Folgen der Flut: Zwischen alter Angst und neuer Hoffnung

Aufräumen nach Hochwasser in Deggendorf

Foto: dpa/Armin Weigel

Folgen der Flut: Zwischen alter Angst und neuer Hoffnung
Flutopfer im bayerischen Fischerdorf räumen seit Wochen auf
Nach dem verheerenden Hochwasser im Juni 2013 laufen die Aufräumarbeiten im Deggendorfer Ortsteil Fischerdorf (Bayern) auf Hochtouren. Bereits 15 Häuser mussten abgerissen werden. Auch Christine und Johann Webers Haus droht der Abriss.

Die Bagger haben nur tiefe Erdlöcher hinterlassen - vor wenigen Tagen standen hier noch Wohnhäuser.  15 Häuser mussten schon abgerissen werden, weil sie tagelang meterhoch im Wasser standen. 60 bis 70 weitere Gebäude könnten laut Landrat Christian Bernreiter noch folgen.

"Bei uns tut sich nichts, von der Versicherung werden wir nur hingehalten", klagt Christine Weber. Vor zwei Monaten mussten sie - wie auch viele andere Anwohner - ihr Haus verlassen, als das Hochwasser Fischerdorf überschwemmt hatte. Seit Wochen räumen die Webers auf. Es gibt Statikschäden, Wände und Böden sind durch ausgelaufenes Heizöl stark verseucht, wie Untersuchungen ergaben. Bevor die Versicherung aber zahlt, will sie noch weitere Proben.

"Es geht bei vielen Menschen um die Existenz"

"Uns rennt die Zeit weg", sagt Christine Weber verzweifelt. Die neue Auswertung werde wieder drei bis vier Wochen dauern. Mit dem vom Gutachter empfohlenen Abriss habe sie sich schon abgefunden, "obwohl ich an dem Haus hänge". Den gesamten Hochwasserschaden schätzt Johann Weber auf mindestens 250.000 Euro.

Unter Tränen musste Brunhilde Hurm mit ansehen, wie Bagger das Haus ihrer Tochter in Fischerdorf einrissen und die Trümmer abtransportiert wurden. "Das Öl hat brutale Schäden verursacht", sagt die 65-Jährige. Sie selbst hatte Glück, ihr Keller stand nur 30 Zentimeter unter Wasser. Ihre Tochter wohnt nun mit ihrer Familie in einem benachbarten Haus, das bislang an Studenten vermietet war. Die Hochschüler kommen im März zurück. Bis dahin will die Familie ein neues Haus gebaut haben.

Bis zu 80 Prozent der privaten Schäden sollen Hochwasseropfer aus der Aufbauhilfe erstattet bekommen. Bund und Länder haben dazu einen acht Milliarden Euro schweren Fonds aufgelegt. In Bayern solle das erste Geld noch in diesem Monat ausgezahlt werden, verspricht Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU). "Es geht bei vielen Menschen um die Existenz", weiß er aus zahlreichen Begegnungen mit Betroffenen.

"Die Menschen sind alle traumatisiert"

"Viele Menschen stehen vor den Trümmern dessen, was sie zum Teil in jahrzehnterlange Arbeit aufgebaut haben", beschreibt der Deggendorfer evangelische Notfallseelsorger Jürgen Pommer die Situation der Menschen in Fischerdorf und dem benachbarten Natternberg. Er spricht von Ohnmacht, Hoffnungslosigkeit und Trauer um unwiederbringlich verlorene Habseligkeiten sowie von Angst bei Betroffenen vor den finanziellen Folgen. "Geistlicher Beistand und praktische Hilfe sind jetzt wichtig", weiß Pommer.

Auch wenn das Alltagsleben ringsherum wieder normal verläuft, "so sind die Menschen doch alle traumatisiert", sagt Frater Vinzenz (57) von der Benediktinerabtei Niederaltaich. Das Kloster und die Ortschaft waren im Juni weitgehend evakuiert worden. Manche Menschen könnten nur schlecht schlafen, andere hätten Tränen in den Augen, wenn sie von der Hochwasserkatastrophe erzählten. "Wenn man vor Ort ist und mit den Menschen spricht, sieht und spürt man, welches Leid das Hochwasser gebracht hat", sagt der Frater.

Trotz des Risikos einer weiteren Flutkatastrophe wollen viele betroffene Familien in Fischerdorf bleiben. Sie hoffen, sich mit der staatlichen Aufbauhilfe eine neue Perspektive schaffen zu können. Brunhilde Hurms Enkeltochter Lea (14) vermisst bereits ihr eigenes Zimmer - sie wünscht sich im neuen Haus wieder einen Rückzugsort - am liebsten oben unterm Dach.