Männer weinen, wenn überhaupt, heimlich, brauchen aber trotzdem viel Zärtlichkeit, denn auch sie sind verletzlich: So sang Herbert Grönemeyer 1984 in seinem Lied "Männer". Gut vier Jahrzehnte später hat sich der Wind gedreht: Männer wollen wieder echte Kerle sein. Befeuert wird diese Sehnsucht von Influencern, die fragwürdige Methoden propagieren. Männer, heißt es in Grönemeyers Klassiker, "baggern wie blöde", und deshalb suchen viele unfreiwillige Junggesellen nach Jahren des Misserfolgs ihr Heil bei jenen, die ihnen scheinbar eine Lösung ihrer Probleme offerieren.
Valerie von Boehn hat deren Aufrufe immer wieder optisch geschickt in ihre Reportage integriert, mal als Projektion auf einer Hausfassade, mal als Wandschmuck im Wohnzimmer. Die Parolen dieser "Pick-up-Artists", die das "Aufreißen" zur Kunstform erhoben haben, sind purer Sexismus und zutiefst frauenfeindlich. Feministinnen werden nicht zu Unrecht monieren, "Alpha – Wann ist ein Mann ein Mann?" hätte die weibliche Perspektive auch vor der Kamera berücksichtigen sollen: Die Protagonisten sind allesamt Männer.
Ein "Gangsta"-Rapper namens Ego, den die Autorin zum Friseur begleitet hat und bei der Aufnahme eines Songs zeigt, formuliert, was seiner Ansicht nach viele denken: "Es ist hart, ein Mann zu sein. Es baut auf jeden Fall Druck auf." Richtige Männer, sagt er sinngemäß, trinken doppelten Espresso und nichts mit Milchschaum. Er macht nach eigener Aussage Musik, "die hart und unzensiert" ist.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
In einer Hinsicht hat der Sänger allerdings recht: In ihren Bemühungen, den Rückstand der Mädchen abzubauen, hat die Pädagogik die Jungs vergessen. In Schulen und Unis sind Mädchen und Frauen längst an den Jungen und Männern vorbeigezogen: Die einen wurden und werden gefördert, von den anderen sind viele auf der Strecke geblieben. Dieser gesamtgesellschaftliche Aspekt gehört unbedingt zur Wahrheit dazu, er findet in Boehns Beitrag jedoch keinerlei Berücksichtigung.
Ihr geht es vor allem ums Rollenbild, und in dieser Hinsicht gibt es es gleich zwei Leerstellen. Viele "richtige Männer" haben einen kulturellen Hintergrund, der eine traditionelle Weltanschauung pflegt. Dies zu thematisieren, war Boehn jedoch womöglich zu heikel. Ein weiteres Versäumnis bleibt ebenfalls unerwähnt: In Westeuropa wurden alte Ansichten geschreddert, neue jedoch zu wenig oder nicht überzeugend genug vermittelt.
Diese Lücke ist das Einfallstor für Leute wie Hendrik Mati. Der Dating-Coach hilft seinen Klienten dabei, die "ideale Partnerin" zu finden; so steht es zumindest auf seiner Website. Menschen mit einem fortschrittlichen Weltbild dürften seine Tipps allerdings ziemlich für rückschrittlich halten. Früher, erzählt Mati, habe er beim Umgang mit Frauen erfolglos den Vorbildern aus Hollywood-Filmen nachgeeifert, er sei "voll der Lappen" gewesen. Heute weiß er, woran Männer scheitern: Ihre männliche Energie sei zu niedrig.
Frauen, sagt er, bevorzugten Kerle, die Führungsstärke ausstrahlten, ihre Emotionen unter Kontrolle hätten und Konfliktbereitschaft bewiesen, also nicht ’rumjammerten: "Wir sind halt ein Stück weit auch noch Tiere mit Instinkten, die tief in uns verankert sind." Beim Interview sitzt Mati demonstrativ breitbeinig auf seinem Stuhl, seine Ausführungen untermalt er gestenreich. Er selbst, soll das wohl verdeutlichen, lebt seine Philosophie sehr erfolgreich aus.
In einem Online-Beratungsgespräch, bei dem ihn die Autorin filmen durfte, sagt er: "Die Natur einer Frau braucht auch ein bisschen deine maskuline Energie." "Ein bisschen" ist selbstredend pure Schönfärberei. Ein Mann soll Frauen das Gefühl vermitteln, er könne sie beschützen: "Sie können zu ihm aufschauen."
Das klingt nach einem Rollenbild aus den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts und passt daher perfekt ins Weltbild reaktionärer Parteien. Tobias Ginsburg hat sich als Journalist und Autor intensiv mit dem Thema beschäftigt und hält die Entwicklung für äußerst bedenklich: Ratgeber wie Mati, glaubt er, propagierten progressive Kräfte als Feindbild, demontierten das Selbstbild ihrer Klienten und machten sie "als Menschen kaputt".
Fortan lebten sie in einem ständigen Kampf gegen die eigenen Schwächen und gegen eine Welt, die irgendwann nur noch aus Feindbildern bestehe; so trieben sie die Männer letztlich dem Rechtsextremismus in die Arme. Weil ihr das alles womöglich zu unversöhnlich klingt, beendet Boehn ihre Reportage mit zwei Appellen. Ego plädiert für Mit- und weniger Gegeneinander, Ginsburg für mehr Selbstliebe: "Sei doch zufrieden mit der Person, die du bist."



