Medizinmann in Anzug und Krawatte

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Medizinmann in Anzug und Krawatte
Sie nennen sich Ethnopsychiater: Ärzte und Psychologen, die Krankheiten in ihrem kulturellen Umfeld sehen. Zu den Vorreitern zählt der Franzose Tobie Nathan, dem Migranten in einem Pariser Krankenhaus von Geistern und Beschwörungen erzählten.
29.10.2012
epd
Martina Zimmermann

Der drogenabhängige Junge aus Nordafrika behauptet, ein Djinn zu sein, ein Geist. Die Frau aus der Elfenbeinküste opfert Hühnchen, um ihre Kinder vor Hexenangriffen zu schützen. Mit westlicher Schulmedizin oder Freud'scher Analyse ist ihnen nicht zu helfen. Hier wird eine andere Medizin und Psychologie gebraucht: Die Ethnopsychiatrie versucht, Krankheiten in ihrem kulturellen Zusammenhang zu verstehen.

Psychologin Catherine Grandsard arbeitet im Pariser Centre Georges Devereux, dem ersten ethnopsychiatrischen Forschungszentrum Frankreichs. Hierher kommen minderjährige Migranten oder Kinder aus Einwandererfamilien mit schweren Verhaltensstörungen. Bei den therapeutischen Sitzungen sind ein Dutzend Menschen dabei, Psychiater, Sozialarbeiter, Übersetzer und Mediatoren: "Der Therapeut erteilt das Wort, und jeder wendet sich an ihn", erklärt Grandsard. Eine Methode, um zu verhindern, dass sich die Familien wie im Verhör fühlen.

"Da ist ein Teufel, wie kann man das behandeln?"

Als einer der Väter dieser Forschungsrichtung gilt der französische Psychiater Tobie Nathan, geboren 1948 in Kairo. "Medizinmann in Anzug und Krawatte" nannte ihn die Pariser Tageszeitung "Figaro" einmal. Der Psychiater und Psychologe begann in den 70er Jahren, Einwanderer im frankomuslimischen Krankenhaus im Pariser Vorort Bobigny zu behandeln.

Er versuchte, auf seine Patienten die gelernten Modelle anzuwenden. "Bis in der Sitzung Geister auftauchten", beschreibt der Professor, "oder Menschen, die sich von Teufeln besessen fühlten". Er hätte es als Hysterie betrachten und nicht darauf eingehen können. Stattdessen sagte er: "Da ist ein Teufel, wie kann man das behandeln?" Die Psychoanalyse hatte keine Lösungen parat.

Tobie Nathan arbeitete mit Übersetzern und Mediatoren, um seine Patienten zu verstehen - ein "Minimum an Höflichkeit", wie er findet: "Man kann nicht über etwas Tiefgehendes arbeiten mit jemandem, wenn man nicht die Töne, die Traditionen, die Muttersprache, die Gefühle kennt."

Wurzeln und Familie

"Wenn Sie sich einen Arm brechen oder ein Problem mit dem Magen haben, ist klar, dass unsere Medizin der traditionellen weit überlegen ist", sagt Nathan. "Aber wenn Sie ein psychologisches Problem haben und zu einem bestimmten Kulturkreis gehören, dann wird dessen Tradition viel besser heilen können". Manchmal holt er sogar Heiler aus der Heimat der Patienten zur Hilfe.

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Monatelang lebte Nathan an der Seite von Heilern in Afrika und beobachtete ihre Methoden. 1993 gründete er in Paris dann das erste ethnopsychiatrische Forschungszentrum der Universität Paris, zu dem auch eine Klinik gehört. Benannt ist es nach Georges Devereux (1908-1985), der als Begründer der Ethnopsychiatrie gilt. Bestsellerautor Nathan leitete das Zentrum bis 1999. Frankreich war Vorreiter: In Deutschland gibt es erst seit 2002 ein Zentrum für interkulturelle Psychiatrie, Psychotherapie und Supervision (ZIPP) an der Berliner Charité.

Inzwischen arbeiten in Frankreich Ethnopsychologen auch in Arztpraxen. Im Pariser Einwandererviertel Barbès empfängt Psychologin Fatiha Ayoujil Patienten, die meist schon einen langen Weg hinter sich haben und sich von westlichen Spezialisten wie auch von traditionellen Heilern behandeln ließen. "Wir haben öfter Patienten, die soviel leiden, dass sie mehrere Behandlungen auf einmal probieren. Wir versuchen, die Menschen auf sich selbst zu konzentrieren, statt sie mit vielen Behandlungen zu erschöpfen", sagt Ayoujil. "Wir reden von Wurzeln und Familie."

"Wir brauchen eine offene Psychologie"

Ayoujil betreibt auch Gesundheitsvorsorge in der afrikanischen Gemeinschaft. Mediatoren schlagen eine Brücke zwischen westlicher und traditioneller Medizin. Mediator Cheickna Macalou etwa arbeitet in Pariser Krankenhäusern mit Aidspatienten, wenn das Personal mit ihnen nicht klar kommt: "Wenn einem HIV-Patienten gesagt wird, die Werte seien gut, dann bedeutet das nicht, dass er mit der Behandlung aufhören soll", weiß Macalou. "Aber der Patient versteht das anders: Warum soll ich ein Medikament nehmen, wenn es mir gutgeht? Das alles muss man ihm erklären."

Der Patient, der in einem anderen Kulturkreis aufgewachsen ist, müsse im herkömmlichen europäischen Gesundheitssystem seinen Platz finden, sagt Fatiha Ayoujil. "Wir wollen verstehen, warum sie sich sträuben, was bestimmte Behandlungen für sie bedeuten, und sie dann bei der Behandlung begleiten."

"Die Ethnopsychiatrie begann als Psychologie für Einwanderer und hat sich zur modernsten Psychologie entwickelt", urteilt Tobie Nathan mit einem gewissen Stolz: "In unserer offenen Welt brauchen wir eine offene Psychologie und nicht eine, die sich auf eine weiße Bourgeoisie in einem industrialisierten Land konzentriert."