"Prepaid"-Strom statt kalter Wohnung

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Foto: iStockphoto/Tom Tomczyk

"Prepaid"-Strom statt kalter Wohnung
Wenn Bürger ihre Stromrechnung nicht bezahlen können, kann ihnen der Strom abgestellt werden. Besonders im Winter ist das unangenehm. Neue Stromzähler mit einer "Prepaid"-Funktion wie beim Handy könnten die Situation sowohl für Kunden als auch für Energieversorger verbessern.

Wem der Strom abgeklemmt wird, der sitzt im Dunkeln und kann weder Elektroherd noch Waschmaschine betreiben. Auch die Etagenheizung läuft nicht mehr. Zudem bringt die Sperre zusätzliche Kosten mit sich. Die Energieversorger verlangen saftige Gebühren für Mahnungen und Inkasso sowie für das Kappen und Wiederanstellen der Versorgung.

"Das Konzept 'Zahlen nach Bedarf' ist vom Prepaid-Handy her vertraut", sagt der Experte Michael Kopatz vom Wuppertal-Institut. Auf dem gleichen Weg lasse sich ohne großen Aufwand auch Strom beziehen - mit intelligenten Zählern (Smart Meter). Ist das Guthaben fast aufgebraucht, steht die Aufladung an - durch aufladbare Smart-Cards, per Internet-Computer oder Smart-Phones.

Zahlen nach Bedarf

Das Prepaid-Verfahren verhindert, dass sich Monat für Monat unbemerkt Stromschulden auftürmen. Kopatz: "Zudem schafft die Anzeige von Verbrauch und Guthaben Kostentransparenz und Kostenbewusstsein." Das führe in der Regel zu deutlich weniger Verbrauch - zum Nutzen der Umwelt. Die Stromversorger profitierten von einer enormen Kostenersparnis. "Mahnverfahren und Außenstände in Millionenhöhe fielen weg, es gibt keine Zahlungsausfälle mehr."

In Großbritannien ist das Prepaid-Verfahren seit Jahrzehnten auch bei herkömmlichen Zählern üblich. Landesweit gibt es dort 3,4 Millionen Vorkasse-Geräte. Sie wurden früher mit Geldmünzen gefüttert, heute geht das per Code-Nummer, "Datenschlüsseln" oder elektronischen Karten.

Kleine Versorger setzen auf "Prepaid"

In Deutschland sind Vorkasse-Zähler selten. Die meisten Stromversorger sind bei dem Thema zurückhaltend. Beim Branchenverband BDEW heißt es dazu auf Anfrage, Prepaid-Zähler seien "in bestimmten Fällen das Mittel der Wahl zur Förderung des Kostenbewussteins", eine Pflicht, sie einzubauen, sei "jedoch nicht zielführend".

Der Frankfurter Versorger Mainova hat nach einem Prepaid-Test 2007 entschieden, sie nicht einzuführen. Dem Mehraufwand etwa durch höhere Kosten für die Zähler, Prozess- und Softwareanpassungen habe "kein Nutzen gegenüber gestanden", erklärte ein Sprecher.

Einige, zumeist kleinere Versorger sehen das anders. Die Stadtwerke im nordrhein-westfälischen Olpe nutzen die Vorkasse-Zähler bereits seit den 90er Jahren - und zwar bei knapp einem Prozent ihrer 5.500 Kunden. Die Prepaid-Nutzer müssen einen "Schlüssel" an der Kasse in der Zentrale des Versorgers aufladen. Die Erfahrungen damit seien positiv, sagt Stefan Gummersbach vom Kundenservice des Unternehmens: "Es vereinfacht die Arbeit und spart den Kunden Kosten."

Die Stadtwerke im saarländischen Völklingen rüsten in diesem Jahr rund 1.000 Zähler in sozialen Brennpunkten auf Vorkasse um. An dem Gerät muss eine zehnstellige Kennziffer eingetippt werden, ein Display informiert dort über Verbrauch, Guthaben und aufgelaufene Altschulden.

"Ein Schritt zur Linderung von Energiearmut"

Das Wuppertal-Institut empfiehlt der Bundesregierung, die Prepaid-Funktion bei der laufenden Standardisierung der neuen Stromzähler vorzuschreiben. Kopatz: "Sie sollte eine Vorgabe im Energiewirtschaftsgesetz verankern, die Stromsperrungen verbietet und stattdessen die kostenlose Installation eines Prepaid-Zählers vorschreibt." Die Preise der bisher noch vergleichsweise teuren intelligenten Zähler würden bei flächendeckender Einführung stark sinken.

Aber, so räumt Kopatz ein, die Vorkasse könne nicht verhindern, dass Energie teuer wird. Bei Hartz-IV-Empfängern zum Beispiel müssten deshalb die deutlich zu niedrigen Sätze für Energiekosten erhöht werden. Die Einführung der Prepaid-Zähler sei aber durchaus "ein Schritt zur Linderung von Energiearmut, der durch weitere Maßnahmen, wie etwa Einsparberatungen vor Ort, begleitet werden sollte".