"Wir wollen nur hier leben" - Flüchtlinge aus Libyen kommen nicht zur Ruhe

Ringen um ein Bleiberecht für in Hamburg gestrandete Flüchtlinge

Foto: epd/Simone Viere

Seit dem 02.06.2013 haben etwa 70 Flüchtlinge in der Hamburger St. Pauli Kirche Unterschlupf gefunden (Foto vom 06.06.2013).

"Wir wollen nur hier leben" - Flüchtlinge aus Libyen kommen nicht zur Ruhe
300 Wanderarbeiter aus Libyen sind in Hamburg gestrandet. Ihnen droht die Abschiebung. Möglich wäre ein humanitäres Bleiberecht, doch die Innenbehörde zaudert. Andreas A. ist einer der Sprecher. Einblicke in ein Leben zwischen Bangen und Hoffen.

 "Ich komme gerade vom Joggen und bin etwas verschwitzt", entschuldigt sich Andreas A. (Name geändert) und berichtet: "Fast jeden Morgen laufen ein paar Leute von uns mit dem Pastor vier Kilometer den Hafen entlang." Der 25-Jährige ist der Sprecher von rund 70 Männern, die seit Anfang Juni in der St. Pauli-Kirche untergekommen sind. Jetzt sitzt er im Garten der Kirche, blickt auf die Elbe und bittet um Anonymität: "Viele Leute verloren damals in Ghana ihr Leben, deshalb möchte ich nur meinen christlichen Vornamen und nicht meinen Familiennamen nennen."

6.000 Kriegsflüchtlinge aus Libyen sind nach Angaben der Initiative "Lampedusa in Hamburg" über Italien nach Deutschland gekommen. Jahrelang hatten die Wanderarbeiter aus Westafrika in Libyen gelebt - bis zum Krieg vor zwei Jahren. Schätzungsweise 300 von ihnen schlafen auf Hamburgs Straßen, einige sind mittlerweile in Kirchen, Moscheen und bei Privatpersonen untergekommen. Sie fordern ihre Anerkennung als Kriegsflüchtlinge. A. ist einer von ihnen.

Augenzeuge von Tod und Zerstörung

Jeden Abend rollen die Männer aus Nigeria, Mali, Togo, Niger, dem Sudan, der Elfenbeinküste und anderen Ländern dünne Matratzen im Kirchenschiff, neben dem Altar und oben auf der Empore aus. Morgens falten sie das Bettzeug wieder zusammen, frühstücken, räumen auf. "Ich habe lange auf der Straße gelebt, viel Schlimmes gesehen und jetzt habe ich endlich ein Dach über dem Kopf. Die Kirche und viele Menschen hier zeigen ihre Solidarität. Sie bringen uns Kleidung und Essen", sagt A.

Er flieht 2005 als Jugendlicher aus Ghanas Norden. Mit dem Auto fährt er durch die Sahara nach Libyen. "In Tripolis habe ich ein gutes Leben gehabt. Dort konntest Du es schaffen und nach zwei Jahren eine professionelle Arbeit bekommen."

Der Ghanaer hat eine Wohnung. Verträge regeln seinen Job auf Baustellen. Alles ist gut -  bis zum 17. Februar 2011. Das Datum weiß er noch ganz genau: "Da begann die Gewalt auf den Straßen, Leute wurden erschossen, alle waren bewaffnet. Es war sehr gefährlich, für alle, für Libyer und für Migranten." Später wird A. auch Augenzeuge von Tod und Zerstörung, etwa als die Nato den zentralen Busbahnhof bombardiert und er Reisende tot neben ihren Koffern und Taschen liegen sieht.

Flucht nach Deutschland

Im Sommer 2011 muss A. das Land verlassen: Soldaten nehmen ihm alles ab, sein Geld, sein Handy. Und bringen den jungen Mann zum Hafen." Zusammen mit 1.250 Männern, Frauen, Schwangeren und Kindern kommt er auf ein Schiff mit drei Decks, Todesangst wird sein Begleiter: "Ich dachte, das ist das Ende, wir werden alle sterben. Ich war noch nie zuvor auf dem Meer gewesen."

Drei Tage lang dauert die Überfahrt nach Italien, alle Passagiere überleben. Insgesamt kommen über Monate rund 70.000 Flüchtlinge aus Libyen an. A. wird nach Mailand geschickt. Dort sei das Leben schrecklich gewesen, erzählt er: "Mitten im Winter wollten sie uns auf die Straße setzen, weil Italien kein Geld mehr von der Europäischen Union bekam." Sein Auffanglager machte dicht.

Andreas A. entscheidet sich nach dem Blick auf die Landkarte für die Flucht nach Deutschland. "Im Winternotprogramm für Obdachlose konnte ich unterkommen, aber im Frühjahr wurde es geschlossen." Wie andere Flüchtlinge campiert auch er unter Brücken, in Parks und vor Ladeneingängen. "Die Polizei kam und schickte uns immer wieder von unseren Schlafplätzen weg. Wir hatten den Eindruck, niemand sollte mitbekommen, dass wir da sind", berichtet A.

Die Flüchtlinge lernen sich kennen, demonstrieren und errichten mit vielen Unterstützern ein Protest-Zelt am Hauptbahnhof. Ihr Ziel: "Wir wollen zeigen, dass wir menschliche Wesen sind. Wir haben nicht den Nato-Krieg in Libyen überlebt, um auf Hamburgs Straßen zu sterben."

Andreas A. sagt, sie wollten endlich zur Ruhe kommen und als Kriegsflüchtlinge anerkannt werden. Die Männer wollten arbeiten und Deutsch lernen: "Andere wollen zur Schule gehen und oder eine Ausbildung machen." Manche der Flüchtlinge sind erst 20 Jahre alt.