Erschreckend viele Menschen glauben an Verschwörungserzählungen wie jene, die Erde sei eine Scheibe oder die Mondlandung sei inszeniert gewesen. Das ist das Problematische an spekulativen Thesen, stellt Charlotte Lindholms Chef fest: "Am Ende hält man alles für möglich, selbst den größten Blödsinn." Das gilt seiner Ansicht nach auch für ihre aktuellen Ermittlungen: Der Serienmörder, den sie überführen will, sei ein reines Fantasieprodukt.
Zu diesem Zeitpunkt hat sich die LKA-Kommissarin allerdings derart in die Theorie verbissen, dass es kein Zurück mehr gibt. Dabei hat alles wie ein Routinefall begonnen. In einem Demenzdorf ist eine alte Frau so unglücklich gestürzt, dass sie schließlich starb. Lindholm (Maria Furtwängler) hat Bereitschaft und will den Fall rasch zu den Akten legen, aber Matthias Vogel (Andreas Lust) hat was dagegen.
Der Kollege arbeitet in der Abteilung für Altfälle und erzählt eine Geschichte, die auf den ersten Blick abenteuerlich klingt: Als er kürzlich aus persönlichen Gründen in der Residenz war, hat er im Zimmer eines Bewohners ein Foto entdeckt, das er als Schlüssel zur Lösung einer Mordserie betrachtet. Der alte Herr, Gustav König (Thomas Thieme), ist renommierter Musikpädagoge und Opernkomponist ("Christ und Antichrist"), seine Mutter wird in Hannover bis heute als Wohltäterin verehrt, weil sie sich sehr für Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen engagiert hat.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Vogel ist überzeugt, dass es sich bei König um einen Serienmörder handelt, der viele Jahre lang in ganz Deutschland hilflose Personen gequält und schließlich getötet hat. Alle sieben Opfer waren mit einem gelben Accessoire versehen. Die mittlerweile allerdings verschwundene Aufnahme in Königs Zimmer zeigt ein Mädchen im Rollstuhl – und mit gelbem Halstuch. Lindholm möchte den aufdringlichen Vogel, der in seiner Abteilung als "Psychotiker" gilt, am liebsten abwimmeln, aber der Kollege erweist sich als überaus hartnäckig.
Der Österreicher Andreas Lust, in Krimis gern als Verdächtiger und oft genug als Mörder besetzt, spielt diesen Mann mit einer beeindruckenden Hingabe. Vogel hat verschiedene Marotten, die Lindholm auf Dauer als äußerst nervig empfindet, zum Beispiel das Fingerschnipsen vor ihrem Gesicht, wenn er eine Feststellung unterstreichen will, oder sein ständiges "Ich sag’s, wie’s ist."
Außerdem leidet der Polizist selbst unter beginnender Demenz, weshalb er immer wieder bedenkliche Aussetzer hat. Seine Wohnung ist ein komplettes Chaos, Frau und Sohn haben ihn verlassen. Der Mann wirkt wie eine durch und durch verkrachte Existenz; kein Wunder, dass seine Theorie vom Serienmörder in Kollegenkreisen als fixe Idee gilt. Ein Aspekt seiner Argumentationskette macht Lindholm allerdings stutzig: Geografisch deckt sich die Mordserie mit den beruflichen Stationen Königs, der an diversen Musikschulen tätig war.
Auf dieser Basis hat Adolph (Buch und Regie) eine Handlung ersonnen, die optisch sparsam und ruhig umgesetzt ist, zumal sich weite Teile in den Wohnungen oder im Heim abspielen, aber inhaltlich ungemein fasziniert. Über allem schwebt natürlich die Frage, ob Vogels Theorie stimmt oder ob es sich nicht doch, wie Lindholms Chef vermutet, um ein Hirngespinst handelt; die Kommissarin selbst ist ebenfalls hin und her gerissen. Wie sehr sie dieser Fall beschäftigt, zeigt ein Albtraum, den Adolph wie einen Gänsehautmoment aus einem Horrorfilm inszeniert hat.
Dritte Hauptfigur ist der Verdächtige. Thomas Thieme hatte die darstellerisch vermeintlich leichteste Aufgabe: König sagt nichts und tut nichts. Meistens sitzt er bloß reglos da und verzieht keine Miene. Die Behauptung, der Schauspieler versehe den Mann mit einer gewissen Abgründigkeit, wäre daher völlig übertrieben, aber Thieme bringt natürlich eine Aura mit, die ihn für eine derartige Rolle geradezu prädestiniert. Tatsächlich bleibt bis zum Schluss offen, ob der harmlose alte Mann in Wirklichkeit ein Monster ist.
Adolph hat sein Drehbuch in enger Abstimmung mit der Alzheimer Gesellschaft Hamburg verfasst, sie hat das Filmteam auch während der Dreharbeiten beraten, damit die Darstellung der Demenzkranken in Sprache, Mimik und Gestik authentisch bleibt. Das gilt vor allem für die beginnende Krankheit Vogels, weshalb Lusts Rolle überaus facettenreich ist. Das Spektrum reicht von Selbsthass über Aggressivität bis zu tiefer Trauer über die eigene Auslöschung. Vogel wirkt unstet und redet wirr. Mitunter ist das sogar witzig, wenn er neue Wörter erfindet, weil ihm die alten fehlen; aber oft ist es vor allem berührend.



