Die Jugend schwindet: Der Anteil junger Menschen in Deutschland ist mit zehn Prozent der Bevölkerung auf einem historischen Tief. Das zeigen aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts. Gleichzeitig wächst das wissenschaftliche Interesse an Jugendlichen: Es gibt zahlreiche Erhebungen darüber, wie sie denken und handeln, was sie bewegt und ausmacht.
Kilian Hampel führt die Vielzahl der Studien auf eine größere Forschungslandschaft als noch vor 20 Jahren zurück. Es werde heute allgemein mehr geforscht und veröffentlicht, erläutert der Sozialforscher von der Universität Konstanz. Er ist Mitautor der Trendstudie "Jugend in Deutschland 2026", die auf einer repräsentativen Befragung von gut 2.000 Menschen zwischen 14 und 29 Jahren beruht. Jugendstudien legten offen, wo junge Menschen Unterstützung, Verständnis und Förderung benötigten, sagt Hampel.
Interessant seien die Erhebungen zudem für die Wirtschaft, "weil Unternehmen wissen wollen, was ihre Nachwuchskräfte ausmacht". Der Politikwissenschaftler forscht unter anderem zu altersdiversen Teams in der Arbeitswelt und betont, dass es vor dem Hintergrund des demografischen Wandels immer wichtiger werde, dass sich Jung und Alt am Arbeitsplatz verstünden.
Dabei haben gerade Angehörige der sogenannten Gen Z, geboren zwischen 1997 und 2010, mit dem Vorurteil zu kämpfen, faul und unzuverlässig zu sein. Die Hans-Böckler-Stiftung etwa kritisiert, wiederholt würden Generationenunterschiede bei der Arbeitsleistung oder im Krankheitsfalle betont und die Jüngeren in ein schlechtes Licht gerückt. Derartige Behauptungen seien wissenschaftlich nicht haltbar.
Das unterstreicht auch Hampel, der von einer hohen Leistungsbereitschaft junger Menschen spricht. Sie arbeiteten so viel wie lange nicht, stellt der Sozialforscher klar. Das belegen auch Arbeitsmarktdaten des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, wonach die Erwerbsbeteiligung der 20- bis 24-Jährigen 2025 bei fast 77 Prozent lag - sieben Prozentpunkte mehr als noch 2015.
Auch mit anderen Vorurteilen haben junge Menschen zu kämpfen, etwa dass sie nicht alltagstauglich seien, weil sie nach einer Studie des Branchenverbands Bitkom Angst vor dem Telefonieren oder gar dem Betanken ihres Autos hätten, wie die Zeitschrift "Auto, Motor, Sport" 2025 vermeldete.
Ältere stören sich am gesünderen Lebensstil
Selbst eine eher positive Entwicklung wie etwa sinkender Alkoholkonsum wird in sozialen Medien oder auch am Stammtisch teils hämisch von Älteren kommentiert: Mit der Jugend sei nichts los, sie verstehe sich noch nicht mal aufs Partymachen. "Ältere fühlen sich zuweilen auf den Schlips getreten, wenn junge Menschen gesünder leben. So ein Verhalten rüttelt an ihrer eigenen Biografie, der Erzählung, dass ihre Jugend 'die richtige' war", begründet Hampel derart abwertende Perspektiven.
Dabei sei die Kluft zwischen den Generationen gar nicht so groß, betont Hampel. Jung und Alt teilten gemeinsame Werte: Familie, Sicherheit, Freiheit und Höflichkeit hätten für alle Generationen einen hohen Stellenwert. Politisch zeichneten sich eher größere Risse ab: "Unsere Studie zeigt eine Verschiebung hin zu den politischen Rändern. Die Linke ist besonders beliebt bei jungen Frauen, während die AfD bei jungen Männern an Zustimmung gewinnt", führt Hampel aus.
Otto Ellerbrock fordert, weniger über die Jugend zu sprechen, sondern mehr mit ihr. Der 18-Jährige ist Vorsitzender des Landesschülerrats Niedersachsen und besucht das Gymnasium Bleckede bei Lüneburg. Er erlebe viele junge Menschen, die sich intensiv Gedanken über ihre Zukunft machten, schildert er. Und die sei für viele mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. "Dabei geht es nicht nur um die großen Krisen unserer Zeit, sondern um sehr konkrete Fragen: Welchen Beruf kann und möchte ich später ausüben? Kann ich mir irgendwann noch eine eigene Wohnung leisten? Wie sicher ist mein Lebensstandard? Und in welcher Gesellschaft werde ich künftig leben?", führt Ellerbrock aus.
"Junge Menschen haben keine besonders starke Lobby", kritisiert der Schülersprecher. Gerade angesichts der Tatsache, dass der Anteil der Jugendlichen an der Gesamtbevölkerung weiter schrumpfe, bestehe die Gefahr, dass ihre Interessen politisch noch weiter in den Hintergrund rückten. "Das steht für mich in einem bemerkenswerten Widerspruch dazu, wie lange junge Menschen mit heutigen politischen Entscheidungen leben müssen. Ob Klimapolitik, Staatsverschuldung, Rente, Bildung, Infrastruktur oder Wohnungsbau - in vielen Bereichen werden heute Weichen für Jahrzehnte gestellt", sagt Ellerbrock, der auch Mitglied der Jusos ist.
Er wünscht sich, "gerade mit Blick auf extremistische Wahltendenzen unter jungen Menschen" mehr Dialog zwischen den Generationen. Denn er ist überzeugt: "Demokratie lebt auch von Erfahrung und Erinnerung. Beides lässt sich aber nicht vermitteln, indem eine Generation der anderen erklärt, was richtig und was falsch ist." Sozialforscher Hampel stimmt ihm zu: "Vorurteile verfestigen sich stärker, wenn kein Austausch zwischen den Generationen stattfindet."



