Zwischen Taufbefehl und Vernichtungskrieg

Zur deutschen Kolonial- und Missionsgeschichte Namibias
Ein zeitgenössisches Sammelbildchen aus Deutschland zum Herero-Aufstand 1904

BIld: akg-images/Sammelbildchen von Aecht Franck Kaffeezusatz

Ein zeitgenössisches Sammelbildchen aus Deutschland zum Herero-Aufstand 1904

Die Gästefarm Ghaub in Namibia war einst eine Missionsstation, von der aus protestantische Missionare aus Deutschland im damaligen Deutsch-Südwestafrika wirkten. Dabei gerieten sie bald zwischen die Fronten von Kolonialherren und Aufständischen.

Der erste Versuch war vergeblich. Schon 1868 wollte die Rheinische Missionsgesellschaft den König von Preußen dazu bringen, sich um das Gebiet nordwestlich der Kapregion zu kümmern und den dortigen lutherischen Missionaren Schutz bei kriegerischen Handlungen der indigenen Stämme zu bieten. Sie waren mit britischen Missionaren zusammen nach Südafrika gekommen und von dort aus nach Norden vorgedrungen.

Dabei waren sie nicht die ersten Europäer, die ihren Fuß auf dieses Land gesetzt hatten: Bereits Ende des 15. Jahrhunderts hatten portugiesische Seefahrer mit symbolischen Steinkreuzen die Küstenstreifen in Besitz genommen. Aufgrund der fehlenden Süßwasservorkommen blieb eine weitere europäische Besiedlung in dieser Region jedoch aus. Allerdings war das Land damals schon für viele Jahrhunderte Lebensraum für die nomadischen Stämme der San und Damara gewesen. Im Laufe des 17. Jahrhunderts siedelten sich dann zunehmend auch Herero-, Nama-, Orlam- und Ovambo-Stämme an. Die nächsten Europäer, die eindrangen, waren die Briten. Sie versuchten 1876 von der Kapkolonie im Süden aus, das Land in Besitz zu nehmen, verloren aber nach dem Scheitern bald wieder das Interesse und gaben auch ihre weiteren Ansprüche auf.

Land für alte Gewehre

1883 dann schickte der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz den jungen Heinrich Vogelsang ins südliche Afrika, um Land zu erwerben. Der kaufte die Bucht von Angra Pequena, die heutige Lüderitzbucht heißt, und fünf Meilen Hinterland von dem Nama-Führer Joseph Frederiks II. Er bezahlte mit 200 alten Gewehren und 100 englischen Pfund. Dabei blieb offen, ob es sich bei dem abgesteckten Land um – wie von den Nama angenommen – englische Meilen handelte, oder um die fünfmal längeren deutschen. Lüderitz beanspruchte später das in deutschen Meilen gemessene Gebiet: der erste von vielen unrechten Vorgängen im Kontakt der deutschen Eindringlinge mit den dort lebenden Völkern. Im Jahr darauf gewährte das Deutsche Reich diesen Gebieten auch seinen offiziellen Schutz. Ende desselben Jahres dann fand die sogenannte "Berliner Konferenz" statt, auf der die europäischen Mächte ihre Einflussgebiete in Südafrika aufteilten: Das "Schutzgebiet" Deutsch-Südwestafrika entstand und wurde schließlich zur deutschen Kolonie erklärt.

Ein halbes Jahr später gründete sich dann die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika. Ihre Aufgabe bestand darin, deutsche Siedler anzuwerben und ihnen Farmland zu verpachten. Dieses lag häufig auf bisherigen Stammesgebieten, was immer   wieder zu Konflikten mit den bisherigen Besitzern führte. Bald aber war kaum noch Werbung notwendig – Nachrichten von sagenhaften Diamantenfunden und Gerüchte über Goldminen führten zu einer regelrechten "Goldgräberstimmung" in Deutschland. Immer mehr verdrängten die ankommenden deutschen Siedler die ansässigen Stämme, die noch dazu mit der Rinderpest zu kämpfen hatten. Durch die zunehmende Verarmung waren sie  häufig zu Landverkäufen gezwungen. Gefördert wurde das durch eine zweifelhafte Schuldenpraxis der Deutschen: Sie verkauften beispielsweise den Herero europäische Konsumgüter auf Kredit. Viel später ließen sie sich dann mit Vieh und Land bezahlen. Es kam sogar vor, dass Händler Waren, an denen die Herero nicht interessiert waren, trotzdem einfach in den Dörfern vom Wagen warfen und später die "Schulden" eintrieben. Viele Herero und Nama mussten sich schließlich auch als Landarbeiter auf Siedlerfarmen verdingen, Demütigungen waren an der Tagesordnung.

"Keiner hat so recht gelernt, sich zu fügen"

Häufig steckte hinter dem überheblichen Verhalten der deutschen Kolonialherren gegenüber den indigenen Völkern nicht zuletzt auch die Überzeugung, diese seien den Europäern in jeder Hinsicht unterlegen. Als solchermaßen "Minderwertige" hatten die Eingeborenen, die gerne abwertend als "Hottentotten" bezeichnet wurden, sich als Untertanen zu fügen. Das allerdings taten sie - sehr zum Missfallen der weißen Siedler - nicht. So heißt es in einem Weißbuch, das 1895 dem deutschen Reichstag vorgelegt wurde: "Ein Umstand, der Hottentotten und Herero so hinderlich ist, sich europäischer Kultur einzuordnen, ist ihre 'Staatsverfassung'. (…) Nicht allein die Männer, sondern häufig genug auch die Weiber, selbst die Diener geben ihren Rath mit ab. So fühlt sich eigentlich keiner so recht als Untertan, keiner hat so recht gelernt, sich zu fügen."

In dieser Zeit versuchten die Missionare immer wieder, zu vermitteln. Sie betrachteten sowohl die weißen Siedler als auch die getauften Stammesangehörigen als ihre Gemeindemitglieder. Auch bei Konflikten zwischen den Stämmen versuchten sie, Einfluss zu nehmen. So wirkte zum Beispiel die Rheinische Mission 1897 bei den Vertragsverhandlungen für ein Nama-"Reservat" mit. Trotzdem war auch bei der Mehrzahl der Missionare ein Selbstverständnis der kulturellen Überlegenheit nicht von der Hand zu weisen. Zudem waren die meisten deutschen Missionare auch sehr patriotisch gesinnt und im Zweifel immer eher der staatlichen Obrigkeit verpflichtet, die sie geprägt hatte. So schreibt D. K. Axenfeld in der "Allgemeinen Missions-Zeitschrift" 1915: "Weil es aber ein 'deutsches Christentum' gibt, gibt es auch eine 'deutsche Mission'. (...) Da aber unser Volk von Natur und nach seiner Geschichte ein von Gott besonders reich begabtes ist, so ist auch die Mitgift, die die deutsche Mission ihrem Vaterlande verdankt, besonders reich."

Vom Aufstand zum Vernichtungskrieg

Als sich 1904 dann die Herero-Stämme im ganzen Land in einem Aufstand gegen die Kolonialmacht erhoben, versuchten die Missionare vergeblich, einen Krieg zu verhindern. Jüngere Missionare aber meldeten sich auch freiwillig bei den Militär- und Sanitätsbehörden  als Helfer, Krankenpfleger und Feldgeistliche.

Hendrik Witboi
Der Aufstand wurde durch insgesamt 15.000 Mann auf deutscher Seite in der Schlacht am Waterberg blutig niedergeworfen, die Herero in der Folge nahezu vernichtet. Der Befehl dazu kam von Generalleutnant Lothar von Trotha: "Die Herero sind nicht mehr deutsche Untertanen. (…) Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen." Die wenigen überlebenden Herero wurden anschließend enteignet, in Konzentrationslager gesperrt und zur Zwangsarbeit gezwungen - was wiederum viele von ihnen nicht überlebten. In dieser Phase kritisierte die Rheinische Missionsgesellschaft sowohl den harten Umgang mit den Aufständischen, als auch die Gewalt der Herero in Hirtenbriefen. In der Folge durften die Missionare zumindest als Dolmetscher und Vermittler Truppenkommandos begleiten. Schließlich wurden unter der Leitung von Missionaren vier große Sammellager eingerichtet, in denen etwa 12.000 verelendete Herero entwaffnet wurden. Auch hier arbeiteten die Missionare mit der Kolonialregierung zusammen, versuchten aber gleichzeitig, Leid und Elend zu verringern.

Auch die Nama erhoben sich schließlich gegen die Kolonialherren. Aus dem Jahresbericht der Rheinischen Missionsgesellschaft 1904 sind die (angeblichen) Worte des Nama-Führers Hendrik Witbooi überliefert, die die Einstellung der Nama zu diesem Zeitpunkt beschreiben: "Die Zeit ist voll, da Gott der Vater die Hottentotten erlösen soll." Im März 1908 war auch dieser Aufstand endgültig gescheitert. Der deutsche Kolonialkrieg gegen die Herero und Nama kostete schätzungsweise 70.000 Männer, Frauen und Kinder das Leben. Die Vorgänge gelten heute als Völkermord, 2004 bekannte sich die Bundesrepublik zur  deutschen Schuld. Die deutsche Kolonialherrschaft in der Region endete schließlich im ersten Weltkrieg: Am 09.07.1915 kapitulierten die deutschen Schutztruppen vor den südafrikanischen Streitkräften.

Mission unter veränderten Vorzeichen

Den Missionaren wurde später in der deutschen Öffentlichkeit des beginnenden 20. Jahrhunderts "Verrat" vorgeworfen: Sie hätten nichts von den Plänen "ihrer Schützlinge" mitgeteilt und sich sogar noch für die "Rebellen" eingesetzt. Ihre Missionsarbeit setzten sie in den Jahren nach dem Kolonialkrieg trotzdem fort – allerdings in engen Grenzen, die von der Kolonialverwaltung gezogen wurden. Ungeachtet dessen war der Erfolg groß und die Zahl der Gemeindemitglieder wuchs stark an. 1911 wurde das Predigerseminar 'Augustinum' auf der Missionsstation Ghaub wieder eröffnet und bildete nun auch Missionare afrikanischer Herkunft aus. Die Grundlagen für die heutigen lutherischen Kirchen in Namibia wurden gelegt. Allerdings musste dazu nicht zuletzt eine Entwicklung von einer paternalistischen Missionshaltung hin zu einem partnerschaftlichen Missionsbewusstsein durchgemacht werden.

Dieser Artikel wurde erstmals am 6. September 2013 auf evangelisch.de veröffentlicht.