Psychische Belastung für Seeleute immer höher

Schiff an Straße von Hormus
Uncredited/AP/dpa
Die Deutsche Seemannsmission hat auch einige Schiffe und Besatzungen betreut, die durch die Straße von Hormus gefahren sind. Dabei haben die Mitarbeiter gemerkt, wie belastend das für die Seefahrer war.
Deutsche Seemannsmission
Psychische Belastung für Seeleute immer höher
Die Deutsche Seemannsmission feiert am 7. September in Hamburg ihren 140. Geburtstag. evangelisch.de-Reporter Ulf Buschmann spricht mit Generalsekretär Matthias Ristau über die Herausforderungen für die Arbeit mit den Seeleuten.

Die Deutsche Seemannsmission ist eine christliche, ökumenische Organisation, die Seeleute seelsorgerisch, praktisch und politisch unterstützt. Am  7. September feiert sie in Hamburg ihren 140. Geburtstag.

Aus diesem Anlass hat evangelisch.de-Reporter Ulf Buschmann mit Generalsekretär Matthias Ristau über die Herausforderungen für die Arbeit und für die Seeleute angesichts einer unsicherer gewordenen Weltlage gesprochen.

evangelisch.de: Wir bewegen uns jetzt ja nun in einer sehr volatilen Weltlage. Wird es für die Seeleute unsicherer, zur See zu fahren?

Matthias Ristau: Definitiv! Wenn ich jetzt etwas länger zurückblicke, dann hatte man vor einigen Jahren noch den Eindruck, es verbessert sich durch die 2006 beschlossene Maritime Labour Convention. Die ist 2013 in Kraft getreten. Dadurch gab es besser funktionierende Regeln für die Seeleute und für die Bedingungen an Bord. Die Wirtschafts- und Finanzkrise war schwierig, aber diese Regeln galten weiter. Dann kamen die Pandemie, der Ukrainekrieg, dann die Krise am Roten Meer und jetzt noch der Konflikt zwischen den USA und dem Iran mit den Folgen für die Straße von Hormus.

Manche Auswirkungen der Pandemie sind immer noch zu spüren. So ist zum Beispiel der Landgang schwieriger geworden. Auch der Ukrainekrieg geht weiter, auch da werden gerade viele zivile Schiffe von beiden Seiten beschossen. Und die Huthi beschießen weiter von Zeit zu Zeit Schiffe, die Piraterie vor Somalia hat wieder zugenommen. Und an der Straße von Hormus ist nicht wirklich eine Lösung in Sicht.

Welche Auswirkungen hat das alles auf die Seeleute?

Ristau: Es hat dramatische Auswirkungen mit schwer abzuschätzenden Langzeitfolgen. Während der Corona-Pandemie haben sogar Filipinos, die das Gros der Besatzungen auf den großen Schiffen stellen und die ich persönlich kenne, ihren Job an den Nagel gehängt. Das ist ein zunehmender Trend. Dabei brauchen wir diese Menschen. Schließlich muss die Welt mit Waren versorgt werden. Wenn immer weniger Leute bereit sind, zur See zu fahren, ist das ein Riesenproblem. Der mentale psychische Druck hat stark zugenommen. Das eine ist die direkte Gefahrensituation, wenn beispielsweise ein Schiff getroffen wird und Menschen, die man kennt, verletzt oder getötet werden.

Das führt nicht nur bei den direkt betroffenen Seeleuten, sondern bei allen zu diesem Gefühl, dass sie der Welt eigentlich egal sind. Und es gibt auch einzelne Berichte, nach denen die Seeleute von der Reederei dazu gezwungen werden, durch die Straße von Hormus zu fahren. Wir haben auch selbst einige Schiffe und Besatzungen betreut, die durch die Straße von Hormus gefahren sind. Dabei haben wir gemerkt, wie belastend das für die Seefahrer war.

Es gibt Aussagen, nach denen gerade die Filipinos nur zur See fahren, um ihre Familien zu ernähren. Sind das die Erfahrungen der Deutschen Seemannsmission?

Ristau: Bei den Filipinos ist es definitiv so, dass ich sage, mindestens 95 Prozent sagen: "I sacrifice myself for my family", ich opfere mich für die Familie. Sie fahren für die Familie aus finanziellen Gründen zur See. Das ist längst nicht bei allen Nationalitäten so. Wir haben uns ein bisschen mit dem Thema chinesische Seeleute gerade beschäftigt, für die ist es finanziell immer weniger attraktiv.

Die psychische Belastung, ist für viele zu viel, erklärt der Generalsekretär der Deutsche Seemannsmission, Matthias Ristau.

Deshalb nimmt die Zahl von Seeleuten aus China inzwischen wieder ab. Und zugleich sind die Filipinos unter Druck, weil sich in anderen Ländern Menschen finden, die noch günstiger sind als die Filipinos. Selbst bei den Filipinos gibt es welche, die sagen, auch das Geld ist es mir nicht mehr wert, wenn das Risiko so hoch ist und wenn man so schlecht behandelt wird. Das heißt, diese Belastung, eben auch die psychische Belastung, ist für viele zu viel. Da ist es wichtig, dass die Seeleute betreut werden, wenn schwierige Sachen passiert sind.

Welche Auswirkungen hat das alles auf die Menschen? Kann man schon von einer postraumatischen Belastungsstörung sprechen?

Ristau: Es ist normal, dass man von solchen Sachen belastet ist. Ob das eine Störung wird, hängt auch davon ab, wie man damit umgeht. Deshalb ist es wichtig, dass es so etwas wie psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) auch für die Seeleute gibt. Das findet aber nicht immer statt. Ich hab vor kurzem mit den Kollegen in Durban, Südafrika, gesprochen.

Da kommen jetzt ja viel mehr Schiffe vorbei, weil sie auch den Suezkanal meiden. Auch mit Schiffen, die die Straße von Hormus passieren konnten, haben die Kollegen zu tun. Für solche und andere belastende Ereignisse brauchen wir funktionierende internationale Regeln. Aber diese Regeln werden immer mehr infrage gestellt. Das ist für die Schifffahrt und für die Seeleute katastrophal.

Rücken die Seeleute mehr zusammen?

Ristau: Das hängt sehr davon ab, also welche Nationalitäten an Bord sind, wie der Kapitän und die Reedereien damit umgehen und welche Informationen die Leute haben. Das war schon in der Corona-Krise deutlich zu spüren: Jedes Bundesland und jeder Hafen ging damit anders um. Dann stellen Sie sich mal vor, Sie sind mit fünf Nationalitäten unterwegs, die alle aus ihren Ländern widersprüchliche Informationen bekommen.

Auch jetzt ist es so, dass die verschiedenen Nationalitäten sich unterschiedlich verhalten. Es ist nicht unbedingt so, dass die sich an Bord alle einig sind, auf wessen Seite man steht oder ob es wenigstens die Seite der Seeleute sein sollte. Ich habe Kommentare von Seeleuten auf Social Media gelesen, die gesagt haben: Ist ja toll, dass die Huthi sich für die Palästinenser einsetzen. Da habe ich gedacht: Das sagst du als Seemann, das ist schon ein bisschen merkwürdig. Aber das gibt es eben auch.

In Ihrem Magazin "Lass fallen Anker" fragen Sie Dr. Clara Schlaich, die Präsidentin der Deutschen Seemannsmission, wo die Organisation in zehn Jahren, also zum 150. Jubiläum, stehen wird. Wagen Sie eine Prognose?

Ristau: Die Deutsche Seemannsmission wird in zehn Jahren noch wichtiger sein für die Seeleute, weil die Betreuung und gerade auch die persönliche Betreuung sehr wichtig bleibt. Die persönliche Begegnung bleibt wichtig, und die Besuche an Bord. Auch in zehn Jahren werden wir noch Seeleute auf den Schiffen haben. Die werden wahrscheinlich noch vereinsamter sein und noch weniger Liegezeiten haben. Wir müssen noch mehr auf die Seeleute zugehen.

Trotzdem braucht man auch Begegnungsorte. Wir werden mehr digitale Angebote haben. Wir sind gerade dabei, unseren digitalen Chat wieder ganz neu aufzustellen. Den haben wir in der Pandemie aus dem Boden gestampft und haben ihn technisch noch mal besser aufgestellt. Und wir werden neue Standorte haben müssen, weil sich die Schifffahrt auch verlagert und die Orte auch anders sein werden. Das heißt, wir müssen unser Netzwerk ausbauen – mit Stationen und Unterstützern.