Freitagabend in Erbach im Odenwald. In einem verwinkelten Gastraum stehen Tische eng beieinander. Die Gespräche sind heiter, Lachen schallt durch den Raum. Die etwa 40 Menschen hier kennen sich nur vereinzelt. Wer neu ist, lernt sein Gegenüber schnell kennen. Kaltes Bier fließt in die Gläser, und vor jedem Gast steht eine Portion Spargel. Drei Jahre lang stand das Gasthaus zum Bären aus dem Jahr 1550 inmitten der verschlafenen Erbacher Altstadt leer. Dass es jetzt wieder mit Leben gefüllt ist, hat mit der örtlichen evangelischen Kirchengemeinde zu tun.
Jeweils sechs Ehrenamtliche aus der Gemeinde übernehmen die Vorbereitung und Bewirtung. "Wir haben ehemalige Konfis dabei, aber auch Menschen über 80. Die Beteiligung ist bewusst offen gestaltet", sagt Pfarrer Philipp Raekow. Jeder könne selbst entscheiden, wie und in welchem Umfang er oder sie sich einbringen möchte. Das Programm zur Eröffnung habe das widergespiegelt: Neben einem Treffpunkt für Ältere gab es ein Afterwork-Angebot und eine Veranstaltung für Jugendliche. Künftig sollen weitere Formate dazukommen und den "Bären" zu einem festen Bestandteil des Gemeindelebens machen. Bis dahin treffen sich die Menschen an den Freitagabenden, um gemeinsam ins Wochenende zu starten.
"Früher ist man nach dem Gottesdienst zum "Bären" gekommen und hat sich noch unterhalten. Das ging dann nicht mehr", erinnert sich Regina Stellwag. Sie ist Kirchenvorstandsvorsitzende und schon lange Zeit Teil des Orga-Teams. Die Gemütlichkeit habe den Erbachern sehr gefehlt. Umso größer ist die Freude, dass der "Bär" wieder geöffnet hat: "Hier trinkt man ein Bierchen, hier trinkt man ein Weinchen, aber es gibt auch tiefsinnige Gespräche."
Bär aus dem Winterschlaf erwacht
Besonders Lesungen hätten einen besonderen Charme, der nur noch wenig an eine Kneipe erinnere. Die Gäste nehmen auf Sofas Platz und sprechen über Literatur.
Raekow und seine Gemeinde hatten das historische Fachwerkhaus im vergangenen Herbst gekauft. Es ist eines der wenigen Bauten in Erbach, die noch aus dem 16. Jahrhundert stammen und der Übergangszeit vom gotischen zum Renaissancefachwerk zugeordnet werden. Im Mittelalter diente das Gebäude zunächst als Schlachterei, später als Wirtshaus. Gasthaus und Kirche prägen das Stadtleben in Erbach bereits seit Jahrhunderten - nicht zuletzt wegen ihrer unmittelbaren Nähe. Der "Bär" liegt direkt gegenüber der Stadtkirche, nur wenige Schritte entfernt.
"Der Bär ist in guter Verfassung und wurde erst vor wenigen Jahren renoviert", versichert der Pfarrer. Sorge, dass sich die Kirchengemeinde mit der denkmalgeschützten Immobilie übernimmt, hat er dementsprechend nicht: "Lediglich die Technik muss regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht werden." Auch kleinere Umbauten, damit der "Bär" barrierefrei zugänglich wird, seien kein Problem.
Landeskirche will Gebäudebestand reduzieren
Das Gasthaus ersetzt nun das alte, zu groß gewordene Gemeindehaus. Auslöser für den Kauf des Bären war das "Kirchengesetz zum qualitativen Konzentrationsprozess" der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Es ist Teil des Zukunfts- und Sparprozesses "ekhn2030" und sieht vor, dass die EKHN bei den Gebäuden in ihrem Besitz mindestens zehn Millionen Euro pro Jahr einspart. Ziel ist es, den Immobilienbestand viel stärker als bisher an den realen Bedarf vor Ort anzupassen.
Die Gemeinde von Raekow folgte dieser Vorgabe. Aus dem Erlös des alten Gemeindezentrums konnten sie die traditionsreiche Gaststätte wiedereröffnen und können ihr Gemeindeleben dort stattfinden lassen. "Der 'Bär' ist ein großer Name in der Stadt. Nicht nur als Gaststätte, sondern als Treffpunkt, zu dem Leute einfach kommen können, ohne dass sie viel Geld mitbringen müssen", sagt der Pfarrer.
Der Tresen - Ort für ehrliche Gespräche
Dass an Orten wie dem "Bären" viele unterschiedliche Menschen zusammenkommen und miteinander ins Gespräch finden, sei von großer Bedeutung. "Nicht nur für den eigenen Glauben, sondern auch für die Demokratie", sagt Pfarrer Raekow. Gerade am Tresen einer Kneipe entstünden oft ehrliche Gespräche. "Ich habe früher selbst länger in der Gastronomie gearbeitet und weiß, dass jeder irgendwie Gesprächsbedarf hat."
Der Wirt an diesem Freitagabend, ein Mann in türkisfarbenem Polohemd, ist sonst nur Gast hier, heute schenkt er aus. Eine Frau aus dem Kirchenvorstand kocht für alle, zwei junge Männer übernehmen den Service. Hinter dem Tresen läuft alles Hand in Hand, und davor setzt sich der Pfarrer überall einmal dazu, zieht von Tisch zu Tisch und schenkt ein offenes Ohr: "Als guter Wirt schafft man es, dass sich die Menschen willkommen fühlen." Er habe das Ziel, genau das auch zu schaffen.



