So werden leere Kirchen wieder lebendig

Der "Pew Tower" von Augustas Serapinas
Silviu Guiman / Manifesta 16 Ruhr
Der "Pew Tower" von Augustas Serapinas besteht aus abgebauten Kirchenbänken der Essener Markuskirche.
Kunst trifft Kirche
So werden leere Kirchen wieder lebendig
"This is not a church" heißt die Manifesta 16 Ruhr, Europas Wanderbiennale für zeitgenössische Kunst. Direktorin Hedwig Fijen erklärt evangelisch.de, warum sie leerstehende Kirchen zu Orten für Kunst und Gemeinschaft macht.

evangelisch.de: Frau Fiijen, was hat Sie an den leerstehenden Kirchen im Ruhrgebiet so interessiert, dass Sie daraus ein Projekt machen wollten?

Hedwig Fijen: Uns geht es darum, die Kirchen wieder in Gemeinschaftsräume zu verwandeln. Ich wurde im Jahr 2022 von jemandem aus dem Ruhrgebiet über die leeren Kirchen im Revier informiert und war ziemlich überrascht, da wir in Holland schon seit 1975 entwidmete Kirchen haben. Ende der 70er Jahre habe ich sogar meine Bachelorarbeit über eine umgestaltete Kirche geschrieben. Die aktuelle politische Landschaft in Deutschland und Europa insgesamt macht es dringend erforderlich, darüber zu diskutieren, wie man Polarisierung, Desinformation und die radikale Rechte bekämpfen kann, und eine der Optionen besteht darin, mehr Dritte Räume und Verbindung zu schaffen. Sicherzustellen, dass wir die Kirchen als neue Verbindungen für eine Vielfalt von Gemeinschaften und Nachbarschaften nutzen.

Sie sprechen von Kirchen als Orten, die Menschen miteinander verbinden können. Spielt dabei eine besondere Rolle, dass diese Räume ursprünglich sakrale Orte waren?

Fijen: Sakrale Räume und Klöster haben für Gläubige und Nichtgläubige schon immer als Orte der Verbindung, der Hoffnung sowie der medizinischen und pädagogischen Inspiration funktioniert – wie etwa Krankenhäuser, Bibliotheken und Schulen. Die heutigen Gotteshäuser können an dieses kollektive Gedächtnis der Kirche anknüpfen, um die Schwachen, die Einsamen und Verlassenen zu schützen und zu unterstützen, so wie sie es in der Geschichte getan haben.

Kunst und Kultur haben schon immer Menschen aller Religionen inspiriert und schenken den Menschen auf vielfältige Weise Licht und Hoffnung. Kirchen waren schon immer Orte der Begegnung für alle Schichten der Gesellschaft und haben Menschen zusammengebracht, was heute mehr denn je notwendig ist, um die Menschen aus ihrer politischen und ökonomischen Blase herauszuholen.

Sie verbinden mit Kirchen Hoffnung und Gemeinschaft und sprechen auch von der Kraft, die Kunst entfalten kann. Welche Rolle spielt Spiritualität für Sie persönlich?

Fijen: Ja, Glauben an Spiritualität, Demokratie und das Gute im Menschen. Ohne naiv zu sein, glaube ich an das Gute darin, Menschen zusammenzubringen und jederzeit den Dialog zu suchen.

Die Basketballinstallation des Kollektivs Cabo Sanroque in der St. Ludgerus Kirche in Bochum wird regelmäßig gespielt während der Biennale "Manifesta 16 Ruhr".

Dieser Gedanke des Zusammenbringens wird in einigen der umgenutzten Kirchen bereits sehr konkret. Welche Beispiele haben Sie besonders beeindruckt?

Fijen: Ich liebe die Transformation von St. Thomas sehr, die jetzt ein Migrationsmuseum und eine Webwerkstatt ist, die so vielen verschiedenen ethnischen Gruppen im Ruhrgebiet offensteht. Ich liebe es, dass St. Ludgerus in ein Basketballfeld und einen Spielplatz für junge Leute verwandelt wurde. Ich liebe es, dass St. Bonifatius von Herrn Zipper, einem türkischen Bäcker, in eine Bäckerei und jetzt in einen Teegarten verwandelt wurde.

Da geht es längst nicht mehr nur um Kunst, wenn aus Kirchen etwa ein Migrationsmuseum, ein Basketballfeld oder ein Teegarten werden. Können ehemalige Kirchen solche Treffpunkte dauerhaft werden? Ist das für Sie ein Modell für die Zukunft?

Fijen: Absolut, und viele Beispiele dafür finden sich in Schweden, Holland und Belgien, wie etwa Konzerthallen (das berühmteste ist das Paradiso, eine ehemalige Kirche einer Freikirche in Amsterdam), Gärten, Buchhandlungen, Hotels und Tafel-Angebote. Es sollte einen kirchlichen Entwicklungsplan geben, in dem die Bundesregierung den Kirchen hilft, ihre Räume in Dritte Orte umzuwandeln oder sie unter Denkmalschutz zu stellen, so wie in Großbritannien, wo sie geschützt sind. Einige der brutalistischen Kirchen im Ruhrgebiet sind von so außergewöhnlicher architektonischer Qualität, dass wir nicht verstehen können, warum sie abgerissen werden.

Auch Musikdarbietungen der "Mad Dogs" von Donja Nasseri bringen die Kunstinteressierten in den Kirchenräumen von St. Gertrud in Essen zusammen.

Damit aus einzelnen Projekten tatsächlich ein Modell wird, müssten sie über die Ausstellung hinaus Bestand haben. Was soll von den bisherigen Projekten bleiben und weitergeführt werden?

Fijen: Wir hoffen, dass Regierungsstellen und der Regionalverband Ruhr weitermachen und eine Arbeitsgruppe eingerichtet wird, um sicherzustellen, dass die Wirkung und das Erbe auf vielen Ebenen weiterverfolgt werden – etwa materiell, indem Kirchen gerettet und umgestaltet werden, oder immateriell, indem eine bundesweite Diskussion darüber angestoßen wird, was mit den leeren Kirchen in Deutschland geschehen soll.

Bei all diesen Kirchen und Begegnungen: Welche Erfahrung ist Ihnen persönlich besonders nahegegangen?

Fijen: Architektonisch gesehen St. Marien, St. Thomas und St. Ludgerus. Was das Engagement angeht, Christ König, da Propst Michael Ludwig alles getan hat, was er konnte, um die Kirchen offen zu halten, und ich bewundere seine Stärke.

Manifesta 16 Ruhr "This is not a church" findet bis zum 04. Oktober 2026 in vier Städten des Ruhrgebiets statt: Bochum, Duisburg, Essen und Gelsenkirchen. Im Rahmen der Biennale werden zwölf leerstehende Kirchengebäude aus der Nachkriegszeit in offene Räume für Dialog, gesellschaftlichen Zusammenhalt und künstlerische Innovation verwandelt. Die Europäische Nomadische Biennale findet alle zwei Jahre an einem anderen Ort in Europa statt.