In evangelischen Häusern gibt es den "Veggie Day" längst

Gemüse sieht seinem Schicksal ins Auge

Foto: marshi/Photocase

Deutschland spricht 2019
In evangelischen Häusern gibt es den "Veggie Day" längst
Akademien unterstützen Trend zu fleischloser Ernährung
Die Grünen sprechen sich für einen vegetarischen Tag pro Woche in öffentlichen Kantinen aus. Evangelische Akademien haben mit Blick auf den heiß diskutierten "Veggie Day" wenig Nachholbedarf, wie eine kleine Erkundung ergab.

Ein paar Wochen hat die "Bild"-Zeitung gebraucht, um sich bis Seite 164 des Grünen-Programms zur Bundestagswahl durchzukämpfen. Dort finden sich die bemerkenswerten Sätze: "Öffentliche Kantinen sollen Vorreiterfunktionen übernehmen. Angebote von vegetarischen und veganen Gerichten und ein 'Veggie Day' sollen zum Standard werden." Und schon ist die Aufregung mitten im nachrichtenarmen Sommer groß. Die Bundesregierung mahnt zum Fleischkonsum, die FDP demonstriert empört vor der Grünen-Zentrale in Berlin. Als ob die Ökopartei das flächendeckende Verbot von Haxe, Leberkäs und Schweinebraten verlangt hätte.

Die Hälfte vegetarisch

Stattdessen geht es gerade mal um einen fleischfreien Tag unter sieben. In vielen evangelischen Akademien in Deutschland ist der grüne Wunsch übrigens längst Wirklichkeit. "Wir machen das sowieso ein bis zwei Mal in der Woche", sagt etwa Tomas Lange, Leiter des Tagungszentrums in der Evangelischen Akademie Bad Boll. Viele Gäste fragten gezielt nach vegetarischen Gerichten, berichtet der gelernte Koch und Hotelbetriebswirt - Lange schätzt ihren Anteil auf inzwischen 50 Prozent. In dem Haus auf der Schwäbischen Alb finden nicht selten Konferenzen von Firmen statt, die von vornherein auf fleischlose Ernährung setzen.

Tomas Lange, Leiter des Tagungszentrums der Evangelischen Akademie Bad Boll.

Auch in der Evangelischen Akademie Villigst in Schwerte kommt jeden Mittag mindestens eine vegetarische Mahlzeit auf den Tisch. "Das kann man auch kombinieren", so Mitgeschäftsführerin Anja Werth. "Daneben stehen aber auch Leute und essen ihre Roulade." Einen eigenen "Veggie Day" gibt es in der Einrichtung im Ruhrgebiet nicht. Doch auch hier steigt die Zahl derjeniger, die sich vegetarisch oder gar vegan ernähren. "Das hängt davon ab, welche Gäste da sind", sagt Werth. Ihre Beobachtung: Junge Leute tendieren eher dazu als ältere.

Im Zinzendorfhaus, der evangelischen Tagungs- und Begegnungsstätte in Neudietendorf, ist jeder Donnerstag fleischfrei. "Wir haben unser Küchenkonzept schon 2007 komplett auf biologisch und ökologisch umgestellt", berichtet Geschäftsführerin Cornelia Schreiber. "Die Leute, die zu uns kommen und den ganzen Tag sitzen, wollen nicht mehr diese schwere Hausmannskost, sondern eher etwas Leichtes." Zu 90 Prozent gibt es frische Küche, nichts Eingefrorenes, nichts aus der Büchse." Neben dem vegetarischen Tag gibt es montags einen Suppentag, freitags wird Fisch serviert. "Da bleibt für Fleisch ohnehin nicht mehr viel übrig", schmunzelt Schreiber.

"Wir konsumieren zu viel Fleisch"

Vor der Umstellung auf Bio & Öko wurden in dem Thüringer Haus die Gruppen abgefragt, wie viele Vegetarier dabei seien. "Ehe die am Tisch waren, war das vegetarische Essen meist schon weg", erinnert sich die Geschäftsführerin. Qualität setzt sich eben durch. "Das wird sehr gerne genommen", so Schreiber. Den Anteil der Gäste, die fleischlose Küche bevorzugen, schätzt auch sie auf etwa die Hälfte. Und sie sieht in der Ernährungsfrage auch eine klare ethische Dimension. "Wir sind schon der Meinung, dass wir generell zu viel Fleisch konsumieren."

Das Fleisch, das in den evangelischen Häusern auf den Tisch kommt, sollte denn auch zumindest aus kontrolliert biologischer Herstellung stammen. "Bei uns wird darauf sehr geachtet", so Anja Werth von der Akademie in Villigst. "Das ist eine Qualitätsfrage, aber natürlich auch eine Preisfrage." Die Gäste schätzen es nach ihrer Beobachtung, dass das Fleisch nicht aus Massentierhaltung stammt. Auch in Bad Boll ist das so. "Wir schauen schon, wo die Produkte herkommen", sagt Tomas Lange. "Wir kaufen grundsätzlich regional und bio ein."

Der Hunger lässt jeden Tag nach

Eine Erfahrung hat der Chef des Tagungszentrums auf der Schwäbischen Alb übrigens jenseits der Frage "Fleisch oder Gemüse" mit seinen Gästen gemacht: Ihr Hunger lässt nach. "Wenn die Leute mehrere Tage bei uns sind, essen sie weniger", so Lange. "Am ersten Tag wird noch relativ viel gegessen. Das lässt mit jedem Tag nach." Dass die Nahrungsaufnahme müde macht und die geistige Aufnahmefähigkeit einschränkt, sollte die Grünen allerdings nicht dazu verleiten, neben dem "Veggie Day" auch einen Fasttag in ihr Wahlprogramm aufzunehmen.