheitsgefährdend, Schutzbestimmungen werden nicht eingehalten, soziale Sicherungsmechanismen fehlen. Kinderarbeit ist immer noch weit verbreitet: So arbeiten fast zwei Millionen Kinder auf Plantagen in der Elfenbeinküste und in Ghana, hunderttausende von ihnen unter Bedingungen, die nationale Gesetze und internationale Abkommen zu Arbeits- und Menschenrechten verletzen. Die meisten von ihnen gehören zu den Bauernfamilien – die können es sich oft nicht leisten, auf die Arbeitskraft zu verzichten. "Kinderarbeit ist eine Konsequenz der Armut. Das ist das eigentliche Problem, das im Fokus stehen sollte", sagt Lina Gross vom Inkota-Netzwerk, einem Träger der "Make Chocolate Fair"-Kampagne.

Denn nur wer genug Geld einnimmt, der kann auch Saisonarbeiter bezahlen. Deshalb sagt die Kakao-Aktivistin Afia Owusu: "Das Wichtigste ist, dass die Bauern einen fairen Preis für ihr Produkt bekommen." Die Zertifizierung durch das Fairtrade-Siegel garantiert den Bauern einen festen Mindestpreis – so werden sie unabhängiger von den Preisschwankungen des Weltmarkts.

Fairtrade hat auch weitere Vorteile: Das Siegel soll langfristige Lieferbeziehungen, eine Vorfinanzierung und das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit sicherstellen. Außerdem wird den Bauern eine Prämie für ökonomische und soziale Gemeinschaftsprojekte gezahlt. Zusätzlich werden Trainings angeboten, die die Bauern über Themen wie Finanzen, Sicherheit am Arbeitsplatz oder Produktivität informieren. So lernen sie beispielsweise, wie sie effizient wirtschaften und ihre Plantagen pflegen. "Gute Zertifizierungssysteme setzen da an", sagt Friedel Hütz-Adams vom Südwind-Institut für Ökonomie und Ökumene.

Zertifikate sind leider nicht immer eine Garantie

Doch werden die Standards wirklich eingehalten? Laut Daniel Caspari vom Verein Transfair, der in Deutschland das Fairtrade-Siegel vergibt, sind Verstöße vorgekommen. Ein unabhängiges Zertifizierungsunternehmen, Flo-Cert, kontrolliert die Produzenten vor Ort, und das mindestens einmal im Jahr. Bei Verletzung der Regeln werden die Produzenten zunächst suspendiert; wird das Problem nicht fristgerecht behoben, verliert der Produzent das Siegel.

Afia Owusu kämpft für faire Schokolade
In Ghana machen sich mehrere Zertifizierungssysteme – mit unterschiedlichem Fokus – für den fairen Handel stark, die bekanntesten sind Fairtrade und die wirtschaftnäheren Labels UTZ und Rainforest Alliance. Doch eine Zertifizierung für faire Siegel ist aufwendig, erlebt Afia Owusu in Ghana: "Die Kosten halten die Bauern davon ab, sich zertifizieren zu lassen."

Mit dem Netzwerk African Cocoa Coalition versucht Afia Owusu die Bauern davon zu überzeugen, sich zu organisieren. Denn viele Bauern brauchen Unterstützung, ist sie sich sicher: "So wie die Bauern jetzt wirtschaften – wenn wir nicht aufpassen, bricht die Industrie zusammen." Da das Geld fehlt, investieren die Bauern nicht in ihre Plantagen, alte Bäume werden nicht ersetzt, es fehlt an Dünger, Pestiziden und Saatgut, in der Folge sinkt der Ertrag – und das Einkommen. Die Bedingungen auf den Plantagen gefährden auch die Zukunft des Kakaoanbaus:

"Wer jetzt eine Kakao-Plantage besucht, der sieht alte Menschen, weil es für die Jungen nicht interessant ist, Kakao zu produzieren", sagt Afia Owusu. Statt auf dem Dorf Knochenarbeit zu verrichten, gehen die Jungen lieber in die Städte, um dort eine bessere Zukunft zu suchen.