Müller wird Chef der vatikanischen Glaubenskongregation

Müller wird Chef der vatikanischen Glaubenskongregation
Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller wird Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation. Das wurde am Montag zeitgleich im Vatikan und in Regensburg bekannt gegeben.

Der 64-jährige Müller übernimmt damit das Amt, das Papst Benedikt XVI. bis zu seiner Wahl 2005 innehatte. Der Präfekt der Glaubenskongregation war in früheren Zeiten Chefinquisitor der Kirche. Das Amt hatte bisher der US-amerikanische Kurienkardinal William Levada (76), der in den Ruhestand geht. Auch sein Nachfolger dürfte bald in den Kardinalsstand erhoben werden. Mit seiner Berufung wurde Müller bereits zum Erzbischof ernannt.

Der neue Chef der Glaubenskongregation ist einer der wichtigsten konservativen Theologen der Gegenwart. Müller ist bisher Chef der Ökumenekommission der Deutschen Bischofskonferenz. Im Vatikan gilt er unter anderem wegen seiner Freundschaft zu dem peruanischen Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez als "liberal". Unter anderem deswegen gab es in der Kurie lange Zeit Widerstand gegen die Berufung.

Gerhard Ludwig Müller wurde am 31. Dezember 1947 in Mainz-Finthen geboren. Er wurde vom heutigen Mainzer Kardinal Karl Lehmann mit einer Arbeit über den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) promoviert. 1986 bis 2002 war er Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in München. Seither leitete er das Bistum Regensburg. Dort geriet der Theologe immer wieder in Konflikte mit Laienvertretern sowie innerkirchlichen Kritikern.

Schneider dankt für Anregungen

Die Deutsche Bischofskonferenz gratulierte Müller zu der Ernennung. Er sei einer der profiliertesten Theologen der Gegenwart und habe die besten Voraussetzungen, um die neuen Aufgaben im Vatikan auszufüllen, schreibt der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, in seinem Glückwunschschreiben. In seinen Funktionen innerhalb der Bischofskonferenz habe Müller  wesentlich zum theologischen Austausch mit den Kirchen der Reformation und der Orthodoxie in Deutschland beigetragen.

Der Mainzer Bischof Karl Lehmann würdigte insbesondere Müllers Arbeiten zur lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Der im Mainzer Vorort Finthen geborene Müller sei ein "angesehener Lehrer der Glaubenslehre", heißt es in Lehmanns Glückwunschschreiben. Der anders als Müller zum liberalen Flügel in der katholischen Bischofskonferenz gezählte Lehmann war in den 70er Jahren dessen Doktorvater.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider, dankte dem Regensburger Erzbischof in seinem Glückwunschschreiben für die "intensive und konstruktive Zusammenarbeit" zwischen EKD und Bischofskonferenz in den vergangenen Jahren, "insbesondere auch für die kontroverstheologischen Gedanken und Anstöße, die manche Diskussion belebt haben." Es sei gut, künftig einen Kenner der ökumenischen Verhältnisse in Deutschland an so wichtiger und verantwortlicher Position in der katholischen Weltkirche zu wissen.

Der bayerische evangelische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm erklärte, die Berufung sei eine Anerkennung Müllers theologischer Kompetenz, "die in umfangreichen wissenschaftlichen Werken Ausdruck gefunden hat". Den neuen Präfekten der Glaubenskongregation habe er als einen ökumenisch aufgeschlossenen Theologen kennengelernt, sagte Bedford-Strohm. Er hoffe, "dass die gemeinsame ökumenische Arbeit in Deutschland durch entsprechende ökumenische Impulse auch die römisch-katholische Weltkirche bereichern wird".

"Luther ist für ihn kein Fremdwort"

Der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD), Friedrich Weber, sagte dem Evangelischen Pressedienst (epd), er habe Müller in den katholisch-lutherischen Gesprächen durchaus als gesprächsbereit und offen erlebt. "Luther ist für Müller kein Fremdwort", sagte der Braunschweiger Landesbischof. Weber ist auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK).

An der Spitze der Glaubenskongregation stehe mit Müller ein Theologe, "der sich in der deutschen Theologielandschaft bestens auskennt und auch die Anliegen evangelischer Lehre im direkten Austausch mit evangelischen Theologen und Kirchen kennengelernt und reflektiert hat", schreibt Weber in seiner Gratulation. Darin würdigt er auch Müllers "tiefe Kenntnis" von Dietrich Bonhoeffer.

Für Deutschland bedeute die Berufung Müllers die Verpflichtung, Themen wie dem Umgang mit der säkularen Welt, Fragen der Ökumene und der Entweltlichung Gehör zu verschaffen und dem bevorstehenden "Jahr des Glaubens" Impulse zu geben, heißt es in einer Stellungnahme des bayerischen Landeskomitees der Katholiken zum Wechsel. Für Regensburg, wo Müller sich besonders volkskirchlich engagiert habe, bedeute dessen Weggang einen schweren Verlust.

Gegen Reformkräfte in Regensburg

Die katholische Basisbewegung "Wir sind Kirche" äußerte, mit Müller komme wieder ein Mann an die Spitze der Glaubenskongregation, der wie Joseph Ratzinger eine hohe wissenschaftliche Qualifikation erworben hat. Es sei abzuwarten, ob der Theologe das geistige und geistliche Format besitze, um den aktuellen theologischen Herausforderungen innovativ zu begegnen. Negativ bilanziert "Wir sind Kirche" Müllers ablehnende Haltung zur Frauenordination, seinen Polarisierungskurs in der Ökumene und sein Durchgreifen gegen Reformkräfte im Bistum Regensburg.

Der Regensburger Bischofsstuhl gilt mit der Berufung Müllers nach Rom als verwaist. Binnen acht Tagen muss das Domkapitel einen sogenannten Diözesanadministrator wählen, der das Bistum übergangsweise verwaltet. Mit der Ernennung eines neuen Bischofs durch Papst Benedikt XVI. wird in den nächsten Monaten gerechnet.

Seit 1908 keine "Inquisition" mehr

Die Glaubenskongregation ist die älteste Vatikanbehörde und wurde 1542 von Papst Paul III. gegründet, um die katholischen Lehre vor Irrlehren zu schützen und Abweichler zu verfolgen. Ursprünglich trug sie den Titel "Congregatio Romanae et universalis Inquisitionis". Erst 1908 legte sie den Namen "Inquisition" ab und nannte sich fortan "Sacra Congregatio Sancti Officii". Bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) erstellte sie den Index der verbotenen Bücher.

Die Glaubenskongregation beschließt Lehrschreiben wie das Dokument "Dominus Iesus" über die Universalität der katholischer Heilslehre aus dem Jahr 2000. Sie überprüft die Schriften katholischer Theologen und verurteilt diese, wenn sie nicht mit der offiziellen Lehre übereinstimmen. Wegen Abweichungen von der katholischen Tradition veranlasste die Behörde etwa, dass dem Tübinger Professor Hans Küng die Lehrerlaubnis entzogen wurde.

Der Behörde gehören neben dem Präfekten 23 Kardinäle, Erzbischöfe und Bischöfe aus 17 Ländern an. Seit 2009 ist der Glaubenskongregation auch die Kommission "Ecclesia Dei", die den Dialog mit der schismatischen Priesterbruderschaft St. Pius X. betreibt, unterstellt. Der Präfekt der Glaubenskongregation ist von Amts wegen auch Präsident der Päpstlichen Bibelkommission und der Internationalen Theologischen Kommission.

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