Nach dem Taifun: Hilfe mit Hintersinn

Foto: dpa/Francis R. Malasig
Nach dem Taifun: Hilfe mit Hintersinn
Der Taifun Haiyan hat riesige Schäden angerichtet. Viele Länder haben Hilfe versprochen. Doch kommt das Geld bei den Not leidenden Filipinos an? Manche Lieferungen fallen Plünderungen zum Opfer, und Politiker werden verdächtigt, einen Teil des Geldes in droht in dunklen Kanälen verschwinden zu lassen. Außerdem behindern Ränkespiele zwischen Familienclans die Hilfsaktionen. China und die USA nutzen die Krise überdies, um jeweils ihre Vormachtstellung in der Region zu behaupten.

Sandra Bulling ist seit einer Woche für Care Deutschland auf den Philippinen. Fünf Tage lang hat sie sich für die Planung der Nothilfe und die Hilfe für den Wiederaufbau der verwüsteten Taifunregionen vor Ort selbst ein Bild vom Ausmaß der Katastrophe gemacht. Die Entwicklungsexpertin ist erschüttert über das, was sie auf Leyte und auf Samar gesehen hat. "Das übertrifft alles, was ich nach Taifunen in Bangladesch erlebt habe", sagt sie telefonisch aus Manila gegenüber evangelisch.de. Mindestens eben so erschüttert ist sie über "Medienberichte, die über die schwierige Sicherheitslage in Leyte und Samar sprechen und die Philippiner als aggressiv beschreiben. Ja, es gibt häufig Plünderungen. Ja, es gibt Geschäfte, die ausgeraubt wurden und keine Ware mehr enthalten. Aber die Menschen hier sind verzweifelt. Sie haben alles verloren."

Zerstörter Ort an der Ostküste der Insel Samar

"Frieden und Ordnung sind dort (auf Samar) ein Problem. Bewaffnete fangen Hilfslieferungen ab", sagte auch Leo Olarte gegenüber philippinischen Medien. Er ist Präsident der Medizinischen Vereinigung der Philippinen (PMA), die den Bewohnern der Insel Samar ab dieser Woche mit einem Lazarettschiff hilft. Über einhundert Ärzte an Bord werden Überlebenden des Supertaifuns medizinische Hilfe bieten. An Bord sind als Begleitschutz auch Polizisten.

Überfälle und Plünderungen sind Zeichen der Verzweiflung, zugleich aber nur der Anfang einer noch größeren und lange andauernden Not, wie viele Experten befürchten. Die meisten Menschen in den verwüsteten Regionen sind Kleinbauern, die Zuckerrohr und Reis anbauen oder von Kokospalmen und Fischfang leben. Der Taifun mit einer Windgeschwindigkeit von über 300 Stundenkilometern hat Felder und Plantagen verwüstet, Fischerboote in Stücke zerlegt, die Lebensgrundlage von Zehntausenden Familien in kürzester Zeit in Luft aufgelöst. "Es gibt keine Kokospalmen mehr", sagt Bulling. "Der Sturm hat sie alle entwurzelt." Die Reisernte sei gerade noch kurz vor Taifun Haiyan eingebracht worden. "Aber durch die Flutwelle sind die Felder versalzen. Es wird Jahre dauern, bis man sie wieder bewirtschaften kann."

"Geisterprojekte" und "Schweinefleischfässer"

Ökonomen schätzen den wirtschaftlichen Schaden durch den Taifun auf mindestens 14 Milliarden Dollar. In einer Presseerklärung rechnet der Wirtschaftsexperte und Vorsitzende des Grünen Klimafonds der Vereinten Nationen Joey Salceda vor: "Das ist mehr als dreimal soviel wie die Wiederaufbaukosten nach den Taifunen Pepeng und Ondoy." Hinzu kommen laut Salceda die Schäden von umgerechnet einer Milliarde Euro durch andere Katastrophen in diesem Jahr. Arsenio Balisacan, Minister für sozialökonomische Planung, korrigierte Ende vergangener Woche die Schätzung des Wirtschaftswachstums für das letzte Quartal 2013 nur noch auf 4,1 Prozent. Das sind drei Prozent weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

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Hunderte von Millionen Euro haben Länder und Organisationen bereits an Hilfe für die Opfer des Taifuns zugesagt. Auf den Philippinen wächst derweil jedoch die Sorge, ob die Gelder vollständig bei den Betroffenen ankommen. Skrupellose Politiker und Geschäftsleute haben bei früheren Naturkatastrophen Hilfsgelder in Millionenhöhe in "Geisterprojekte" geleitet. Das kam durch einen gigantischen Korruptionsskandal ans Licht der Öffentlichkeit, der seit einigen Wochen die Philippinen erschüttert und in den hochrangige Politiker verwickelt sind.

Der Skandal wurde durch ein System des "Priority Development Assistance Fund" (PDAF) ausgelöst, das die Filipinos verächtlich "Schweinefleischfass" nennen. Alle Abgeordneten und Senatoren haben umgerechnet Anspruch auf pauschal 1,2 Millionen beziehungsweise 3,5 Millionen Euro aus dem Staatshaushalt, die sie nach eigenem Gutdünken in ihren Wahlkreisen ausgeben können. In den vergangenen zehn Jahren sollen umgerechnet mehr als 1,7 Milliarden Euro aus den Schweinefleischfässern in dunklen Kanälen verschwunden sein. Das lässt nichts Gutes für die Haiyan-Hilfe ahnen.

Schlachtfeld Pazifik

Während die Betroffen auf Leyte, auf Samar und in der zerstörten Stadt Tacloban noch über das schleppende Anlaufen der Hilfe klagen, ist die Taifunhilfe zu einem globalen Politikum wie auch zu einem mächtigen Marketinginstrument von Unternehmen geworden. Nach dem Motto "Tue Gutes und rede darüber", und das möglichst laut, spenden internationale Konzerne wie PepsiCo, UPS, JPMorgan Chase, Toyota Motors, The Walt Disney Company, HSBC, Samsung, Texas Instruments, Sony, Nikon, die IKEA Stiftung, Del Monte und Asiens größter Billigflieger AirAsia große Summen. Sie alle haben wirtschaftliche Interessen auf den Philippinen. Viele produzieren in dem armen, aber rohstoffreichen Billiglohnland, das aber gleichzeitig mit fast 100 Millionen Einwohnern ein lukrativer Markt ist, obwohl mehr als ein Drittel der Bevölkerung in bitterer Armut lebt. Auch wenn die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch Unternehmen lobenswert ist – ein Geschmäckle bleibt.

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Die Taifunhilfe ist darüber hinaus zu einem Schlachtfeld im Machtkampf zwischen den USA und China um die Vorherrschaft im Pazifik geworden. Das neu erwachte Interesse der Amerikaner an ihrer ehemaligen Kolonie Philippinen als Militärstützpunkt im Vorgarten Chinas wird von vielen Filipinos kritisch bis ablehnend gesehen. Aber gegen den guten Taifunonkel Sam können in der Stunde der Not selbst die ärgsten Kritiker keine Einwände erheben, selbst wenn die Säcke voller Reis und Container mit Medikamenten und Zelten von Soldaten aus Kriegsschiffen und Flugzeugträgern entladen werden.

In Washington freuen sich die Softpowerstrategen über den zusätzlichen Imagegewinn durch das Versagen des reichen China bei der Taifunhilfe. Die chinesische Führung hatte in der ersten Woche nur ein paar dürre Pflichtworte und 1,6 Millionen Dollar für die Taifunopfer übrig. China und die Philippinen streiten seit geraumer Zeit über den Besitz einiger Inseln im Pazifik. Die Eilande sind winzig, aber wer diese kontrolliert, ist Herr über vermutlich reiche Ölfelder im dazugehörigen Seegebiet und zudem militärisch in einer strategischen Poleposition.

Verzögert Aquino die Hilfe?

Nachdem internationale Medien von CNN über die BBC bis zu asiatischen Medien in der vergangenen Woche teils verwundert, teils hämisch das chinesische Versagen im Bereich "Softpower" analysiert und kommentiert hatten, lenken die Chinesen jetzt ein. Die Führung in Peking macht mehr Geld für die Hilfe locker - und schickt diese ebenfalls mit Kriegsschiffen auf die Philippinen.

Auch die philippinische Taifunhilfe läuft nicht ohne politisches Gerangel ab. In Tacloban sind alle wichtigen Posten seit Generationen in der Hand des Familienclans der Romualdez, dem Imelda Marcos, Witwe des ehemaligen Diktators Ferdinand Marcos, entstammt. Imeldas Neffe Alfred Romualdez ist der Bürgermeister von Tacloban. In Manila aber herrscht Staatspräsident Benigno Aquino, dessen Vater Benigno Aquino Sr. im August 1983 bei seiner Rückkehr aus dem Exil noch auf dem Flughafen von Manila ermordet worden war, vermutlich auf Befehl von Ferdinand Marcos. In den ersten Tagen nach Taifun war Tacloban kaum erreichbar, staatliche Hilfe kam nur schleppend an. Selbst Medien beteiligten an sich Spekulation, Aquino verzögere vorsätzlich die Hilfe für Imeldas Verwandte in Tacloban.

Sandra Bulling hat von Korruption und wirklichen oder nur gefühlten politischen Ränkespielen auf ihrer Tour zur Einschätzung der Lage nichts mitbekommen. Im Gegenteil. "Die Behörden waren äußerst hilfreich und kooperativ", erzählt Bulling über ihre Erfahrungen in der von Tacloban 54 Kilometer entfernten Stadt Ormoc, die einer der regionalen Einsatzschwerpunkte von Care werden soll. Über die Stadtregierung von Ormoc weiß Bulling nur Gutes zu berichten. "Die Verwaltung funktioniert. Sie organisiert Freiwillige zur Hilfe für die Überlebenden, für die Aufräumarbeiten und den Wiederaufbau. Im Rathaus informieren Transparente über eingegangene Spenden sowie staatliche Hilfe und für was sie verwendet werden."