Kaum hatten Hitler und Stalin 1939 einen Nichtangriffspakt beschlossen, schickten sich die Russen an, Finnland zu erobern. Als Deutschland den Pakt 1941 brach, wurde Finnland zum deutschen Kriegsverbündeten. Anders als Norwegen und Dänemark ist das Land nicht besetzt worden, der jüdische Teil der Bevölkerung brauchte daher keine Deportation fürchten, obwohl Deutschland dies forderte und die finnische Staatspolizei diese Forderung gern erfüllt hätten. Der vom Ministerpräsidenten ausdrücklich formulierte Schutz galt jedoch nur für die Einheimischen. Vor Beginn des Zweiten Weltkriegs waren Juden aus Deutschland und Österreich auch nach Finnland geflüchtet; "Nie allein" erzählt ihre Geschichte.
Hauptfigur dieses finnischen Films von Klaus Härö (Buch und Regie) ist Abraham Stiller (Ville Virtanen). In der Rahmenhandlung bekommt der betagte Geschäftsmann 1972 Besuch von einer Journalistin. Die junge Frau will wissen, wer damals dafür verantwortlich gewesen sei, dass jüdische Flüchtlinge deportiert worden sind, und welche Rolle er selbst dabei gespielt habe. Stiller schweigt zunächst, dann schildert er seine Erinnerungen, die schließlich in eine bittere Selbstanklage münden: Hätte er sich ’rausgehalten, wäre den Menschen womöglich nichts passiert. Andererseits: Hätte er dem Treiben tatenlos zugeschaut, wären womöglich noch mehr Personen in die deutschen Konzentrationslager verschleppt worden.
"Nie allein" ist mit Beteiligung von NDR und ORF entstanden, doch dem finnisch-schwedischen Regisseur stand offenkundig kein allzu großes Budget zur Verfügung. Härö und sein Kameramann Robert Nordström haben das durch eine besondere Bildgestaltung ausgeglichen. Die Rahmenhandlung mit dem Interview ist in Schwarzweiß gehalten, aber "bunt" wäre als Bezeichnung für die ausführlichen Rückblenden völlig übertrieben: Die Farben sind gedeckt und düster; auf diese Weise wirkt das Rot der Hakenkreuzfahnen umso plakativer. Innen wie außen liegt zudem ein ständiger Dunst in der Luft. Die Deportation findet, wie Alain Resnais einst seinen berühmten Dokumentarfilm über den Holocaust genannt hat, bei "Nacht und Nebel" (1955) statt.
Tilmann P. Gangloff setzt sich seit 40 Jahren als freiberuflicher Medienkritiker unter anderem für "epd medien" mit dem Fernsehen auseinander. Gangloff (geb. 1959) ist Diplom-Journalist, Rheinländer, Vater von drei erwachsenen Kindern und lebt am Bodensee. Er war über 30 Jahre lang Mitglied der Jury für den Grimme-Preis, ist ständiges Mitglied der Jury Kindermedien beim Robert-Geisendörfer-Preis, dem Medienpreis der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), und 2023 mit dem Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik ausgezeichnet worden.
Stillers Erinnerungen beginnen 1938 mit der Ankunft der ersten Flüchtlinge in Helsinki. Von Bord darf allerdings nur, wer Arbeit und Unterkunft nachweisen kann. Stiller appelliert an die Mitglieder der jüdischen Gemeinde und lässt eine Liste mit allen nötigen Angaben erstellen; eine Maßnahme, die in diesem Moment völlig richtig ist, sich im Nachhinein jedoch als fatal erweist, ebenso wie eine Einschätzung, die er dreißig Jahre später im Gespräch mit der Journalistin als "Chuzpe" bezeichnen wird. Das jiddische Wort wird im Allgemeinen mit positivem Beiklang als Synonym für Frechheit oder Dreistigkeit verwendet, doch in diesem Fall steht es für Hybris: Als Georg Kollmann, Ehemann einer Frau, die für Stiller als Schneiderin arbeitet, Finnland angesichts der zunehmend bedrohlichen Atmosphäre verlassen will, überzeugt ihn der Unternehmer, dass ihm und seiner Familie keine Gefahr drohe; eine Fehleinschätzung, die sich Stiller nie wieder verzeihen wird.
Gegenspieler des tragischen Helden ist Arno Anthoni (Kari Hietalahti). Der spätere Leiter der finnischen Staatspolizei wird gleich zu Beginn als glühender Antisemit eingeführt und zu Stillers Erzfeind, als der ihn des Ladens verweist. Nachdem Finnland das Bündnis mit Deutschland geschlossen hat – der Filmtitel bezieht sich auf ein Plakat, das unter dem deutschen Motto "Nie allein" einen Handschlag zwischen einem deutschen und einem finnischen Soldaten zeigt –, lässt Anthoni nichts unversucht, um den Bündnispartnern zu zeigen, dass auch Finnland eine eindeutige Antwort auf die "Judenfrage" finden wird. Als erstes wären die Flüchtlinge dran; später, wenn sich das Volk an die Deportationen gewöhnt hat, sollen die einheimischen Juden folgen. Noch kann Stiller seinen politischen Einfluss geltend machen, aber selbst ein befreundeter Minister kann nicht verhindern, dass Kollmann und einige andere von Stillers Liste als "feindliche Subjekte" ins militärische Sperrgebiet nach Lappland verschleppt werden. Dieses Gebiet wirkt dann doch wie eine besetzte Zone. Stiller trotzt zwar einem deutschen Offizier, der als einzige Filmfigur dem klassischen Bild des Kino-Nazis entspricht, kann jedoch nichts für die Männer tun, die schließlich in der Tat nach Deutschland verschifft werden. Zum Glück ist es Härö gelungen, der auf wahren Ereignissen beruhenden Geschichte mit dem Epilog doch noch ein positives Ende abzugewinnen: Der Schluss ist eine überaus berührende Geste der Vergebung.




