Streit auf dem Rücken von Obdachlosen

epd-bild/Sascha Montag

Suppenküche in der MUT - einer Arzt- und Zahnarztpraxis für Obdachlose in Berlin Friedrichshain

Streit auf dem Rücken von Obdachlosen
Eine evangelische Gemeinde in Berlin will ihre Räume nicht dem Humanistischen Verband zur Verfügung stellen. Dieser will eine Obdachlosenversorgung in den Räumen garantieren. Warum will die Kirche das nicht und wer kümmert sich um die Obdachlosen?

Der Himmel ist grau, die Straße ist grau, die Fassade ist grau. Der Standort an der Stralauer Straße vis-à-vis des Berliner Ostbahnhofs ist alles andere als attraktiv und einladend. Trotzdem kommen jeden Werktag bis zu 30 Menschen vorbei, weil ihnen hier eine Hilfe wie sonst nur selten in der Stadt geboten wird. Seit gut zwölf Jahren betreibt die "MUT Gesellschaft für Gesundheit mbH", ein Tochterunternehmen der Berliner Ärztekammer, an der viel befahrenen Straße eine Obdachlosenambulanz.

"Bei uns ist das Wartezimmer immer voll. Es geht um Hauterkrankungen, Alkoholkrankheit, Erkältungen, chirurgische Eingriffe, wie eben in einer normalen Praxis auch. Nur Medikamente, Verbandszeug, Liegen, alles ist hier aus Spenden finanziert", erklärt Krankenschwester Kerstin Siebert. Die Obdachlosen können sich hier auch zahnmedizinisch behandeln lassen. Ganz in Ruhe können sie sich duschen und erhalten bei Bedarf saubere Kleidung, außerdem Frühstück, Mittagessen und Abendbrot.

Ungewisse Zukunft

Die Zukunft der Einrichtung aber ist ungewiss – und daran sei die Kirche Schuld, sagt der neue Träger des Standortes, der Humanistische Verband Deutschlands (HVD).

Die MUT hat Ende letzten Jahres aus Finanznot kurzfristig einen neuen Träger gesucht und ihn auch gefunden: Der Humanistische Verband (HVD) soll künftig die Geschäfte leiten, hier wie auch an drei weiteren MUT-Standorten. Manfred Isemeyer, Vorstandsvorsitzender beim HVD Berlin, betont, dass die Überleitungsverhandlungen sehr kompliziert waren. Alle betroffenen Mitarbeiter hätten vorab zustimmen müssen. Da die Träger auf öffentliche Zuwendung angewiesen seien, musste alles auch mit den entsprechenden Senatsstellen, Bezirksämtern oder Jobcentern abgestimmt werden.

Kirche macht Strich durch die Rechnung

"Wir haben von allen eine Zustimmung für den Trägerwechsel ab Januar 2013 gehabt", erklärt Isemeyer. Die Betriebsübergabe hätte problemlos laufen können. Dann aber hat die Kirche einen Strich durch diese Rechnung gemacht, denn die Obdachlosenambulanz befindet sich in den Räumlichkeiten des evangelischen Gemeindehauses der Gemeinde St. Markus.

"Das Kirchliche Verwaltungsamt hat relativ kurzfristig abgelehnt, dem HVD einen Mietvertrag anzubieten. Sie haben auch nicht zugelassen, dass MUT den Mietvertrag behält und wir ein Untermietverhältnis erhalten", beklagt Isemeyer. Der MUT wurden also zum 31. Juli 2013 die Räume an der Stralauer Straße gekündigt. Die Kirchenvertreter wiederum waren überrascht, dass die MUT ohne Rücksprache auf den HVD als neuen Geschäftsträger setzte. Denn mit dem HVD könnten die Protestanten nicht zusammenarbeiten.

"Die Mitglieder des Humanistischen Verbandes treten dafür ein, die Dominanz der christlichen Kirchen einzudämmen. Das ist ein anti-kirchliches Ziel und macht eine Zusammenarbeit schwierig", sagt Volker Jastrzembski, Pressesprecher der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz. Auch wenn man seitens der Gemeinden auf Mieteinnahmen angewiesen sei, so könne die Kirche nicht einfach jedem ihre Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Auch die Einrichtung eines Bordells oder einer Waffenfabrik, eine Vermietung an Links- oder Rechtsradikale schließe die kirchliche Grundordnung aus. Letztlich sei es immer eine Einzelfallentscheidung, aber gerade hier sei die Rechtslage eindeutig.

Strengere Maßstäbe

"Es handelt sich um den Spezialfall eines Gemeindehauses. Da ist ein Schaukasten dran, es wird zu Gottesdiensten eingeladen. An der Fassade prangt ein mehr als drei Meter großes Kreuz. Da sind die Maßstäbe für uns strenger als bei einer normalen Immobilie, wo wir auch Rechtsanwälte und Ärzte beheimaten und uns nicht für deren politische oder ideologische Einstellung interessieren", erläutert Ralf Nordhauß, Leiter des zuständigen Kirchlichen Verwaltungsamtes Berlin Mitte-Nord.

Die evangelische Kirche will zwar weiterhin die Arbeit der MUT unterstützen, aber nur, wenn sie etwa einen diakonischen oder zumindest einen aus Sicht der Kirche weltanschaulich akzeptablen Träger finden kann.

Sollte es also beim HVD als Träger bleiben, so wird die Versorgung der Obdachlosen ab August 2013 nicht mehr im evangelischen Gemeindehaus in der Stralauer Straße stattfinden. Dann bekäme auch die MUT-Obdachlosenpraxis in der Weitlingstraße in Berlin-Lichtenberg Schwierigkeiten, sagt HVD-Vorstandsvorsitzender Manfred Isemeyer, weil die beiden Einrichtungen gemeinsame Dienstpläne hätten.

Eine Lösung scheint aber in Sicht: Unter anderem soll der Diakonieverein Zehlendorf, der die ehemalige Treberhilfe übernommen hat, Interesse an der Einrichtung signalisiert haben. Auch ein anderer diakonischer Träger von Obdachloseneinrichtungen ist im Gespräch. Die Geschäftsführerin der Mut GmbH, Bettina Lange, sagte dem Evangelischen Pressedienst in Berlin, alle Angebote für Obdachlose würden aufrecht erhalten, bis ein neuer Träger gefunden sei. Sie sei zuversichtlich, dass dies spätestens bis zum Sommer der Fall sein werde.