Historiker Kulka mit Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet

Historiker Kulka mit Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet
Der israelische Autor und Historiker Otto Dov Kulka hat am Montagabend den Geschwister-Scholl-Preis erhalten. Die Auszeichnung lasse der deutschen Ausgabe seines Buches "Landschaften der Metropole des Todes" besondere Bedeutung zukommen, sagte Kulka.

"Ich schätze diese Würdigung sehr", fügte er bei der Preisverleihung in der Münchner Ludwig-Maximilians-Unversität hinzu. Laudator Jörg Platiel betonte, mit Kulka werde nicht nur "der Autor eines außergewöhnlichen Buches", sondern auch ein "Zeitzeuge, der sein Wissen bewahrt hat", geehrt.

Ins KZ Auschwitz deportiert

Der 1933 in der Tschechoslowakei geborene Kulka hat sich als Historiker seit den 1960er Jahren intensiv mit dem Holocaust und den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. In seinem nun mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichneten Buch "Landschaften der Metropole des Todes". setzt er sich nach eigenen Angaben erstmals auf "außerwissenschaftlichem" Wege mit seinen Erinnerungen an seine Gefangenschaft im Konzentrationslager Auschwitz auseinander. Dorthin war Kulka 1943 mit seiner Mutter deportiert worden.

Platiel, Vorsitzender des Landesverbandes Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, bezeichnete Kulkas Buch in seiner Laudatio als einen "Glücksfall" sowie als "singuläre Erscheinung": "Das Terrain, das Kulka mit seinen Aufzeichnungen hier betritt, ist seine ganz persönliche und subjektive Welt. Eine Welt, die sich konsequent jeglichem wissenschaftlichem Zugriff entzieht", sagte er. Dem Auschwitz-Überlebenden sei es geglückt, "kein Dokument der Vergangenheit, sondern ein Manifest der Erinnerung für die Zukunft" zu schaffen.

Knapp 70 Jahre, nachdem Kulka auf "wundersame Weise der nationalsozialistischen Todesmaschinerie" entkommen sei, habe er ein Buch veröffentlicht, das auf "eine ganz andere Weise Zeugnis ablegt von den Gräueltaten", sagte Platiel. Bilder kindlicher Unbeschwertheit stünden neben jenen von "Stacheldrahtzäunen, dunklen Verbrennungsöfen und schwarzen Menschen-Kolonnen, die von den Krematorien des Konzentrationslagers verschluckt wurden".

Tagebücher und Träume

Kulka berichtete, er habe jahrzehntelang geglaubt, er könne nur auf wissenschaftlichem Wege das Erlebte verstehen. Erst nach Abschluss seiner letzten Forschungs- und Dokumentationsprojekte habe er sich entschlossen, seine Erinnerungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Dennoch sei Auschwitz für ihn stets präsent gewesen. "Es war anwesend. Aber nur in meinen Tagebüchern und Träumen", sagte er.

Bereits am Montagvormittag hatte Kulka in München vor einer Wiederholung antisemitischerund menschenverachtender Umtriebe wie im Nationalsozialismus gewarnt. "Ich glaube, das, was einmal schon in der Geschichte als bisher Einmaliges da war, kann sich wiederholen", sagte er. In diesem Zusammenhang wies er auf die besondere Bedeutung von schriftlichen Zeitzeugenberichten hin: "Die Stimmen der Zeitzeugen sind geschrieben oder auf Video allen zugänglich." Insofern werde auch das "Aussterben" der Zeitzeugen die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen nicht unmöglich machen.

Das Aussterben der Zeitzeugen

Der Geschwister-Scholl-Preis wurde 2013 zum 34. Mal verliehen. In den vergangenen Jahren war der vom Landesverband Bayern des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels und der Stadt München vergebene und mit 10.000 Euro dotierte Preis unter anderem an den chinesischen Dissidenten Liao Yiwu, den Autor und Journalisten Roberto Saviano und den späteren Bundespräsidenten Joachim Gauck gegangen.

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