Dreimal wurde er infolge der beiden Weltkriege aus der Türkei und dem Iran ausgewiesen, jedes Mal fing er unverdrossen wieder an, dort Heime und Bildungsstätten für blinde und behinderte Kinder aufzubauen. Der evangelische Pastor Ernst Jakob Christoffel (1876-1955) war überzeugt: "Die Tat der Liebe ist die Predigt, die jeder versteht."
Aus seiner Gründung der Christlichen Blindenmission ist ein weltweit arbeitendes Hilfswerk erwachsen, das bislang mehr als 15 Millionen Menschen das Augenlicht wieder geschenkt hat. "Er ist ein echtes Stehaufmännchen gewesen", sagt das Vorstandsmitglied der heutigen Christoffel-Blindenmission (CBM) mit Sitz im südhessischen Bensheim, Rainer Brockhaus.
"Er hat so viele Rückschläge erlebt, doch hat er immer weiter gemacht." In Mönchengladbach-Rheydt in eine Handwerkerfamilie geboren, sei Christoffel christlich geprägt worden in dem Sinn: "Die Liebe Gottes soll an Menschen weitergegeben werden, die von Menschen nicht geliebt werden."
Massaker an Armeniern gaben Anstoß
Gepackt von den Nachrichten über Massaker an den christlichen Armeniern im Osmanischen Reich, reist der Theologie-Absolvent der Predigerschule Basel im Auftrag des Schweizerischen Hilfskomitees für Armenien 1905 in die Türkei. Im anatolischen Sivas leitet Christoffel gemeinsam mit seiner Schwester Hedwig zwei Heime für armenische Waisenkinder, deren Eltern bei den Pogromen ums Leben kamen. Dort erkennt er: Häufig ist Blindheit die Ursache von Armut. Christoffel hat die Mission seines Lebens gefunden.
Nach dem Einsatz sammelt er einen Freundeskreis zu seiner Finanzierung und bricht 1908 erneut auf. Mit seiner Schwester reist er in das südosttürkische Malatya, wo sie das Heim Bethesda für behinderte und verlassene Kinder gründen. Ein bettelnder blinder Waisenjunge erzählt ihm, dass die anderen Kinder oft Steine nach ihm werfen: "Zu mir sagt man: Du Hund, du blinder Hund, du Sohn eines Hundes." Für Christoffel war der Junge ein von Gott geliebter Mensch mit dem Recht auf ein Leben in Würde. Den Weg dorthin bereitet er durch Erziehung und Bildung.
Lehrbücher in Landessprachen und Blindenschrift
Christoffel lernt Türkisch und Armenisch, übersetzt Lehrbücher in Blindenschrift und unterrichtet. Kinder, die zuvor verachtet worden seien, würden in Bethesda für ihr dort gelerntes Können bewundert, berichtet er. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs muss Christoffel das Land verlassen, kann aber 1916/17 nach Malatya zurückkehren. Inzwischen haben türkische Soldaten einen Völkermord an den Armeniern begangen. Die Hälfte der Heimfamilie lebt nicht mehr.
Bethesda ist zu einem Lazarett für türkische Soldaten geworden. Gleichzeitig macht es Christoffel zu einer Zufluchtsstätte für Verfolgte. 1918 müssen die Deutschen auf Verlangen der Alliierten aus dem Osmanischen Reich ausreisen. Als Christoffel zurückkehren kann, verweigert die türkische Regierung ihm die Arbeitserlaubnis.
Neuanfang im Iran
Auf beschwerlichen Umwegen reist er in den Iran. In Täbris gründet der Pastor 1925 erneut ein Heim. Christoffel lernt Persisch, Aserbaidschanisch und den armenischen Ararat-Dialekt. Er entwickelt Lehrbücher in diesen Sprachen und übersetzt sie - auch Literatur und Bibelstellen - in die Blindenschrift.
Der Unterricht für die ehemaligen Straßenkinder, Blinden und Behinderten ist vielfältig: Lesen und Schreiben, Handwerken und Sport, Botanik und Zoologie. 1929 zieht Christoffel weiter nach Osten nach Isfahan und gründet dort ein weiteres Heim. 1943 nehmen die Engländer ihn gefangen. 1946 aus Kriegsgefangenschaft in Deutschland entlassen, gründet der Pastor 1950 ein Heim für Kriegsblinde und Kriegswaisen im Bergischen Land in Nümbrecht, heute das Ernst-Christoffel-Haus der Diakonie. 1951 darf Christoffel wieder in den Iran reisen, mit 75 Jahren macht er sich sofort auf nach Isfahan.
"Seiner Zeit voraus"
Er findet sein Heim in Trümmern vor, die meisten ehemaligen Bewohner sind verschollen. Unverdrossen baut Christoffel ein neues Heim auf. 1955 stirbt er dort. Auf seinem Grabstein steht in Farsi und Deutsch: "Hier ruht in Frieden Gottes Pastor Ernst Jakob Christoffel, der Vater der Niemandskinder, Krüppel und Taubstummen".
"Christoffel war in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus", sagt CBM-Vorstand Brockhaus: in der Anerkennung der Würde von Behinderten, im Verständnis von Mission als "Tat der Liebe" und in der Anpassung an die Menschen vor Ort. Christoffels letzte Gründung, das Heim in Isfahan, sei nach der Revolution 1979 und der Machtübernahme von Ayatollah Khomeini geschlossen worden.
Doch die von Christoffel begründete Arbeit für Blinde und Behinderte hat reiche Frucht getragen: Die Christoffel-Blindenmission (CBM) unterstützt inzwischen weltweit knapp 400 Projekte zur Inklusion von Behinderten in 35 Ländern, wie Brockhaus erklärt. Im vergangenen Jahr seien damit rund zehn Millionen Menschen mit Behinderungen erreicht worden und weitere 60 Millionen Menschen mit Medikamenten vor Behinderungen bewahrt worden.
Nach der ersten Operation des Grauen Stars durch die CBM 1966 in Afghanistan hat die Blindenmission im Jahr 2020 die Marke von 15 Millionen Augenoperationen weltweit überschritten. Diese Menschen hätten wieder ihr Augenlicht erhalten. Brockhaus: "Wir wollen in der Nachfolge Christoffels lebensverändernd wirken."



