Für viele Erstsemester an Universitäten beginnt im Herbst eine Zeit der Einsamkeit. In der Umbruchsphase von Schule zum Studium wollen neue Freundschaften geknüpft sein, nicht selten mit Chatbots, wie eine Untersuchung unter 134 Studierenden des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) ergab. Etwa die Hälfte der Befragten habe "Einsamkeit" gerade zu Beginn des Studiums als Hauptgrund für die Nutzung von Chatbots angegeben, sagt die Leiterin der Studie, Ines Langemeyer.
Die Psychologin mit Spezialgebiet Berufspädagogik wollte wissen: Wie werden Chatbots genutzt und was reizt am Kontakt mit der Maschine im Unterschied zur Mensch-Mensch-Kommunikation? Das Ergebnis: Manche nutzen die KI, um Tipps zu bekommen, andere um sich zu unterhalten oder auch als Partnerersatz. Einige hätten angegeben, dass sie den Chatbot menschlichen Kontakten vorzögen.
"Es zeigt sich, dass es eine Art Sogwirkung des Chatbots gibt, die verführt, weil er nach dem Mund redet", ist die Wissenschaftlerin überzeugt. Die Sprechweise der KI-Chatbots sei "nach allen Regeln der Kunst geschult", um Vertrauen aufzubauen. Auch sei in der Untersuchung deutlich geworden, "dass die Nutzer nicht bewertet werden möchten. Sie wollten ohne Scham sprechen können."
Gerade bei psychosozialen Themen, bei denen es um das innere Wohlbefinden im Austausch mit der Umwelt geht, vermisse sie "Widerstand" durch das Sprachmodell. Hier unterscheide sich der Chatbot klar von einer Therapeutin oder einem Therapeuten: der Chatbot sei nur ein "verbaler Spiegel", kein lebendiges Gegenüber, betont die Psychologin.
Menschliche Beziehung mit KI-Partner nachbilden
Aktuell gibt es mehrere Chatbots, die speziell dafür entwickelt wurden, menschliche Beziehungen nachzubilden. "Replika" gilt als eine der beliebtesten Plattformen zur Gestaltung eines KI-Partners mit mehr als 40 Millionen Nutzern, schreibt der US-amerikanische Psychologe Willis Klein auf der Website "Psychology Today". Danach ist Einsamkeit nur ein Grund für eine Mensch-Maschine-Beziehung. Weitere Gründe seien etwa "der Wunsch, romantische oder sexuelle Fantasien in einer unbeschwerten und urteilsfreien Umgebung auszuleben".
Digitale KI-Begleiter eröffneten neue Formen des sozialen Austauschs, die bislang Menschen vorbehalten waren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Bamberg nach einer Befragung von 36 Replika-Nutzerinnen und Nutzern. "Wir wollten wissen, ob es so etwas wie eine soziale Kommunikation mit einer Maschine geben kann", sagt Wirtschaftsinformatiker Tim Weitzel.
"Auch wenn sie menschliche Kommunikation nur imitieren, nehmen viele Nutzer sie als einzigartig und schwer ersetzbar wahr." Jederzeit eine Bestätigung zu bekommen, sei ein "großes Thema". KI werde oft empathischer wahrgenommen als ein Gespräch mit einem Menschen. Sie punkte gerade bei Sachdebatten gegenüber der Mensch-Mensch-Kommunikation, beobachtet Weitzel.
Verstöße gegen Daten- und Jugendschutz
Subjektiv scheint der AI-Companion somit viele Vorteile zu haben. Doch die Bereitschaft, viel Persönliches in kommerzialisierten, ungeschützten Räumen preiszugeben, hat eine Schattenseite. So ist unklar, was die Firmen mit den Daten machen, wenn man ein Abonnement abschließt. Deshalb ist in Italien die Nutzung von "Replika" verboten, etwa wegen Verstößen gegen den Daten- und unzureichendem Jugendschutz.
"Der Chatbot lädt dazu ein, auch grenzüberschreitende Dinge zu tun", warnt Langemeyer. Gerade Jugendliche könnten sich dazu herausgefordert sehen, die technischen Möglichkeiten zu missbrauchen. Für andere dagegen sei es "eher ein Tool für mehr Kreativität".
Chatbots begünstigen soziale Isolation
Der Mensch-Maschine-Beziehung fehle sowohl die Entscheidungsfähigkeit als auch die Körperlichkeit wie Mimik, die Grundlage jeder Alltags- oder therapeutischen Kommunikation, betont Langemeyer. Der Chatbot imitiere lediglich Empathie und Gefühle, empfinde sie aber nicht. "Gefühle sollten eine Anbindung an die Realität haben."
Mit einem Chatbot drehe man sich im Kreis. Auf psychologischer Seite begünstige dies eine soziale Isolation, analysiert Langemeyer. Zudem leide die demokratische Grundhaltung. Die lebe davon, "dass man fragt, was ist gut für die Gemeinschaft und nicht nur, was ist gut für mich."



