So dick wie die Eltern

Boy on a diving board with fishing net

Foto: photocase/Image Source/TOMAS RODRIGUEZ

Ein dicker Junge sitzt auf einem Sprungbett im Schwimmbad mit einem Fischernetz in der Hand: Seine Körperhaltung wirkt traurig, der Junge wirkt auf dem Bild wie fehl am Platz. In Schwimmbädern werden dicke Kinder häufig gemobbt - gerade in Badekleidung fällt die Adopositas auf.

So dick wie die Eltern
Kaum Bewegung, große Portionen beim Essen und viel Fernsehen. Die Folge: Etwa 800.000 Kinder in Deutschland sind fettleibig. Doch die Symptome sind nicht allein das Ergebnis ungesunden Verhaltens, auch die Gene spielen eine Rolle.

Beim Sportunterricht in ihrer Kölner Grundschule kann Paula schon lange nicht mehr richtig mitmachen. Die Neunjährige ist so übergewichtig, dass sie nicht mehr rennen kann. In der Pause steht sie oft allein da, denn ihre Klassenkameradinnen spielen lieber Fangen oder springen Seil. Bei Streitigkeiten haut sie gerne zu, denn meistens ist sie viel kräftiger als ihre Kontrahenten. Dadurch wird sie aber in ihrer Klasse noch mehr geschnitten. So wie Paula geht es vielen Kindern in Deutschland. Zwei Millionen Kinder und Jugendliche gelten als übergewichtig. Etwa 800.000 sind - wie Paula - adipös, das heißt: sie sind fett.

In den vergangenen 25 bis 30 Jahren hat sich die Zahl der dicken Kinder um 50 Prozent erhöht. Fettleibigkeit im Kindesalter gilt als eines der auffälligsten Zivilisationssymptome. Für den dramatischen Anstieg gebe es zahlreiche Faktoren, sagt die Psychologin Petra Warschburger. "Kinder haben viel weniger Spielraum draußen, das Freizeitverhalten wird inaktiver, es gibt immer mehr Kanäle im Fernsehen." Auch die Ernährungsgewohnheiten änderten sich, die Portionen würden immer größer. "Kinder essen, um Stress zu reduzieren", sagt die Beratungspsychologin an der Uni Potsdam.

Die Gene sind mitverantwortlich

Heute weiß man, dass auch die Gene mitverantwortlich sind: Es gibt eine Veranlagung zur Fettleibigkeit. Doch ausschlaggebend sind Ernährungsgewohnheiten, mangelnde Bewegung und auch das Lebensumfeld: "Es gibt eine hohe familiäre Häufung", sagt Warschburger. "Wenn beide Eltern adipös sind, liegt die Wahrscheinlichkeit, dass auch das Kind adipös wird, bei 80 Prozent." Das kann Paula bestätigen: "Meine Eltern sind auch zu dick."

Und je länger ein Kind sein Übergewicht mit sich herumschleppt, desto größer ist die Gefahr, dass es sich zu einem dicken Erwachsenen entwickelt. "Ab dem Grundschulalter nimmt die Wahrscheinlichkeit der spontanen Gewichtsabnahme ab", sagt der Kinderarzt Rüdiger von Kries von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sein Forscherteam hat das Auftreten und Verschwinden von Übergewicht bei Kindergartenkindern mit dem von Schülern verglichen. Dabei zeigte sich, dass mehr als 60 Prozent der Kindergartenkinder ihr Übergewicht wieder verloren. Hingegen behielten über 80 Prozent der Schulanfänger ihre überschüssigen Kilos auch später noch.

Rechtzeitig: im frühen Grundschulalter intervenieren

Von Kries hält es daher für wichtig, zu Beginn der Schulkarriere zu intervenieren. Dabei müsse man sich zum einen um die Schulkinder mit Gewichtsproblemen kümmern und gleichzeitig mit Präventionsprogrammen dafür sorgen, dass nicht auch noch bis dahin normalgewichtige Kinder Übergewicht entwickelten. Ohne eine solche "Doppelstrategie" nehme die Zahl der übergewichtigen Grundschüler deutlich zu, sagt der Forscher.

Petra Warschburger führt Beratungsgespräche mit adipösen Kindern und ihren Eltern. Dabei versuchen Psychologen und Ernährungswissenschaftler in einem etwa 15 Monate langen Programm Eltern und Kinder zu einem anderen Ess- und Bewegungsverhalten zu motivieren.

"Wir essen nicht nur, weil wir hungrig sind."

Warschburger hält es für wichtig, auch die psychologischen Faktoren miteinzubeziehen, die beim Essen eine Rolle spielen: "Wir essen nicht nur, weil wir hungrig sind, das war früher einmal so. Heute essen wir auch, weil es gemütlich ist, weil es gut riecht oder uns die Werbung im Fernsehen weismacht, dass es 'cool' und 'in' ist, bestimmte Dinge zu essen oder zu trinken."

In der Therapie lernen die Kinder und Jugendlichen, darauf stolz zu sein, ein Teilziel erreicht zu haben. Denn eine Gewichtsreduzierung ist ein langwieriger Prozess, der oft viele Monate oder Jahre dauert. "Und wir animieren sie zu einem Selbstwertgefühl, das unabhängig vom Gewicht ist", sagt die Psychologin.