Es gibt sie: Kraftorte. Orte, an denen Menschen über Jahrhunderte beten und auf der Suche sind nach dem, was Halt und Frieden schenkt. Etwa eine Stunde mit dem Zug südwestlich von Paris entfernt befindet sich das gotische Meisterwerk: die Kathedrale Notre-Dame de Chartres. Ein Kraftort.
Viele Menschen suchen seit Jahrhunderten diese Kathedrale auf. An diesem Ort verbinden sich Himmel und Erde. Ich spürte nach wenigen Stunden, hier einen Ort der Gottessuche entdeckt zu haben. In der Kathedrale von Chartres wandelt der Einzelne in seiner eigenen Seele. Alles in diesem Raum sucht die Begegnung mit ihm. Die Glasfenster im Chartreser Blau und die Portale der Kathedrale werden zur Spiegelung des Lichtes vom göttlichen Licht. Die Glasfenster von Chartres werden auf ungefähr 1150 datiert.
Auch durch einen Brand und vielfach ausgebesserte und teilweise erneuerte Glasfenster strahlen sie bis heute in dem berühmten "Himmelsblau". Dieses besondere Blau und seine nicht zu vergessende Schönheit hat auch den französischen Glasmaler Gabriel Loire inspiriert. Seine Werke sind weltweit zu bestaunen, so auch in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin.
Über 22.200 Glasfenster sind für die Gedächtniskirche und den Glockenturm in der Werkstatt von Gabriel Loire in Chartres entstanden. Chartres gilt als Hauptstadt der Glasmalerei. Gabriel Loire ist der bedeutendste und bekannteste Glasmaler Frankreichs. Weltweit sind in über 600 Kirchen und weltlichen Gebäuden seine Werke anzutreffen. Jedes Fenster hier in der Gedächtniskirche ist von Hand gearbeitet. Ein Meisterwerk. Ein Werk voller Schönheit. Ein Werk zum Staunen. Bis heute führt die Familie Loire die Glaskunst in Chartres fort.
Günter Hänsel (*1993) studierte Religions- und Gemeindepädagogik (M.A.) an der Evangelischen Hochschule Berlin. Von 2018 bis 2020 war er Vikar der Kirchengemeinde Berlin-Frohnau. Seit 2021 ist er Pfarrer der Kirchengemeinde Berlin-Schlachtensee. Er lehrt an der Evangelischen Hochschule Berlin zu Spiritualität.
In der christlichen Kunst ist es die Farbe Blau, die für das Himmlische auf Erden steht. Das Blau in Chartres weckt eine Sehnsucht nach dem Mehr des Lebens oder, wie es die evangelische Theologin Dorothee Sölle ausdrückt: "Wir brauchen licht / um denken zu können / wir brauchen luft / um atmen zu können / wir brauchen ein fenster zum himmel". Die blauen Glasfenster öffnen ein Fenster zum Himmel. Sie lenken den Blick zum Himmel. Wenn ich zu den Fenstern schaue, erahne ich in solchen Momenten: Das Leben ist eingebettet in etwas Größeres. Ich bin als Mensch im Geheimnis des Lebens aufgehoben. Das Geheimnis des Lebens, das ich Gott nennen kann.
Vielleicht ist es diese Suche und Sehnsucht, die der Betende des 63. Psalms empfunden hat, wenn er sagt: "Gott, du bist mein Gott, den ich suche. Es dürstet meine Seele nach dir, mein Leib verlangt nach dir aus trockenem, dürrem Land, wo kein Wasser ist." Der Betende fühlt sich ausgetrocknet und erschöpft. Er sehnt sich nach Kraft. Er sucht Gott. Gottes Nähe will er gewiss werden. Er sagt weiter: "So will ich dich loben mein Leben lang und meine Hände in deinem Namen aufheben." Der Betende will Gott loben, ein Leben lang, und seine Hände erheben. Mit Kopf, Herz und Seele sucht der Betende Gott. "Denn du bist mein Helfer, und unter dem Schatten deiner Flügel frohlocke ich. Meine Seele hängt an dir; deine rechte Hand hält mich." heißt es weiter im 63. Psalm.
Ein anrührendes Vertrauen ist das. Der Betende weiß sich im Schatten der schützenden Gottesflügel geborgen. Das ist eine schöne Metapher: Wie die mit ihren Flügeln schützende Vogelmutter ihre Jungen schützt, so ist auch die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen zu verstehen und beschreibt auch eine Grunderfahrung spirituellen Lebens. Eine Beziehung, die auch Zeiten des Zweifels, des Vermissens, der Sprachlosigkeit und des Ringens kennt. Sie gehören zum spirituellen Leben dazu. In der Kathedrale von Chartres mit seinen blauen Glasfenstern betrete ich den Raum meiner Seele: Wie das Blau mich sanft und warm umgibt, so gibt es in mir die sanfte Ahnung: Gottesspuren sind hier zu entdecken. Himmel und Erde sind durchlässig. Manchmal tut sich da ein Fenster zum Himmel auf. Es braucht solche Orte, die uns daran erinnern, dass unser Leben in etwas Größeres eingebettet ist.
Es sind nicht nur die wunderschönen Fenster, für die die Kathedrale bekannt ist, sondern auch das Labyrinth. Das Labyrinth gehört zu den wenigen mittelalterlichen Labyrinthen, die bis heute fast unverändert erhalten geblieben sind. Einzig eine Kupferplatte, die während der Französischen Revolution zu Kanonenkugeln umgeschmolzen wurde, fehlt. Die Erbauung wird auf 1200 datiert. Der Weg durch das Labyrinth beträgt 261,5 m, und es ist in 11 Kreissegmente eingeteilt. 113 Zähne bilden den äußeren Abschluss. Seit mehr als 800 Jahren gehen Menschen durch das Labyrinth, manchmal mit einer Frage, einer Sehnsucht, einem Wunsch, einer Hoffnung. Für manche wird der Weg durch das Labyrinth zu einem Spiegelbild des Lebenslaufes. Für manche ist es ein Symbol für eine Pilgerreise, eine Reise ins Innere, eine Suche nach dem Wesentlichen, eine Begegnung mit Gott.
Mich berührt das Labyrinth als Symbol für das Leben: Es drückt aus, dass das Leben oft nicht nur geradlinig verläuft. Das Leben kennt Umwege, Unsicherheiten, Zeiten des Zweifels und den Aufbruch zu neuen Wegabschnitten. Jeden Freitag werden die Stühle in der Kathedrale von Chartres, die heute über dem Labyrinth stehen, weggeräumt, und unzählige Menschen aus aller Welt gehen durch das Labyrinth. Der Weg durch das Labyrinth hat mich mit tiefer Ehrfurcht erfüllt: Ich bin nicht der Erste und werde auch nicht der Letzte sein, der durch dieses Labyrinth geht. Es hat mich berührt zu wissen, dass so viele Menschen vor mir über diese alten Steine gegangen sind. Die Zeit heute ist eine andere, doch die Steine sind durch die Zeiten hindurch geblieben.
Ich frage mich, ob sie die Fragen, Sehnsüchte, Sorgen und Hoffnungen der da Gewesenen durch die Jahrhunderte in sich tragen und bewahren? Mich berührt dieser Gedanke: Der Weg zur Kathedrale und durch das Labyrinth sind nie vergebens. An diesem Ort wird die spirituelle Praxis wachgehalten, dass alles, was das Leben an Schönem und Schwerem kennt, Gott ans Herz gelegt werden kann. Oft ganz still und leise. Nach Chartres tragen Menschen vieles an Sehnsucht, und manche gehen durch das Labyrinth und tragen Unerklärliches und Untröstliches mit sich.
Der Weg durch das Labyrinth braucht, das habe ich erfahren, Geduld und Vertrauen. Der Weg verläuft nicht geradlinig. Der Abstand zur Mitte wird mal näher, mal weiter. Ein Labyrinth ist ein Irrgarten und keine Spirale. Es gibt keine Sackgassen. Die Mitte bleibt, mal mehr, mal weniger, zu sehen. Darin steckt für mich die tiefe Sehnsucht, die im Labyrinth liegt: Ich komme in der Mitte an. Ich komme im Herzen der Kathedrale an, bei Gott und bei mir. In der Mitte des Labyrinths anzukommen und innezuhalten, kann auch zum Aufbruch für einen neuen Weg werden.
Der Weg durch das Labyrinth ist von diesem leisen Vertrauen geprägt: Auf allen Wegen und Umwegen wird mein Leben von dem Größeren, dem Geheimnis des Lebens, von Gott, in dem mein Leben gründet, begleitet. So auch verbunden mit der Sehnsucht, dass Gott in untröstlichen Erfahrungen schweigend-aushaltend da ist. Der Weg durch das Labyrinth kennt kein Entweder-oder. Es verbindet und weiß um die Schattierungen des Lebens, um die hellen und dunklen Erfahrungen des Lebens. Vieles im Leben lässt sich nicht einfach lösen oder verändern. Immer bleibt der Glaube an diesem Ort auch ein Wagnis und eine Suche: Ich kann mich auf die Glaubenserfahrungen und Sehnsucht der mir Vorangegangenen einlassen, jedoch nie festhalten und besitzen. In diesem Gebet habe ich versucht, dies in Worte zu fassen:
Du, Gott, du bist da. Verborgen-gegenwärtig.
Du bist da, wenn ich mich über das Leben freue.
Du bist da, wenn ich liebe.
Du bist da, wenn ich mich an den grünen Wiesen nicht satt sehen kann und über die Schönheit deiner Erde staune.
Du bist da, wenn ich sprachlos und ohnmächtig bin. Das hältst du mit aus. Wirklich? Bleibst du bei mir, Gott? Du weichst nicht aus?
Stille
Du bist da, bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. (Psalm 139,8–10)
Ich suche, vermisse und klage dir, wenn das Leben zu schwer und zu ungerecht ist.
Ich weine, wenn Fragen offen bleiben.
Ich weine, wenn das Leben zu früh endet.
Stille
Du, Gott, bist da. Das ahne ich sanft.
Du hältst mich. Einen Engel hast du mir versprochen. Daran erinnere ich dich.
Bei dir bin ich geborgen, mein Gott.
Mein Glück bist du. Weil ich bei dir mit allem sein darf. Amen.
Der Weg durch das Labyrinth braucht immer wieder meine Offenheit, aufzubrechen und mich auf den Weg einzulassen. Manchmal auf schwankendem Boden unterwegs zu sein, ohne genaues Ziel und mit einer Sehnsucht, die der katholische Theologe Karl Rahner so ausdrückt: "Wir gehen, wir müssen gehen. Aber das Letzte und Eigentliche kommt uns entgegen, sucht uns freilich nur, wenn wir ihm entgegengehen. Und wenn wir finden werden, weil wir gefunden wurden, werden wir erfahren, dass unser Entgegengehen selbst schon getragen war von der Bewegung Gottes zu uns."



