"Warum sagen wir nicht einfach Gott?"

Muslimische Schüler besuchen in Hessen erstmals einen Islam-Unterricht

Foto: epd-bild/Frank Möllenberg

In der Rüsselsheimer Goetheschule treffen sich 23 Erstklässler einmal pro Woche zum Islamunterricht.

"Warum sagen wir nicht einfach Gott?"
Muslimische Schüler besuchen in Hessen erstmals Islamunterricht an staatlichen Schulen
Viele Jahre stritten sich Hessens Landespolitiker, ob an staatlichen Schulen Islamunterricht stattfinden soll. Nun werden seit diesem Herbst die ersten Kinder unterrichtet. Ihnen macht es Spaß, aber die ersten Schritte sind mühsam.

Der kleine Junge rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Als er an die Reihe kommt, sprudelt es aus ihm heraus: "Allah ist Gott?" fragt er und schiebt sofort nach: "Warum sagen wir dann nicht einfach Gott?" Lehrerin Zühal Karakurt überlegt kurz, was sie dem ABC-Schützen entgegnen soll: "Weil wir im Islam eine arabische Sprache sprechen", gibt sie schließlich eine eher formale Antwort.

Dass Karakurt nicht tiefgehender argumentiert, ist kaum verwunderlich. Schließlich sind es Erstklässler, die sie an der Rüsselsheimer Goetheschule in dem neuen Fach "Islamischer Religionsunterricht" unterrichtet. Islamunterricht wird seit diesem Sommer an 27 hessischen Grundschulen erteilt. Wie die Landesregierung erklärt, beruht er in dem Bundesland auf den gleichen gesetzlichen Voraussetzungen wie katholischer und evangelischer Reliunterricht. Die Lehrer - die muslimischen Glaubens sind und schon vorher im Schuldienst standen - absolvieren dafür eine Fortbildung. Das Fach "Islamische Religion" gibt es außerdem noch in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

In den ersten Monaten an der Rüsselsheimer Goetheschule werden Grundlagen gelegt. Karakurt bringt den 14 Jungen und neun Mädchen bei, wann sie still sein müssen und wie wichtig gegenseitiger Respekt ist. Zu Beginn der Stunde bittet sie die Kinder in einen Stuhlkreis. Jeder darf berichten, wie er sich fühlt. "Mir geht es heute nicht gut, weil mein Bruder geschnarcht hat. Beim Schlafen", sagt ein Junge. "Mir geht es gut, weil mein Vater morgen von der Türkei kommt", sagt ein Mädchen mit leuchtender Haarspange. Manche der Kinder sprechen noch Deutsch mit kleinen Fehlern. Untereinander tauschen sie sich oft auf Türkisch aus.

Nur die Begrüßung ist auf Arabisch

Karakurt, die selbst türkische Wurzeln hat, achtet darauf, dass Deutsch die Unterrichtssprache ist. Sie weist Mehmet, der etwas über "Seytan" erzählen möchte, darauf hin, dass "wir in Deutschland Teufel sagen". Nur die Begrüßung fällt aus dem Rahmen: "Salam aleikum", begrüßt die Lehrerin die Kleinen. "Aleikum salam", ertönt es im Chor zurück.

Inhaltlich geht es an diesem Tag um die ersten Menschen, um Adam und Hawwa, wie sie im Islam heißen. Die 32-jährige Lehrerin fragt die Kinder, was ihre Eltern und Großeltern über sie bereits erzählt haben. Später schaltet Karakurt ein Hörspiel ein, und sie selbst liest einen Abschnitt aus dem Buch "Islam für Kinder" vor. Dort heißt es: "Adam ist der erste Prophet und Mohammed ist der letzte Prophet. Aber alle sagen: Die Menschen sollen nur zu Allah beten."

Als die Kinder im Stuhlkreis unruhig werden, dürfen sie an ihren Plätzen ein Bild ausmalen. Zu sehen ist eine kunstvolle Moschee mit Minaretten und Halbmonden, über ihr prangen Sterne. Yusuf kramt sein Mäppchen aus dem Rucksack und fängt gewissenhaft an, jede einzelne Fläche mit Farbe zu füllen. Bereits in den vergangenen Islamstunden hat er Bilder ausgemalt: Mal einen älteren betenden Mann, mal eine Wüstenkarawane an einer Oase. Es habe sehr viel Spaß gemacht, sagt er.

Nachmittags auf die Koranschule

Während der Malzeit geht Karakurt zu einzelnen Kindern und spricht mit ihnen über ihre Bilder und die Moscheen. Viele wüssten bereits einiges über den Islam, erzählt die Lehrerin später. Manche Eltern schickten sie an Nachmittagen auf Koranschulen. Der Unterricht in der Rüsselsheimer Goetheschule wird von der DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) verantwortet, zu der auch die meisten Kinder aus Karakurts Islamklasse zählen, wie die Lehrerin berichtet.

Für den Unterricht spiele es aber überhaupt keine Rolle, welcher Moscheegemeinde ein Kind angehöre, sagt Karakurt. Religiöse Inhalte treten in den ersten Monaten noch nicht in den Vordergrund: Das offizielle Lehrbuch ist nämlich noch nicht geliefert. Anders als gedacht haben sie es auch noch nicht geschafft, die fünf Säulen des Islams durchzunehmen, wie die Lehrerin sagt.

In jedem Fall sind die Erstklässler mit Leidenschaft bei der Sache - obwohl der Unterricht in der fünften und sechsten Stunde stattfindet. Mehmet, der sich schwertut beim Ausmalen, zieht es alle fünf Minuten zur Lehrerin. Immer wieder zeigt er ihr begeistert seine Erfolge. Er ist noch tief in sein Bild versunken, als der Gong das Ende des Schultags einläutet. Die Kinder packen ein. Und Yusuf seufzt das, was wohl die meisten Schüler bei Schulschluss denken: "Na endlich!"

Islamischer Religionsunterricht in Deutschland

In drei von 16 Bundesländern wird islamischer Religionsunterricht als ordentliches Schulfach angeboten. Nordrhein-Westfalen begann bereits im Herbst 2012, mit Beginn dieses Schuljahres zogen Niedersachsen und Hessen nach. In Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz laufen entsprechende Schulversuche. In Deutschland gibt es rund 700.000 muslimische Schüler. In Hessen ist der bekenntnisgebundene Islamunterricht in diesem Herbst an 27 Grundschulen gestartet. Bei einer Mindeststärke von acht Schülern wird islamische Religion nach staatlichen Lehrplänen, in deutscher Sprache und von staatlichen Lehrern unterrichtet. Zunächst werden etwa 440 Erstklässler an zwei Stunden in der Woche unterrichtet. Das Angebot soll schrittweise auf andere Jahrgänge ausgedehnt werden. Hessen reklamiert für sich, als erstes Land bei der Einführung des Islam-Unterrichts die Voraussetzungen des Grundgesetzes zu erfüllen: Als Kooperationspartner sind in dem Bundesland der DITIB-Landesverband und die Ahmadiyya-Gemeinde anerkannt, der vor allem pakistanischstämmige Muslime angehören.