TV-Tipp: Tatort "Skalpell" (ARD)

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TV-Tipp: Tatort "Skalpell" (ARD)
"Tatort: Skalpell" um 20.15 Uhr, ARD
Im Schweizer Tatort "Skalpell" wird ein Klinikchef ermordet, der Spezialist für die Operation von Hermaphroditen ist.

Als sich die Schweiz im letzten Jahr nach längerer Pause erstmals wieder mit einem eigenen Beitrag an der Sonntagsreihe "Tatort" beteiligte, ging das Comeback gründlich schief: Die geplante Premiere im Frühjahr musste verschoben werden, weil die Kulturchefin des Schweizer Fernsehens (SF) im Auftaktfilm Witz, Spannung und Lokalkolorit vermisste.

"Wunschdenken" wurde dann im August nachgereicht, aber man fragte sich unwillkürlich, wie denn wohl die inkriminierte Version ausgesehen haben müsse, denn dem Werk mangelte es eigentlich an allem, was einen guten Krimi ausmacht. Der Coup, mit Sofia Milos ("CSI: Miami") eine Sexbombe als Polizistin mitwirken zu lassen, machte die Sache eher noch schlimmer.

Unterschiedliche Versionen für Schweiz und Deutschland, Österreich

In "Skalpell" (Regie: Tobias Ineichen), dem zweiten Versuch, hat es Reto Flückiger (Stefan Gubser) prompt mit einer ungleich bodenständigeren Beamtin zu tun. Dass auch dieser Film nicht restlos überzeugt, hat andere Gründe. Sie sind ebenso hausgemacht, allerdings vor allem akustischer Natur.

Die Schweizer klingen nicht wie Schweizer, weil zwei Versionen gedreht worden sind: eine auf schwyzerdütsch für die Schweiz und eine zweite für Deutschland und Österreich, in der die Schauspieler "Schriftdeutsch" sprechen (wie das in der Schweiz heißt) und prompt deutlich weniger authentisch klingen.

Indizienkette löst sich in Luft auf

Die Geschichte allerdings ist interessant, selbst wenn der Stoff in ähnlicher Form schon im letzten Jahr Thema eines "Tatorts" aus Münster war. Geschlechtliche Identität, lernte man damals, entstehe "zwischen den Ohren" (so hieß der Film auch) und nicht zwischen den Beinen. Es ging um Hermaphroditen, im Volksmund Zwitter genannt. Anhand verschiedener Fallbeispiele erläutert Autor Urs Bühler, was es für diese zweigeschlechtliche Menschen bedeutet, wenn Ärzte ihnen noch vor der Identitätsbildung ein Geschlecht zuweisen; denn womöglich ist es das falsche.

Auslöser der Handlung ist die Ermordung eines Klinikchefs, der als Kinderchirurg auf Operationen dieser Art spezialisiert war. Da er die Eltern stets zum raschen Eingriff drängte, hat er viele Kinder ins Unglück gestürzt; jedes sechste hat sich später das Leben genommen. Entsprechend lang ist die Liste der Verdächtigen. Das obligate und mit Thomas Sarbacher als Stellvertreter des Klinikleiters markant besetzte Ablenkungsmanöver hingegen ist von Anfang an als solches durchschaubar; selbst wenn der Doktor ein Verhältnis mit der Gattin (Regula Grauwiller) des Opfers hatte.

Die eigentliche Tat ist immerhin raffiniert eingefädelt. Der Arzt ist an einem Skalpellstich gestorben, und es ist durchaus reizvoll zu beobachten, wie Flückiger und seine Luzerner Kollegen mühsam eine Indizienkette aufbauen, die sich dann in Luft auflöst: weil sie schließlich erkennen müssen, dass man nicht in Reichweite sein muss, um jemanden zu erstechen.