Kann ein Computerspiel von Jesus erzählen?

Szene aus dem Computerspiel "Gate Zero"
Reveb Communications
im Game "Gate Zero" reist "Max"durch die Zeit und an Orte aus der biblischen Überlieferung und erkundet verschiedene Stationen aus dem Leben Jesu .
Christliche Sicht auf Gamescom
Kann ein Computerspiel von Jesus erzählen?
233.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, mehr als 1.700 Aussteller und 368.000 Besucherinnen und Besucher: Wer durch die Hallen der GAMESCOM 2026 läuft, bekommt schnell ein Gefühl dafür, welche Bedeutung Videospiele mittlerweile haben. Ruben Ullrich von Faith & Pixels berichtet.

Laut aktuellen Zahlen von "game", dem Verband der deutschen Games-Branche, spielen 6 von 10 der 6- bis 69-Jährigen in Deutschland Videospiele. Egal ob auf dem Smartphone, der Konsole oder dem PC. 46% davon sind Frauen. Und das Durchschnittsalter der Spielenden liegt bei 38,3 Jahren. 
Das Gaming längst Teil des Lebens ist, merkt man auch an den riesigen Ständen der großen Publisher, an denen Besucher teilweise stundenlang warten, um kommende Spiele ausprobieren zu können.

Ein paar Hallen weiter präsentieren kleine Indie-Studios ihre Spiele, die manchmal nur von einer Handvoll Menschen entwickelt wurden. Im Cosplay Village laufen Besucherinnen und Besucher in aufwendig gestalteten Kostümen ihrer liebsten Spielfiguren herum. Und in der Retro Area stehen Menschen vor Konsolen und Computern, die teilweise älter sind als sie selbst.

Mittendrin bin ich. Nicht nur als begeisterter Gamer, sondern auch als jemand, der sich beruflich mit der Verbindung von Gaming und christlichem Glauben beschäftigt. Deshalb interessiert mich auf der GAMESCOM nicht nur, welche Spiele in den kommenden Monaten erscheinen. 

Ruben Ullrich auf der Gamescom 2026.

Videospiele stellen längst die großen Fragen

Wer Videospiele vor allem als Zeitvertreib betrachtet, übersieht einen Teil dessen, was das Medium heute ausmacht. Natürlich geht es auf der GAMESCOM um Unterhaltung, neue Technik und das nächste große Spiel. Aber Videospiele erzählen auch Geschichten. Und diese Geschichten beschäftigen sich teilweise mit ziemlich großen Fragen: Was bin ich bereit, für einen anderen Menschen zu opfern? Kann Schuld vergeben werden? Was macht einen Menschen überhaupt zu einem "guten" Menschen? Wie gehe ich mit Tod und Verlust um? Und welche Verantwortung trage ich für andere?

Solche Fragen begegnen Spielerinnen und Spielern beispielsweise in Spielen wie "The Last of Us", "Life is Strange" oder "Cyberpunk 2077". Anders als in einem Film beobachten sie die Figuren dabei nicht nur. Sie steuern sie, begleiten sie über viele Stunden und treffen teilweise selber die Entscheidungen, die die Spielfigur dann ausführt. Auch die Bundeszentrale für politische Bildung beschäftigt sich mit dieser Wirkung von Videospielen. Auf der GAMESCOM war sie mit einem eigenen Stand vertreten. Im Gespräch mit Dr. Felix Zimmermann, Referent für Games-Kultur, politische Bildung und Extremismus, ging es unter anderem darum, dass Games dabei helfen können, andere Perspektiven einzunehmen und Empathie zu fördern.

Videospielliste "Democracy at play"

So geht es in dem Spiel "Future? No thanks!" um eine ökosozialistische Utopie, die im Jahr 2045 stattfindet. Dieser Gesellschaft geht es besser denn je. Denn, so steht es auf der Website des bpb: "Der Klimawandel wird endlich bekämpft, die Demokratie blüht, und die Technologie dient dem Gemeinwohl. Es gibt nur ein Problem: dich." Die Spielfigur ist ein alter Mann, der seinen letzten Tag zu leben hat und sich nicht in die Utopie einfügen will. Als Ewiggestriger stört er sich an dem kostenlosen Gesundheitssystem für alle und der allgemeinen Heiterkeit, die diese Utopie versprüht. Und damit hält uns das Spiel wunderbar den Spiegel vor: Wie verhindern wir die Utopie von morgen? Was können wir heute tun?

Dieses Potenzial hat auch die bpb erkannt und daher verschiedene Videospiele in einer Liste mit dem Namen "Democracy at play" zusammengefasst. Natürlich macht das Videospiele noch nicht automatisch zu besseren Lehrmitteln als Bücher oder Filme. Aber es zeigt, dass Games mehr sein können. Sie können Menschen mit Perspektiven und Lebenssituationen konfrontieren, die ihnen im eigenen Alltag vielleicht nie begegnen würden. Und genau an diesem Punkt wird es für mich als Christ interessant.

Videospiel mit Vermittlung biblischer Geschichten

"Gate Zero" versucht etwas, bei dem ich zunächst skeptisch war: ein unterhaltsames Videospiel mit der Vermittlung biblischer Geschichten zu verbinden. Entwickelt wird das Spiel von Templar Media. Darin reist die Hauptfigur Max mithilfe einer Zeitmaschine zurück in die Zeit Jesu. Spieler:innen können Orte aus der biblischen Überlieferung erkunden und verschiedene Stationen aus dem Leben Jesu miterleben. Aus der Perspektive von Max werden das Leben und das Wirken Jesu erlebt. In der Demo, die ich auf der GAMESCOM ausprobieren konnte, wurde dabei der Fokus auf dem Erkunden und dem Kampfsystem gelegt. Ähnlich wie bei den großen Vorbildern "Assassins Creed" oder "God of War" ging es hier in der Third-Person-Perspektive durch verwinkelte Level.

Es entstand eine spannende Atmosphäre. Musik und Sounddesign wussten dabei genauso zu überzeugen, wie die Grafik. Doch gleichzeitig stellten sich mir auch Fragen: Welchen Fokus legen die Entwickler? Geht es mehr um das Gameplay, also darum, dass sich das Spiel gut anfühlt? Oder geht es mehr darum, die biblischen Geschichten möglichst akkurat darzustellen? Schließlich gab es in den letzten Jahren immer mal wieder verschiedene "Christ-Games".

Im Interview mit Arve Solli, dem Producer von Gate Zero, beschreibt er genau diesen Anspruch. Gate Zero soll auf der einen Seiten Spaß machen und einfach zu spielen sein. Und auf der anderen Seite Jesus auf die Art und Weise darstellen, wie die Bibel es tut. Ein hoher Anspruch, an dem das Team von Gate Zero seit 2022 arbeitet. Gleichzeitig lässt die Bibel natürlich auch oft Möglichkeiten der Interpretation. Hier können die Spieleentwickler von Templar Media ihrer Kreativität freien Lauf lassen. 

Solli sieht in dem Spiel auch Möglichkeiten für die kirchliche (Gruppen-)Arbeit. Im Gespräch nannte er beispielsweise Jugend- und Konfirmandengruppen, die einzelne Abschnitte spielen und anschließend über die entsprechenden Bibeltexte sprechen könnten. Gate Zero könnte also eine Möglichkeit sein, die biblischen Texte auf eine ganz andere Art und Weise zum Leben zu erwecken. Ob Gate Zero diesen Anspruch über ein ganzes Spiel hinweg erfüllen kann, wird sich erst zeigen müssen. Erscheinen soll es 2027.