Lesbische Pfarrerin: Glücklich als Regenbogenfamilie

Eli Wolf

Foto: privat

Eli Wolf ist Pfarrerin, lebt in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft und ist stolze Mutter. In ihrer Kirche der Zukunft haben alle Menschen einen festen Platz.

Deutschland spricht 2019
Lesbische Pfarrerin: Glücklich als Regenbogenfamilie
Eli Wolf ist im Februar diesen Jahres in die Bild-Schlagzeilen geraten, weil sie als lesbische Pfarrerin mit ihrer Lebenspartnerin, der Grünen-Politikerin Marlis Bredehorst, ein Kind erwartete. Während sie die leibliche Mutter ist, wartet die "Co-Mutter" noch auf die Adoptionspapiere, um auch vor dem Gesetz formal als Mutter anerkannt zu sein. evangelisch.de hat die Pfarrerin besucht und eine starke Frau angetroffen, für die der Wunsch nach einer eigenen Familie stets selbstverständlich war.

David Valentin ist munter, wenn er nicht gerade im Arm seiner Mutter schlummert. Mit dem fünf Monate alten Jungen ist das pralle Leben in die Kölner Stadtwohnung von Eli Wolf und Marlis Bredehorst eingekehrt. David bestaunt die Welt mit großen Augen. Heiter gluckst sein Lachen durch den Raum. Eli Wolf ist Pfarrerin, lebt in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft und ist stolze Mutter.

Vor der Geburt ihres Jungen war die 47-Jährige Leiterin des Evangelischen Frauenbegegnungszentrums in Frankfurt. Jetzt nimmt sie Elternzeit. Von der Mainmetropole ist sie nach Köln zu ihrer Lebenspartnerin gezogen. Marlis Bredehorst, 56 Jahre, ist Politikerin und arbeitet für Bündnis 90 / Die Grünen als Staatssekretärin im nordrhein-westfälischen Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter. Nach der Geburt ihres Sohnes haben die beiden Frauen viel Zuspruch von ihren "Arbeitgebern und Kolleginnen, Kollegen" erhalten. Segenswünsche kamen selbst aus konservativen Kreisen.

Obwohl Deutschland zunehmend vergreist, sind gleichgeschlechtliche Lebenspartnerinnen bei den Elternrechten nicht mit heterosexuellen Paaren gleichgestellt. So durfte Marlis Bredehorst erst sechs Wochen nach der Geburt beim Vormundschaftsgericht einen Antrag auf Adoption stellen. Bedingung war, dass die Lebenspartnerschaft mindestens zwei Jahre besteht, sowie dass das Gesundheitszeugnis und polizeiliche Führungszeugnis einwandfrei sind und das Jugendamt ein positives Votum gibt. So lange ist die Pfarrerin als allein erziehende Mutter in der Geburtsurkunde eingetragen. Bis das Familiengericht ein Urteil fällt und beide Frauen das gemeinsame Sorgerecht erhalten, können mehrere Monate, sogar Jahre vergehen. Diese Ungleichbehandlung wühlt beide auf. Die Theologin sagt: "Ich musste vor der Geburt ein Testament machen, damit klar ist, dass, falls mir etwas zustößt, das Kind bei meiner Frau bleiben soll."

Gott unterscheidet nicht zwischen Heteros und Homos

Als Eli Wolf am 16. Februar die Titelschlagzeile der Frankfurter Bild-Zeitung sieht, traut sie ihren Augen kaum "Lesbische Pfarrerin kriegt Baby mit Politikerin" war in großen, schwarzen Lettern zu lesen. Im nordrhein-westfälischen Landtag habe die Bild-Zeitung Düsseldorf erfahren, dass Staatsekretärin Bredehorst Mutter werde und ein Interview angefragt. "Meine Frau und ich leben offen lesbisch. Es gab auch schon mehrere Medienberichte über uns, einzeln und auch als Paar. Eine offen lebende Politikerin und Pfarrerin sind noch selten. Aber ein Interview wegen der Schwangerschaft wollte ich nicht. Ich fand, alles soll, wenn überhaupt, warten, bis das Kind auf der Welt ist." Die Sorge und Befürchtung der werdenden Mutter waren, dass es Komplikationen während der Schwangerschaft geben könnte.

Marlis Bredehorst (links) und Eli WolfMarlis Bredehorst (links) freute sich von Anfang an zusammen mit Eli Wolf auf das Kind. Foto: privat

Ihre Lebenspartnerin habe ihr deutlich gemacht, dass die Bild-Zeitung auf jeden Fall schreiben werde. "Da war nur noch die Frage, ob sie schreiben, was sie wollen oder wir es zumindest teilweise in der Hand halten." Dass aus diesem Gespräch in der Frankfurter Ausgabe eine Titelschlagzeile mit ihr als Hauptprotagonistin gemacht würde, hätte sie im Leben nie gedacht. "Ich bin als Frau einer Staatssekretärin befragt worden, nicht zu meinem Beruf." Überhaupt dachte sie an eine kleine Meldung auf der Lokalseite der Düsseldorfer Ausgabe. Schließlich gebe es heute viele lesbische Mütter. In Düsseldorf titelte das Blatt entsprechend: Lesbische Politikerin kriegt Kind mit Pfarrerin. Der Frankfurter Aufmacher hingegen habe sie kalt erwischt.

Die erste "Fluch-Mail", sagt sie, landete bereits morgens um vier Uhr in ihrem virtuellen Posteingang. Ihr wurde das Gericht Gottes an den Bauch gewünscht. Weitere folgten: anonym und verletzend. Früher hätte sie das Gefühl gehabt, für sich, für ihre Liebe und für ihre Rechte kämpfen zu müssen und das leichter zu können. Als Mutter aber fühlt sie sich angreifbar. "Das muss mein Kind nicht ausbaden. Wenn ich kämpfen will, ist das meine Sache. Er aber soll diesen Kampf nicht aushalten müssen."

Vor allem hat sie genug von all den Schmähungen, Diskriminierungen und Rechtfertigungen der vergangenen Jahre. "Ich glaube, dass vor Gott Lesbisch-Sein genauso okay ist, wie das Hetero-Sein. Gott hat mich geschaffen als Ebenbild und mich genauso gewollt. Ich wünsche mir eine Zeit, in der das auch mal in der Kirche deutlicher laut gesagt wird, auch von Nichtlesben und Nichtschwulen." Eli Wolf ist mit sich und der Welt völlig im Reinen. "Da ist ein lebendiges, kleines Wesen, das von der ersten Minute der Welt mit einem eigenem Willen gegenübertritt." Und Sohn David Valentin entdeckt Tag für Tag mehr von dieser Welt: Neulich erst hat er herausgefunden, dass er mit seiner Hand Dinge in Bewegung setzen kann.

Mit dem Coming-out wusste sie: "Ich will Pfarrerin werden!"

Kennen gelernt hatten sich die beiden Frauen 1997 auf einer Geburtstagsfeier in Hamburg. An der Kaffee-Maschine entfachte sich eine lebhafte Diskussion zwischen der Hamburger Juristin und der hessischen Pfarrerin, wie Segnungen zwischen gleichgeschlechtlichen Paaren in Kirchen durchgesetzt werden können. Heute ist das vielerorts längst selbstverständlich. "Ich habe mich auf den ersten Blick verliebt", sagt Eli Wolf-Bredhorst. "Marlis war unheimlich wach und aufmerksam und hat viel gelacht. Wir führten ein tiefes Gespräch." Das Paar verpartnerte sich 2002 im Frankfurter Römer. Die Hochzeitsglocken läuteten in der Alten Nikolaikirche. Es war ein großes Fest. Lange Zeit haben sie in verschiedenen Städten gearbeitet und gewohnt, als Familie leben sie nun zusammen. "Ich hatte schon immer einen Kinderwunsch", sagt Eli Wolf. Lesbisch-Sein und Mutterwerden war für sie noch nie ein Widerspruch.

Obwohl viele lesbische Frauen ihrer Generation den Gedanken Mutter zu werden mit ihrem Coming-out verworfen haben, ist Marlis offen dafür: Kinder seien eine Form der Lebensbejahung. Ein Schlüsselmoment, ihren Kinderwunsch aktiv anzugehen, war, als ein geliebter Mensch starb. Da wurde ihr klar: "Was ich im Leben wirklich will, das muss ich angehen und zwar sofort." Als lesbische Frau wird man nicht einfach schwanger. Vier weitere Jahre vergingen, bis David Valentin am 29. Juni 2012 das Licht der Welt erblickte: 53 Zentimeter und 3990 Gramm.

Homosexuelle haben in der Kirche der Zukunft einen festen Platz

Ihr Coming-out hatte Eli Wolf 1991 während ihres Stipendiums in New York am Union Theological Seminary. Das war nach ihrem Theologiestudium in Frankfurt am Main und Heidelberg und vor ihrem Vikariat. Ungewöhnlich ist, dass mit ihrem Coming-out der Wunsch konkret wurde, Pfarrerin werden zu wollen. "In New York gab es offen lebende Lesben und Schwule, Professorinnen und Professoren und Studierende aus aller Welt. Ein Frauenpaar erzählte ihr von ihrem Kinderwunsch. Ich war bei der Einführung einer lesbischen Rabbinerin in einer Synagoge". Für Eli Wolf war das eine inspirierende Zeit und eine Selbstfindungsphase. In New York erfuhr sie einen Ort, an dem man nicht schief angekuckt wurde, weil man so ist wie man ist. "Wo das völlig in Ordnung war", schwärmt sie noch heute.

Gefestigt in ihrer sexuellen Identität und dem Wunsch Pfarrerin zu werden, kehrte sie zurück nach Deutschland. "Die Wahrheit wird Euch frei machen", dieser Satz hat sie sehr beschäftigt und gestärkt. Mit Gott im Rücken, das wusste sie fortan, könne sie authentisch leben, egal was andere von ihr dachten. Verbiegen müsse sie sich nicht. Mut und Kraft gaben und geben ihr auch lesbische Frauen in der Kirche, die sich in Netzwerken international organisieren. "Anfangs saßen wir zwischen den Stühlen, versuchten die Balance zwischen Lesbisch-Sein und Christlich-Sein zu finden. Mittlerweile gehört beides zur Identität: Das Gefühl der inneren Zerrissenheit hat sich aufgelöst."

Pfarrerin Eli Wolf wünscht sich eine Kirche, die dagegen aufsteht, dass lesbische Frauen und schwule Männer abgewertet werden und Homosexualität als Sünde abqualifiziert wird. In ihrer Kirche der Zukunft sagen Lesben und Schwule, dass sie sich mit ihrer Kirche identifizieren wollen. Allein in Hessen-Nassau gibt es heute 28 eingetragene Lebenspartnerschaften unter Pfarrerinnen und Pfarrern.

Weihnachten feiert die Regenbogenfamilie unter dem Tannenbaum

Obwohl ihre Lebenspartnerin Marlis viel arbeitet, gelingt die Vereinbarkeit von Familie und Beruf größtenteils. Wenn Zeit ist, kocht sie. Auch sind der Familie gemeinsame Zeiten, etwa das gemeinsame Abendessen, wichtig geworden. Weihnachten 2012 feiert Eli Wolf mit ihrer Frau Marlis, ihrem Sohn David Valentin und einer guten Freundin unter dem Weihnachtsbaum. "Weihnachten berührt unsere Wünsche und Sehnsüchte" sagt Wolf und fügt hinzu: "Ein ganz großer Wunsch von mir ist in Erfüllung gegangen und dies erfüllt mich mit großer Dankbarkeit. Das feiern wir."

Liebe Leserinnen und Leser, die Kommentarfunktion unter diesem Artikel ist ausgeschaltet.

aus dem chrismonshop

Glück und Segen
Herzlich willkommen! Ein neugeborenes Kind rührt die Herzen. Durch alle Zeiten und Kulturen, zeugt es engelsgleich von der Unverfügbarkeit menschlichen Lebens. Als Martin...