Die Heldinnen der Freitagsreihen im "Ersten" lassen bedenkenlos alles stehen und liegen, wenn sie anderen helfen können. In dieser Hinsicht fällt "Kavaliersdelikt", der dritte Film aus der diesjährigen Staffel, etwas aus dem Rahmen, denn diesmal muss sich die Leipziger Rechtsanwältin Eva Schatz (ChrisTine Urspruch) in eigener Sache engagieren.
Die Handlung beginnt mit einem unbeschwerten Einkaufsbummel Evas mit ihrem Lebensgefährten (Wolfgang Grandezka). Im Kaufhaus begegnen sie Hannos Tochter Lili (Lola Höller) und zwei Freundinnen. Just in diesem Moment will ein unfreundlicher Hausdetektiv die Taschen der Mädchen kontrollieren: Ein teures Collier ist gestohlen worden. Die Durchsuchung bleibt ergebnislos, und damit wäre die Sache erledigt, aber für Eva geht der Ärger nun erst richtig los: Als sie das Kaufhaus verlassen will, ertönt ein Alarm; triumphierend holt der Sicherheitsmann das Schmuckstück aus ihrer Handtasche.
Natürlich ist die Juristin keine Diebin; eine der drei jungen Frauen muss ihr das Collier untergejubelt haben. Fans der Reihe werden sich noch gut an den Auftakt erinnern, als Lili die Beziehung zwischen ihrem verwitweten Vater und Eva sabotieren wollte. Damals hätte sie sich womöglich zu einer derartigen Tat hinreißen lassen, heute ist sie zutiefst empört, dass Hanno ihr so etwas zutraut.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Kurzerhand packt sie ihre Sachen und verzieht sich zu Bella (Lilly Barshy). Dritte im Mädelsbunde war Alice (Claire Wegener), und weil die Mitschülerin keinen Hehl daraus macht, dass sie hin und wieder mal was mitgehen lässt, fragt Lili sie, ob sie Eva das Collier in die Tasche gesteckt hat; das ist das vorläufige Ende ihrer Freundschaft. Zu diesem Zeitpunkt hat Regisseur Josh Broecker allerdings mit einem winzigen Inszenierungsdetail längst dafür gesorgt, dass das aufmerksame Publikum eine Ahnung hat, wer tatsächlich an dem ganzen Schlamassel Schuld ist.
Die eigentliche Geschichte ist ohnehin eine ganz andere. Elisabeth Reiter, die zuständige Staatsanwältin, ist nach dem Tod ihres Mannes vor einigen Monaten von Berlin nach Leipzig gezogen. Sie entpuppt sich als frühere Kommilitonin und einstmals sogar gute Freundin Evas. Die beiden Frauen haben sich seit ihrer Studienzeit nicht mehr gesehen: Eva, so erzählt sie es, hat Lissy damals den Freund ausgespannt.
Die Wahrheit ist jedoch viel komplizierter, aber das verrät Drehbuchautor Torsten Lenkeit erst viel später. Zunächst weidet sich der Film am frostigen Wiedersehen der beiden Frauen. Kühl weist Elisabeth die einstige Freundin darauf hin, dass sie nicht mehr "Lissy" genannt werden will, dann macht sie ihr klar, dass sie auf keinen Fall den Verdacht der Mauschelei erwecken möchte. Immerhin baut sie Eva eine Brücke: Gegen eine Zahlung von 6.000 Euro wird sie das Verfahren einstellen. Hanno rät seiner Freundin, das Angebot anzunehmen, aber das kommt für Eva nicht infrage, schließlich wäre das ein Eingeständnis ihrer Schuld.
Die Rolle der Gegenspielerin ist mit Diana Amft interessant besetzt, auch wenn sie ihre Rolle wie schon ihre Vorgängerinnen Katharina Heyer und Wolke Hegenbarth als Episodenhauptdarstellerinnen der beiden anderen Filme dieses Jahrgangs etwas zu eifrig verkörpert. Andererseits verstärkt ihr Spiel den Kontrast zwischen den beiden Frauen, und das in jeder Hinsicht. Für Rache ist es nie zu spät, stellt Evas Assistentin (Karmela Shako) fest, und tatsächlich scheint Elisabeth die Konstellation regelrecht auszukosten: Als sich herausstellt, dass im Kaufhaus auch eine Brosche entwendet worden ist, muss sich Eva die polizeiliche Durchsuchung ihrer Wohnung gefallen lassen.
Wie üblich hat Lenkeit den Hauptstrang um einige Nebenebenen ergänzt, die vor allem Jochen Busse mit Spielmaterial versorgen sollen: Evas Vater, Ex-Bundeswehrgeneral Werner Schatz, lässt sich von Hannos Jüngstem zeigen, wie das sogenannte Hütchenspiel funktioniert, und hat dem Jungen zum Entsetzen der friedensbewegten Großmutter (Tatja Seibt) einen ferngesteuerten Panzer geschenkt. Darstellerisch sind gerade die Szenen mit Lola Höller allerdings deutlich überzeugender.
Ein anderes Detail ist dagegen nur bedingt glaubwürdig: In juristischen Kreisen kennt man sich, aber Eva hat angeblich nicht mitbekommen, dass Elisabeth schon seit Monaten am Gericht arbeitet. Zum Finale, als Bella zurück nach Berlin will, gibt es zudem einen Anschlussfehler, der vermutlich den schwierigen Drehbedingungen am Leipziger Hauptbahnhof geschuldet ist: Die große Uhr in der seltsam menschenleeren Bahnhofshalle zeigt 9.30 Uhr, auf der Anzeigetafel mit der Zugübersicht ist es 14.30 Uhr. Alle vier neuen Episoden stehen in der ARD-Mediathek.




