Der stellvertretende EKD-Ratsvorsitzende (2010 bis 2015) und Sachsens früherer evangelischer Landesbischof Jochen Bohl ist tot. Der Theologe starb am Mittwoch in Radebeul bei Dresden im Alter von 76 Jahren nach langer schwerer Krankheit, wie die Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens am Donnerstag in Dresden unter Berufung auf seine Familie mitteilte. Bohl stand von 2004 bis 2015 an der Spitze der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens.
Zudem war er von 2007 bis 2009 stellvertretender Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD). Höhepunkte seiner Amtszeit waren 2005 die Wiedereinweihung der Dresdner Frauenkirche sowie 2011 der 33. Deutsche Evangelische Kirchentag in Dresden, den Bohl als Bischof der gastgebenden Landeskirche begleitete. in der Frauenkirche empfing er 2009 Barack Obama und die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU).
Die sächsische Landeskirche würdigt ihn als einen "Theologen mit großem Gestaltungswillen". Ihm sei es wichtig gewesen, gerade in einer von SED-Diktatur und Säkularisierung geprägten Gesellschaft die Kirche und ihre Dienste als wichtigen Teil des Gemeinwesens ins Bewusstsein zu heben.
Meinungsstark mit sozialem Kompass
Sachsens derzeitiger Landesbischof Tobias Bilz erklärte: "Jochen Bohl war meinungsstark, und er hatte Prägekraft. Er hat auch mich geprägt." Weitsichtig habe er "auf Dinge hingewiesen, die für uns noch heute wichtig sind". Dazu gehöre "die Einsicht, dass auch die Kirche und die kirchliche Arbeit einem steten Wandel unterliegen", erklärte Bilz, der auch stellvertretender EKD-Ratsvorsitzender ist.
Der Leitende Bischof der VELKD, Landesbischof Ralf Meister aus Hannover, erklärte: "Jochen Bohl übte seinen Dienst mit geistlicher Kraft, theologischer Klarheit und einem Blick für die Vielfalt innerhalb der Kirche aus." Auch in bewegten Zeiten habe er "einen klaren Kurs gehalten und die gesamtkirchliche Perspektive nie aus dem Blick verloren".
Experte für soziale Fragen
Bohl galt als Experte für diakonische und sozialpolitische Themen. Vor seiner Zeit als Bischof war er neun Jahre lang Direktor der Diakonie Sachsen. Er sei deren "soziale Stimme" auch außerhalb der Kirche gewesen und habe seine Expertise weit über Sachsen hinaus auch auf Bundesebene eingebracht, erklärte die sächsische Landeskirche. Sein Engagement sei stets "von der Überzeugung getragen" gewesen, "dass Kirche und Diakonie dort handeln müssen, wo Menschen Unterstützung und eine starke Fürsprecherin brauchen".
Gebürtiger Westfale
Der 1950 in Lüdenscheid in Nordrhein-Westfalen geborene Bohl pflegte vielfältige persönliche Kontakte zu Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Gesellschaft sowie der weltweiten Ökumene. Auslandsreisen führten ihn unter anderem zu Partnerkirchen nach Papua-Neuguinea, Tansania und Russland sowie nach Nord- und Südamerika.
Bohl studierte von 1968 bis 1974 Theologie in Wuppertal, Marburg und Bochum. Nach dem theologischen Examen war er Pfarrer in Aplerbeck im Kirchenkreis Dortmund-Süd. Bevor er nach Sachsen kam, leitete er neun Jahre das Evangelische Jugendwerk an der Saar.
Hobby-Fußballer und begeisterter Fahrradfahrer
Im August 2015 war Bohl in den Ruhestand verabschiedet worden. Der ehemalige Hobby-Fußballer und leidenschaftliche Fahrradfahrer lebte mit seiner Ehefrau in Radebeul bei Dresden. Die Pensionierung empfand er als "tiefen Einschnitt". Um den Kopf frei zu bekommen, zog er sich erst einmal die Wanderschuhe an und pilgerte in Richtung Italien. Später genoss er laut eigenen Aussagen seinen Ruhestand: Es sei "eine Zeit der großen Freiheit". Er sei "ein leidenschaftlicher Opa" und spiele mit seinen Enkeln gern Fußball.
Einen seiner letzten öffentlichen Auftritte hatte er 2025 anlässlich seines 75. Geburtstages bei einem Gottesdienst in der Dresdner Frauenkirche. In seiner Predigt betonte er damals die Kraft des Gebets, die er als "ein ganz eigenes Geschehen" beschrieb. Das Gebet sei "unvergleichlich, denn es öffnet einen geistlichen Zugang zu einer anderen Wirklichkeit, es fügt dem Menschlichen das Göttliche hinzu, es baut eine Verbindung auf, die keiner anderen gleicht". Bohl rief dazu auf, in einer Welt voller Krisen und Kriege offen zu sein für Lösungen, für Unverhofftes und Unabsehbares. Oft genug liege gerade in den Reaktionen auf Unerwartetes "ein Glück, das man kaum zu hoffen gewagt hätte, die gute Wendung".



