Was zählt am Ende?

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Foto: Jesaja/photocase

Bereuen Sterbende die verpasste Weltreise? Oder doch eher, wenn persönliche Beziehungen in die Brüche gingen?

Was zählt am Ende?
"Was hätte ich besser machen können? Was bedauere ich?" Kurz vor dem Tod denken viele Menschen darüber nach, was sie hätten anders machen sollen, oder was sie versäumt haben. Ist es die nie gemachte Weltreise, der man hinter her trauert? Oder doch eher der verpassten große Liebe? Ein Gespräch mit Buchautorin Doris Tropper, die durch ihre Arbeit in der Sterbebegleitung mit vielen Todkranken gesprochen hat über die Frage, was wirklich wichtig ist.

"Lernen Sie jetzt so zu leben, dass Sie auf dem Sterbebett sagen können: Ich habe alles richtig gemacht" – versprechen sie mit ihrem Buch. Wie soll das gehen?

Doris Tropper: Es gibt viele Möglichkeiten, von den Sterbenden zu lernen. Zum Beispiel spielt das Thema "Zeit" eine große Rolle. Schwerkranke oder Sterbende beklagen häufig, ihre Zeit sei zu schnell zerronnen. Sie meinen, wir, die mitten im Leben stehen, hätten noch so viel Zeit, verschiedene Dinge in Ordnung zu bringen. Wir haben diese Zeit, aber wir nehmen sie uns nicht, weil wir stattdessen Dinge tun, von denen wir glauben, dass sie wichtig seien. Man sollte daher viel bewusster mit der eigenen Lebenszeit umgehen. Am Sterbebett verschieben sich ohnedies die Prioritäten: die permanente Erreichbarkeit über Handy und Laptop zählen dort nicht mehr. Dinge, von denen wir glauben, sie unbedingt kaufen zu müssen, spielen  keine Rolle und sind nicht mehr erstrebenswert. Daran sollten wir im Einkaufsrummel der Vorweihnachtszeit öfters denken.

Gibt es Ihrer Meinung nach eine Art "To-do-Liste" der Dinge, die man im Leben erledigt haben sollte?

Tropper: Nein, die gibt es nicht. Jedes Leben verläuft individuell, so dass es kein Patentrezept geben kann. Die Kunst besteht darin, für sich selbst herauszufinden, was einem gut tut, was man braucht und was im eigenen Leben notwendig ist.

Dennoch gibt es drei Punkte, die ich immer wieder von Sterbenden höre: Leben, lieben, lachen. "Leben" steht für ein stärkeres Bewusstsein, dass morgen alles anders oder sogar vorbei sein kann - durch die Diagnose einer Krankheit, durch einen Unfall. Deshalb sollte man sich regelmäßig fragen: "Wie geht es mir heute? Wie erlebe ich diesen Tag?" Aber auch: "Was belastet mich?"

Was das Lieben anbelangt, ist es wichtig, sich seine eigene Beziehungskultur vor Augen zu halten. Sowohl die Fragen "Wer liebt mich? Wer ist für mich selbstverständlich da?", als auch "Wer hat mich verletzt? Wo gibt es Narben, die noch nicht verheilt sind? Wer hat mich verlassen?" sollten wir uns regelmäßig stellen. In der Regel überwiegt das Positive und man spürt, dass man wichtig ist für die Menschen, die uns nahe stehen.

Und Lachen – vor allem auch über sich selber – sollte man können. Man sollte versuchen, Dinge, die man nicht ändern kann, einmal von einer anderen, heiteren Seite her zu betrachten. Dann verlieren sie vielleicht an Schwere und sind letztendlich nicht mehr so belastend. Auch wenn es nicht immer die Gelegenheit zum herzhaften Lachen gibt.  

"Manchmal müssen Lebensträume eine Illusion bleiben"

Es gibt Geschichten – Romane oder Filme wie "Das Beste kommt zum Schluss" – in denen Menschen, wenn sie erfahren, dass sie sterben werden, noch einmal losziehen und ganz verrückte Dinge tun. Dinge, die sie immer schon einmal tun wollten. Ist diese Vorstellung realistisch?

Tropper: Nein, in den dreißig Jahren, in denen ich auf Sterbebegleitungen zurückblicken kann, habe ich das noch nie erlebt. Kein Todkranker hatte die Chance dazu, weil die noch verbleibende Zeit zu knapp oder weil einfach keine Kraft mehr in ihnen war. Wenn das Beste erst zum Schluss kommen soll, dann müssten zwischen der Diagnose und dem Tod noch viele Monate voller Vitalität und Lebenskraft liegen, was mir nicht realistisch erscheint. Ich sehe in solchen Geschichten eher eine große Gefahr: Man lebt sein Leben vor sich hin und denkt: "Mir bleibt ja noch genügend Zeit, ich verschiebe meine Wünsche und Träume auf morgen!" So einfach lassen sich jedoch Lebensträume angesichts des nahenden Todes nicht mehr erfüllen und bleiben dann eine Illusion.

Und was hindert uns daran, wichtige Dinge rechtzeitig zu erledigen oder zu klären?

Tropper: Ich glaube, wir machen uns nicht immer klar, was wirklich wichtig ist. Und häufig sind wir auch nicht mutig genug. Denn manche Schritte sind mit Veränderungen, Abschied und Verlust verbunden und können deshalb auch große Unsicherheit oder sogar Schmerzen mit sich bringen – egal, in welchem Bereich. Das sind Dinge, denen wir gerne ausweichen. Wenn Sterbenden bewusst wird, dass bestimmte Chancen wirklich vertan sind, kann das sehr quälend sein. Deshalb sollten wir lernen, "abschiedlich" zu leben, das heißt, dass man die wesentlichen Dinge seines Lebens geordnet zurück lässt, auch wenn einem mitten im Leben etwas zustößt.

Haben Sie denn auch erlebt, dass Sterbende gesagt haben: "Ich habe alles richtig gemacht, ich kann guter Dinge gehen"?

Tropper: Wortwörtlich habe ich diesen Satz nie gehört, nein. Aber in den letzten Minuten, wenn ein Leben zu Ende geht, wirken viele Menschen sehr gelöst. Es ist faszinierend zu erleben, welche Entspannung der letzte Atemzug bringen kann. Gesichter, die von Krankheit und Schmerz gezeichnet waren, schauen häufig nach dem Sterbeprozess viel jünger, glatter aus. Bei manchen stellt sich dieser Zustand der Gelassenheit und des Gelöstseins schon Wochen vor dem Tod ein. Da hatte ich durchaus das Gefühl, dass sie guter Dinge gehen können und mit ihrem Leben versöhnt waren. Aber wenn, vor allem bei alten Menschen, Verwirrtheit dazu kommt, oder dunkle Schatten der Vergangenheit über dem Leben liegen, dann lässt sich manchmal ein Kampf bis zum Ende hin beobachten.

"Ich bin achtsamer geworden"

Haben Sie auch persönlich etwas mitgenommen aus dem Umgang mit den Sterbenden?

Tropper: Jedes Mal, wenn eine Sterbebegleitung zu Ende gegangen ist, war ich häufig sehr motiviert und habe gedacht: "Dieses oder jenes machst Du jetzt anders!" Man vergisst es nur leider wieder viel zu schnell. Aber ich bin auf jeden Fall wachsamer geworden. Ich achte heute sehr genau darauf, wie es mir geht: Wenn ich spüre, meine Energie lässt nach, dann gönne ich mir Auszeiten und setze auf Langsamkeit. Ich achte aber nicht nur auf meine eigenen Grenzen der Belastbarkeit, sondern verlange von meiner Umwelt nicht mehr so viel wie früher. Meine Wahrnehmung hat sich verändert, ich bin viel sensibler geworden und ich halte immer wieder bewusst inne und Ausschau nach den kleinen Dingen und Freuden. Ich sammle exotische Pflanzen und wenn ich in meinem Garten sehe, dass etwas blüht oder wächst, dann kann ich mich darüber freuen wie ein Kind.