Lena Giovanazzi / laif
Autorin Helene Bracht
So sprechen Sie über Familiengeheimnisse
chrismon: Ihre Mutter hatte ein vulkanisches Temperament, ihr lag das Herz auf der Zunge, wie Sie in Ihrem neuen Buch schreiben. War ihre Offenheit für Sie peinlich oder auch befreiend, weil Sie sich über vieles austauschen konnten?
Helene Bracht: Für mich war es Fluch und Segen zugleich. Als Heranwachsende habe ich mich unablässig für meine Mutter geschämt. Sie erzählte mir zum Beispiel einmal, wie sie als junges Mädchen einen Jurastudenten verehrt hatte und Abend für Abend auf der Mauer vor seinem Haus saß, nur um ihn zu erspähen. Ich fand das würdelos und wollte es gar nicht wissen.
Als ich Mitte 20 war und sie schon Ende 60, ging sie eine Liebesbeziehung ein, von der sie mir ungeheuer viel erzählte. Auch sehr Intimes. Sie war sturzverliebt, mein Vater lebte da schon einige Jahre nicht mehr. Ich freute mich sehr für sie, denn sie hatte eine wirklich leidvolle Ehe gehabt, mein Vater war ein Patriarch, wie er im Buche steht, und sie hat sich ihm vollständig untergeordnet.
Hat sie mit Ihnen auch über ihre Ehe gesprochen?
Ja, ich war so etwas wie ihre Vertraute. Das war mir oft zu viel, es hat mich als Kind und Jugendliche überfordert. Ich hatte ständig das Gefühl, meine Mutter beruhigen, halten und trösten zu müssen. Da war ihre Offenheit eine Bürde für mich.


